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Biografie von Barack Obama:Zeichen setzen

Nobel Peace Prize laureate U.S. President Barack Obama participates in the Nobel Peace Prize Signing Ceremony at Oslo City Hall

Barack Obama trägt sich bei der Zeremonie zu den Friedensnobelpreisen im Rathaus in Oslo, 2009, ins Gästebuch ein.

(Foto: Kevin Lamarque/Reuters)

Obama soll seine 1000-Seiten-Biografie mit der Hand geschrieben haben. Dahinter dürfte mehr als ein Marketing-Gag stecken.

Von Nicolas Freund

Um Superlative wie die Veröffentlichung der Autobiografie Barack Obamas noch irgendwie zu überhöhen, bleibt nur ein Schritt zurück. So ist es sehr auffällig, wie in Rezensionen des Buchs betont wird, der ehemalige US-Präsident habe das Riesenwerk, das in der deutschen Übersetzung mehr als 1000 Seiten umfasst, nicht nur selbst, sondern sogar mit der Hand geschrieben. Also ganz altmodisch mit einem Stift auf Papier, nicht mit einem Laptop, den man ja auch mit der Hand bedient. Obama selbst hat diese Randnotiz zu seinem Buch in einem Artikel in dem amerikanischen Magazin The Atlantic gestreut, unter anderem mit dem Hinweis, er habe gelbes Papier verwendet.

Herrman Melville hat "Moby Dick" ebenfalls von Hand geschrieben. Aber das war auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wer weiß, vielleicht würde Melville heute Fotos von seinem Urlaub auf den Galapagos-Inseln bei Instagram posten, anstatt Romane zu schreiben. In jedem Fall klingt Handschrift heute sofort nach einem Fall fürs Archiv, und bekanntlich ist Obama als erster schwarzer Präsident der USA ohnehin schon ein Teil der Geschichte. Und obwohl die Handschrift seines Buches mit großer Wahrscheinlichkeit in den "National Archives" landen wird, hat Obama die mehr als 1000 Seiten nicht nur deshalb handschriftlich verfasst, um ein schönes Dokument zu hinterlassen oder einen Marketing-Gag vorzubereiten.

Denn psychologische Untersuchungen zum positiven Effekt, den Schreiben von Hand unter bestimmten Umständen haben kann, sind bekannt und werden gerne wiederholt: Das Schreiben auf Papier zwinge zu Langsamkeit und deshalb zu mehr Nachdenken, außerdem rege es andere emotionale Zentren im Gehirn an als das Schreiben mit einer Maschine. Obama selbst sagte noch dazu, er misstraue Computern, denn sie gäben "selbst den rohesten Entwürfen einen zu glatten Glanz und sie verleihen halbgaren Gedanken die Maske der Ordnung".

Da könnte man nun entgegenhalten, dass es sehr viele Autoren gibt, die auf Computer nicht nur Halbgares produziert haben. Roberto Bolaño, George R.R. Martin und Hideo Yokoyama schrieben und schreiben ihre Werke ausschließlich auf altersschwachen Rechnern, die Schreibmaschine von Cormac McCarthy wurde 2009 für eine überraschende Viertelmillion Dollar versteigert. Schreibgeräte haben eine besondere Aura, vielleicht auch, weil in Zeiten des Buchdrucks Computerdateien kaum als Originale taugen und das Ergebnis des Schreibprozesses immer schon ein Massenprodukt ist.

Das ist bei Obamas Buch nun anders. Es gibt das Original auf Papier, und abgesehen davon, dass Handschriften nur schwer geleakt werden können (was bei den Millionen Dollar, um die es bei diesem Buch geht, keine Nebensache ist), zeigt dieses ausgestellte Schreiben mit der Hand, dass es um mehr als einen lancierten Bestseller geht. Es geht buchstäblich um ein Handwerk, das Obama, der mit seinem großen Interesse für die Literatur nie zurückhaltend war, als solches zelebriert. Als Kunstform, die sich selbst genügt, die nur aus einem Stift und Papier etwas Großes erschafft. Das passt dann doch sehr gut zu der Geschichte, die Obama von sich selbst erzählt.

© SZ/tmh
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