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Barenboims "Weiber":Leicht ist schwer was

René Pape (Sir John Falstaff), Wilhelm Schwinghammer (Herr Reich) und Staatsopernchor 
Credits: Monika Rittershaus

René Pape (vorn) als Sir John Falstaff: Der Schürzenjäger muss zum Alt-Rocker mit Schmerbauch und Lottermähne umgedeutet werden. Stimmlich glänzt Pape, doch leider wirkt das Setting unglaubwürdig.

(Foto: Monika Rittershaus)

Klamotte statt Komödie, Posse statt Poesie: Daniel Barenboim dirigiert "Die lustigen Weiber von Windsor" an der Berliner Staatsoper - und scheitert an den Klischees der Inszenierung.

Von Wolfgang Schreiber

Merkwürdig, dass der Wagner-Intimus Daniel Barenboim, der noch kürzlich zweimal den "Ring" dirigiert hat, sich plötzlich stark macht für die "deutsche Spieloper" des 19. Jahrhunderts, die biedermeierliche Shakespeare-Falstaff-Komödie "Die lustigen Weiber von Windsor" von Otto Nicolai. Aber das Stück gehört ja zur Vorgeschichte des Wagnerkosmos. Wie Barenboim und die Staatskapelle die Ouverture im romantischen Weber-Mendelssohn-Tonfall zum Leben erweckten, all den Klanggesten und Zwischentönen zugetan, gelang schön und inspiriert. Nur, die Nähe zur leichteren Oper Italiens, wo Nicolai musikalisch ebenfalls zu Hause war, ging Barenboim weniger gut von der Hand, vertraut ist ihm immer die Wagner-Gewichtigkeit.

Noch merkwürdiger allerdings, und bedauerlich, dass das Stück, vor 170 Jahren hier an der Berliner Staatsoper aus der Taufe gehoben, in dieser Aufführung in zwei disparate, sehr unterschiedlich gelungene Teile zerfallen konnte. Denn was der draufgängerische David Bösch mit der "komisch-phantastischen Oper" anstellte, war nun doch bestürzend: Aus dem bürgerlichen Shakespeare-Singspiel machte er eine missratene Parodie auf das deutsche Kleinbürgertum der bundesrepublikanischen Siebziger- und Achtzigerjahre.

Plastikmöbel, Gartengrill und Wäschespinne: Das Glück ist eine Parodie

Böschs Bühnenbildner Patrick Bannwart baute eine an Banalität kaum zu überbietende Karikatur zweier Einfamilienbungalows, dazugehörig die Vorgärten mit Plastikmöbeln, Gartengrill, Wäschespinnen und Pool. Darin kann das Personal aufgeregt herumkaspern - weder ironisch noch lustig? Aus der Komödie wird so eine Klamotte. Es wird in Bademänteln und Jogginghosen, mit Bierflaschen in der Hand, aufgeregt gerannt und hektisch gestikuliert.

Die alkoholisierte Gesellschaft um den Schürzenjäger Falstaff, mit dem sich zwei Frauen, Frau Fluth und Frau Reich, erotisch gerne abgäben, kommt vollkommen unglaubwürdig daher. Denn dieser hier rundweg unerotische Sir John, der zur Unkenntlichkeit maskierte René Pape (Kostüme: Falko Herold), der große Wagnerdarsteller, ist als eine Art Obdachloser mit Schmerbauch und Lottermähne präsent, muss unappetitlich als Alt-Rocker durch den Raum schlurfen. Und doch glänzt Pape mit seinem charaktervollen tiefen Bass.

Fast alle Solisten stammen aus dem hohen Wagner-Fach, sollen hier aber komödiantisch auf- und überdrehen. Und sich dabei über das eigene Outrieren noch amüsieren. Neben Pape als schmierigem Falstaff sind das Michael Volle als furios eifersuchtswütender Herr Fluth und Wilhelm Schwinghammer als Herr Reich, die koloraturensichere Sopranistin Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schusters dramatisch sonore Frau Reich. Die jugendlichen Liebesleute Anna Reich und Fenton, die Verdi im "Falstaff" so innig aufblitzen lässt, werden als Punk-Paar trashig vorgeführt. Anna Prohaska und Pavol Breslik geben ihnen dennoch lyrische Lebendigkeit. Im dritten Akt, dem Nachtzauber der Falstaff-Düpierung, sollen ein monströser Mond, schwirrende Elfen und Glitzerlichtspektakel zauberisches Flair verbreiten, vergeblich, auch hier wird aus der Poesie bald eine Posse.

Otto Nicolais Oper ist dem Repertoire mittlerweile fast schon abhanden gekommen, jedoch allemal kluger Neubetrachtung wert. Daniel Barenboim hätte sich stattdessen mit Albert Lortzing anfreunden können, vor allem mit dessen romantisch-politischer Freiheitsoper "Regina", dem grandios hellsichtigen Musiktheater der frühen deutschen Revolution 1848, vor Jahren inszeniert von Peter Konwitschny in Gelsenkirchen . Damals entstand auch Otto Nicolais Opernlustspiel. Das heißt: Dreißig Jahre nach der neuen, der friedlichen deutschen Revolution hätte die Berliner Staatsoper mit "Regina" Furore machen können.

© SZ vom 07.10.2019

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