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"Battleship Island" auf DVD:Ein therapeutisches Epos

Battleship Island

Der Schmutz ist Schminke: Aus den Bergarbeitern von Hashima macht Ryoo fotogene Helden.

(Foto: Koch Media)

"Battleship Island" von Ryoo Seung-wan inszeniert einen Aufstand von koreanischen Arbeitern gegen die Japaner, den es nie gegeben hat.

Von Jan Jekal

Was ein Land beschäftigt, erkennt man nicht zuletzt an seinen Filmen. Nationale Traumata werden zu Topoi, an denen sich Filmschaffende immer wieder abarbeiten. Was für die deutsche Filmindustrie beispielsweise der Zweite Weltkrieg ist oder auch die DDR-Zeit, das ist für das Kino Südkoreas die Leidenszeit unter japanischer Kolonialherrschaft. Die endete mit der Kapitulation des Kaiserreichs nach Hiroshima und Nagasaki, also vor fünfundsiebzig Jahren, das Trauma aber wirkt bis heute nach.

Seine Nutzbarkeit als Gründungsmythos der Republik Korea, seine Attraktivität als Hintergrund für Geschichten heldenhaften Widerstands, zeigt sich seit einigen Jahren besonders deutlich. Die Zeit von 1910 bis 1945 wird von der koreanischen Filmindustrie nun zum ersten Mal großflächig erschlossen. Den meisten internationalen Zuspruch fand Park Chan-wooks Psychothriller "The Handmaiden" von 2016. In anderer Hinsicht, nämlich als ungenierte Propaganda und revisionistische Rachefantasie, ragt Ryoo Seung-wans Epos "Battleship Island" heraus.

Zu Beginn dieses Films wird darauf hingewiesen, dass er wahre Begebenheiten dramatisiert - was er auch tut, ungefähr so, wie Tarantino in "Inglourious Basterds" wahre Begebenheiten dramatisiert hat. Ryoo nimmt sich also einige größere erzählerische Freiheiten. Zumindest die titelgebende "Kriegsschiff-Insel" gibt es wirklich: Hashima, eine zur Festung hochgerüstete winzige Insel im Ostchinesischen Meer, von der aus unterseeischer Kohlebergbau betrieben wurde. Im James-Bond-Film "Skyfall" diente sie als Versteck des Schurken Silva. Zu den Bergleuten zählten auch koreanische Zwangsarbeiter, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten.

Deren Leid zeigt Ryoo mit Wucht: eine Welt aus Wasser, Schlamm und Dreck, aus Knüppelschlägen, Kakerlaken und herabstürzenden Steinen. Aus den Arbeitern macht Ryoo fotogene Helden und dichtet ihnen einen Aufstand an, den es nie gegeben hat. Eine Tragödie deutet er um zum Triumph. So wird aus einem Film über ein grausames Arbeitslager Unterhaltung. "Battleship Island" gehörte 2017 in Südkorea mit sechseinhalb Millionen Kinozuschauern zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres.

Als wollte Ryoo den koreanischen Nachwuchs zum Sturm aufs Nachbarland anheizen

Der Protagonist dieses etwas chaotisch erzählten Films ist ein Bandleader aus Seoul, der gemeinsam mit seiner ungefähr elfjährigen Tochter auf einem Boot zur "Kriegsschiff-Insel" landet. Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, aber die Übermacht Japans ist noch ungebrochen. Der Musiker wird von seinem Kind getrennt und mit anderen Arbeitern in den Schacht geprügelt. Die Tochter bleibt über der Erde, muss den Kolonialherren dienen und sieht die Schicksale koreanischer Sexsklavinnen, euphemistisch "Trostfrauen" genannt.

Regisseur Ryoo entwirft eine Topografie von bestechender Eindeutigkeit: überirdisch die vornehm dinierenden Japaner, unter Tage die geschundenen Koreaner. Ein Mikrokosmos aus Herrschern und Ausgebeuteten, der in seiner effektiven Bildhaftigkeit an die Filme Bong Joon-hos denken lässt. Mit dem Unterschied, dass der Zug aus "Snowpiercer" oder das Designerhaus aus "Parasite" die kapitalistische Klassengesellschaft abbilden, Ryoo aber diese Klassenstruktur für nationalistisches Pathos benutzt, als wollte er den koreanischen Nachwuchs zum Sturm aufs Nachbarland anheizen.

Mit dem propagandistischen Eifer einher geht eine Ästhetisierung des Elends. Bei der Auswahl des Gezeigten bemüht sich Ryoo zwar um drastischen Realismus, lässt ständig jemanden kotzen oder Körper umhergeschleudert werden. An der Künstlichkeit der Kulissen besteht aber nie ein Zweifel. Der Schmutz ist Schminke, die Insel ein Nachbau, die Dunkelheit so ausgeleuchtet, dass man die Scheinwerfer förmlich an der Studiodecke hängen sieht. Die Aura des Gestellten ist keine Schwäche, sondern wirkt vielmehr wie der Kern des Projekts: "Battleship Island" ist historisches Reenactment, therapeutisches Theater, die Verarbeitung der Vergangenheit im Rollenspiel.

Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" hat Ryoo bestimmt gut studiert

So wenig nachvollziehbar Ryoo dabei mal der einen, mal der anderen Figur folgt, so klar ist seine Inszenierung in den Sequenzen, auf die es ankommt. Konzentriert gleitet seine Kamera durch Massenszenen, die Kämpfe sind mitreißend choreografiert, die Knüppelschläge, die Pistolenschüsse, die Fliegerbomben schlagen basslastig ein. Er findet wirkungsvolle Bilder, fallende Frauen, blutige Kinder, auch zersprungene Brillengläser, wie Eisenstein, dessen "Panzerkreuzer Potemkin" Ryoo bestimmt gut studiert hat.

Bis heute führt das Erbe der Insel Hashima zu Spannungen zwischen Japan und Südkorea. Als sie vor einigen Jahren zum Weltkulturerbe erklärt wurde, gestand der damalige japanische Außenminister ihre unrühmliche Geschichte nur halbherzig ein: Zwar mussten Menschen dort gegen ihren Willen arbeiten, das gab er zu. Von Zwangsarbeit könne jedoch keine Rede sein. Dieser Unwille, Unrecht beim Namen zu nennen, feuert das Bedürfnis Südkoreas nach nationaler Selbstvergewisserung sicher an.

Am Ende des Films taucht der Atompilz von Nagasaki den Himmel in goldenes Licht. Eine Figur, aus sicherer Ferne das Spektakel bestaunend, sagt nur: "Da wohnen auch viele Koreaner."

Gunhamdo - Südkorea 2017. Regie und Buch: Seung-wan Ryoo. Mit: Jung-min Hwang, Ji-seob So, Joong-Ki Song, mehr Cast auf IMDb.com. Neu als DVD-Premiere und auf VOD-Plattformen, 145 Minuten.

© SZ/khil
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