Gesammelte Reden von Barbara Honigmann:Die Jahre der Anpassung

Barbara Honigmann

Das bleierne Gewicht der Wurzellosigkeit: die Schriftstellerin Barbara Honigmann.

(Foto: Peter-Andreas Hassiepen / Hanser)

Barbara Honigmanns Eltern sind nach der Shoah ins sozialistische Deutschland zurückgekehrt. Immer wieder hat sie von dem Leben zwischen Partei und Judentum berichtet. Jetzt sind ihre meisterhaften Texte in einer Sammlung erschienen.

Von Fabian Wolff

Im Rundfunkarchiv lagert, neben vielen anderen Schätzen, eine Diskussion zum Thema "Was war jüdisch - was ist jüdisch?" aus den frühen Neunzigern. Die Sendung diente als Fortsetzung oder Korrektiv zu einer ähnlichen über das Deutschsein, mit Henryk M. Broder als Gast in beiden. Walter Boehlich bezeichnete den Patriotismus des erzürnten Michael Wolffsohn als "Quatsch", und auch ansonsten schien es den Diskutanten leichter zu fallen - bitte nicht Mephistopheles zitieren - zu benennen, was Jüdischsein denn alles eben nicht ist.

Die Sendung wurde vor fast genau 30 Jahren ausgestrahlt, die Frage nach Wesen und Inhalt des Jüdischseins bleibt offen, auch wenn die angebotenen Erklärungen zahlreicher und lauter geworden sind. In der aktuellen deutschsprachigen Literatur kommt vielleicht nur die Summe der Texte aus Barbara Honigmanns Sammlung "Unverschämt jüdisch" einer Art von Antwort nah - einer Antwort von vielen, aber nicht als talmudische Responsa, sondern als Aggada, als Sammlung von Erzählungen. Die Texte sind dabei zufällig entstanden, häufig als Preis- und Dankesreden, in denen Honigmann sich mit den Namensgebern, wie Elisabeth Langgässer, oder dem Ort der Verleihung auseinandersetzt.

Was sie vereint, ist die Beschäftigung mit zwei Kernaspekten ihres eigenen Lebens, dem Schreiben und dem Jüdischsein. Im Gegensatz zu anderen verwischt Honigmann die Grenzen zwischen beiden nie zu sehr und nimmt beides für sich ernst. Oberflächlich gelesen fällt der Titel des Bandes dahinter zurück und erinnert stark an eins der "mein jüdisches Leben wieder so crazy"-Lifestyletaschenbücher der letzten Jahre. Doch er weist, wie so oft in diesen Texten, in Honigmanns Vergangenheit, und in ihr Bücherregal.

Gesammelte Reden von Barbara Honigmann: Barbara Honigmann: Unverschämt jüdisch. Hanser, München 2021. 155 Seiten, 20 Euro.

Barbara Honigmann: Unverschämt jüdisch. Hanser, München 2021. 155 Seiten, 20 Euro.

Sartres "juif inauthentique" aus den "Betrachtungen zur Judenfrage" ist im Ullstein-Taschenbuch von 1963 als "verschämter Jude" übersetzt, die Lektüre des aus West-Berlin geschmuggelten Bandes hatte Honigmann als 14-Jährige in der DDR auf ihren Weg zur unverschämten Jüdin gebracht. Ihre Eltern hatten sich im englischen Exil kennengelernt und waren wie selbstverständlich in die SBZ übergesiedelt. Ihre Mutter Litzi war in England mit dem Doppelspion Kim Philby verheiratet gewesen, dessen Gespenst seither durch die Popkultur geistert, und auch selbst als Agentin tätig. Ihr Vater hatte vor 1933 als liberaler Journalist gearbeitet und sich immer weiter nach links bewegt.

Als klassische jüdische Bürgerkinder hatten sie eine Reihe von anderen Ideologien anprobiert, bis sie beim Kommunismus gelandet waren. Der Schritt in die Partei war auch ein Schritt hinaus aus dem Judentum, "um einfach Mensch, Genosse, Kamerad zu sein", wie Honigmann schreibt. Viel Tradition war eh nicht mehr vorhanden. Das lässt sich schon an der Tatsache ablesen, dass sowohl Vater als auch Großvater mit Vornamen Georg hießen. In der aschkenasischen Namenstradition werden Kinder eigentlich nur nach bereits verstorbenen Verwandten benannt.

Außenstehende finden für solche gar nicht so seltenen Biografien häufig Worte wie "interessant" und "spannend"; wer mit ihnen im Rücken aufgewachsen ist, fühlt auch das bleierne Gewicht der Verirrungen, falschen und richtigen politischen Entscheidungen, Verrat, Lügen und sprichwörtlicher Wurzellosigkeit, aus denen sie sich zusammensetzen zu scheinen. Honigmann hat mehrere Bücher über dieses Gefühl geschrieben, ohne falsche Tränen, auch ohne die Wut von Kafkas "Brief an den Vater", sondern mit großer Zärtlichkeit.

Honigmann beschönigt den Glauben ihrer Eltern an die Partei nicht

Die Texte aus "Unverschämt jüdisch" lesen sich wie lohnende Fußnoten zu dem großen autobiografischen Projekt ihres Gesamtwerks zwischen Erinnerung, Aufzeichnung und mündlicher Überlieferung. Die verschiedenen Sprechanlässe erlauben Honigmann, durch die vielen Stationen und Welten ihres Lebens zu schreiten, wie als nicht unrebellische Kadertochter in Ost-Berlin und als junge Theaterautorin in der DDR.

Dieses unjüdisch-jüdische Leben ihrer DDR-Generation hallt bis heute nach, vor allem weil die Vertreter der nächsten, der dritten Generation gerade so laut versuchen, sich auf ihm als Grundlage zu positionieren und zu definieren. Honigmann, als Mitglied der zweiten Generation, beschönigt den Glauben ihrer Eltern an die Partei nicht und kann genau deswegen die antisemitischen Konnotationen der Stasi-Protokolle über ihren Vater herausarbeiten, ohne ihn wiederum aus seiner eigenen Verantwortung zu entlassen.

"Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude", zitiert sie ihren Vater. Mit ihren Schilderungen von ganz anderem Reden in der Familie und mündlich vererbtem Wissen zeigt die Tochter, dass die Umkehrung auch stimmt: nach außen Genosse, nach innen jüdisch. Es bleibt für sie ein Rätsel, warum die Eltern ausgerechnet zu den Deutschen zurückgekehrt sind. Auch in diesem vermeintlich anderen Deutschland durfte es keine Trauer über Juden als Juden im öffentlichen Raum geben.

Am Ende gibt die Religion die Antwort auf die Frage, was jüdisch sei

Auch die jüdischen Remigranten "trugen diese Entstellungen der Geschichte mit; was sie in ihrem Herzen trugen, weiß ich nicht. Mit ihrer Entscheidung, in der DDR zu leben, hatten sie sich zur Anpassung an die machtpolitischen Tendenzen der herrschenden Ideologie entschieden", schreibt Honigmann nüchtern und klar, ohne Entrüstung. Sie beschreibt diese Anpassung jüdischer und nichtjüdischer Künstler und Schriftsteller immer wieder, mal mit ambivalentem Urteil, mal mit deutlichem, wenn ein Schriftsteller mal wieder "in der Sorge, sich die Gunst der Herrschenden zu erhalten, seine dichterische Energie verschwendet hat".

Sie selbst hat sich mit einem oft zitierten "dreifachen Todessprung ohne Netz" dieser Anpassung entzogen und ist in den Achtzigern aus der DDR nach Frankreich, also vom Osten in den Westen, übergesiedelt, und hat mit ihrem Ehemann ein praktizierendes Leben begonnen, "von der Assimilation in das Thora-Judentum". Aus diesem Schritt, familienbiografisch gesehen gleichzeitig zurück und vorwärts, entstand ihre leise, gar nicht großspurige Selbstgewissheit. Sie erlaubt ihr, in den oft tragischen Vertretern einer behaupteten deutsch-jüdischen Symbiose wie Jakob Wassermann beide Elemente wertzuschätzen und nicht gegeneinander auszuspielen. Bei den von Isaac Deutscher beschriebenen "non-Jewish Jews" wie Heine (oder ihren eigenen Eltern) muss sie das Nichtjüdische an ihnen nicht als in Wahrheit auch jüdisch auslegen, sondern kann die dialektische Spannung aushalten.

Vor allem hat sie nicht zu fragen aufgehört. Wenn sie einer Strömung angehört, dann wohl der modern-orthodoxen "Schomer Mitzwot", das heißt, "uns ohne übertriebenen Eifer darum bemühen, die Gebote und Verbote zu beachten", wie sie in einem schönen Text über die Frage weiblicher Kopfbedeckungen im Judentum schreibt. Auch wenn Kulturjudentum und Zionismus (in der Praxis laut Honigmann eh nur eine Spielart von ersterem) als valide Entwürfe jüdischer Identität verhandelt werden, so ist es doch eben die Religion, die hier die Antwort auf die Frage gibt, was jüdisch sei.

Auf die anschließende, in den letzten Monaten häufig mit großer Perfidie vorgetragene und beantwortete Frage, wer eigentlich jüdisch ist, würde Honigmann wohl oder mit Sicherheit antworten, dass es Kinder jüdischer Mütter oder orthodox anerkannte Konvertiten sind. Mit Sicherheit würde diese Antwort aber nicht auf Ausschluss, sondern auf Einladung abzielen.

Honigmann selbst stellt, wie in einer Erinnerung an ein spontanes Gespräch mit einem jüdischen Sitznachbarn im Flugzeug, die viel profundere Frage, wie Juden sich zueinander in Beziehung setzen sollen. Ihre eigene Antwort wäre wohl, abermals ohne übertriebenen Eifer, mit ernsthafter Toleranz und ohne Missgunst. Auch das ist ein Ergebnis ihrer Selbstgewissheit als Jüdin. Barbara Honigmann, das macht ihre meisterhaften Texte hier so wertvoll, muss niemandem etwas beweisen, vor allem nicht sich selbst.

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