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Bands und ihre Fans:Gealterte Jünger

Was macht Menschen zu bedingungslosen Anhängern eines Sängers oder einer Musikgruppe? Sechs Beispiele aus Deutschland. Von Claudia Fromme und Martin Zips

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Rolling Stones

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Ob Legenden wie die Rolling Stones, Genesis und The Who oder Jungstars wie die Killerpilze - sie alle tourten oder touren in diesem Sommer durch Deutschland. Und mit ihnen ihre Fans, von denen manche sehr viel mehr sind als nur gelegentliche Konzertgänger und Tonträgerkäufer. Die SZ stellt hier einige solcher Superfans vor, von denen manche schon seit Jahrzehnten treue Anhänger ihrer Band sind. Egal, ob diese Rock, Pop oder Schlagermusik schätzen - es gilt die alte Textzeile von John Miles: "In this world of trouble, my music pulls me through." Von Claudia Fromme und Martin Zips

The Rolling Stones

Lothar Fohrn, 56, Verkaufsleiter für industrielle Nähmaschinen, Frechen bei Köln:

"Ich bin froh, dass ich mich für die Stones entschieden habe. Anders als viele Reunionbands, die nur ihre Greatest Hits ableiern, machen die Stones immer wieder etwas Neues. Ich bin seit 1963 dabei. Das erste Mal habe ich die Stones im holländischen Radio Veronika gehört. "Come on", die erste Single. Das fand ich richtig hingerotzt, das war etwas ganz Neues! Damals musste man sich entscheiden: Beatles oder Stones? Brav oder wild? Bei der ersten Tour 1965 war ich in Essen - ein fürchterliches Konzert. Die Mädchen haben so geschrien, dass man nichts von der Musik mitbekommen hat. Ein totaler Soundbrei! 1966 habe ich mir die Haare wachsen lassen. Meinen Eltern hat das nicht gefallen, aber vor den Nachbarn haben die immer gesagt: ,Wieso? Sieht doch schön aus.' Die Stones haben mein ganzes Leben begleitet, seit '63 sammle ich ihre Platten. Mehr als 1200 Stück habe ich, aber nur die aus Deutschland, England und den USA, das wird sonst zu viel. Mein Lieblingslied ist "Brown Sugar" - der absolute Überknaller! Seit damals besuche ich jede Tour. USA, Europa - was sich so ergibt, am Montag in Düsseldorf bin ich natürlich wieder dabei. Da freue ich mich besonders auf Keith Richards, das ist für mich der Rolling Stone schlechthin. Mick Jagger ist die Stimme, aber Keith Richards ist das Herz. Der ist einfach ein ehrlicher Typ, der verstellt sich nicht. Getroffen habe ich die Band über die Jahre auch schon öfter, nach Konzerten. Ich bin aber nicht so ein Kreischfan, irgendwann wird man einfach zu alt dafür."

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Killerpilze

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Die Killerpilze

Katja Schuster, 18, Schülerin in Erlangen und Leiterin des offiziellen Killerpilze-Fanclubs:

"Gesehen habe ich die Killerpilze zum allerersten Mal bei der Bravo-Supershow in Stuttgart, viele weitere Termine folgten. Als ich die Jungs dann zum allerersten Mal persönlich getroffen habe, war ich sofort hin und weg, das war auch der Zeitpunkt, an dem mein Fansein so richtig angefangen hat. Seitdem versuche ich, so oft es geht, bei sämtlichen Konzerten, Autogrammstunden oder Fernsehsendungen dabei zu sein. Als Killerpilze-Sänger Jo gerade 18 Jahre alt geworden ist, bin ich zu seiner Autogrammstunde nach München gereist - und habe ihm anschließend Geburtstagsgeschenke des Fanclubs überreicht. Plektren, Kondome, Ketten, Armbänder, Fotos, Briefe. Offiziell existiert unser Fanclub erst seit zwei Monaten. Bisher haben wir 336 Mitglieder. Da kann man ganz zufrieden sein. Aber natürlich freuen wir uns auch über jedes neue Mitglied. Die Killerpilze gibt es seit etwa drei Jahren und mittlerweile sind sie nicht nur hier in Deutschland berühmt, sondern auch im Ausland wie Frankreich, Polen, Tschechien. Trotz des großen Erfolgs sind die drei unglaublich natürlich geblieben. Echte Punkrocker eben. Früher fand ich Bands wie die No Angels, Bro'Sis oder auch Tokio Hotel toll, doch das ist mir heute eher peinlich. Nach dem Abitur möchte ich gerne im Musikbusiness arbeiten."

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The Who

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The Who

Christian Suchatzki, 48, Wirtschaftsingenieur in der IT-Branche, Maisach in Oberbayern:

"Als ich meinen Freunden 1975 erklärte: ,Ich gehe zu The Who nach Düsseldorf, erste Reihe', haben die gesagt: ,Bist Du verrückt? Da kriegste einen kaputten Verstärker an den Kopf!' Natürlich bin ich hin - in die zweite Reihe. Pete Townshend hat seine Gitarre zerfetzt und Keith Moon etliche Drumsticks. Einen davon habe ich, das ist mein Schatz. Seit ich 1969 ,I'm free' aus der Rockoper ,Tommy' gehört habe, bin ich infiziert. Irre Idee, Oper und Rockmusik zu verbinden! Heute habe ich 2700 Tonträger von den Who. Darunter auch Raritäten aus Simbabwe oder aus den 70ern aus Venezuela, Peru und Chile. Das politische Regime war damals gar nicht offen für moderne westliche Musik, und doch gibt es diese Platten. Über die Musik und die Band berichte ich auch im Internet unter www.the-who.net. Was mich an den Who so begeistert, ist ihre Energie. Durch die ewige Fehde zwischen Roger Daltrey und Pete Townshend entsteht auf der Bühne ein unglaublich aggressiver Sound. Kein Wunder, dass sie es 1976 als lauteste Rockband der Welt ins Guinness Buch geschafft haben. Mehr als 120 Dezibel! Für mich sind sie nicht Mods oder Rocker, sondern - wegen ihres ganz eigenen Stils - nur: The Who. Ich war bei allen fünf Konzerten bei der Deutschlandtournee im Juni und auch in Italien. Die stehen so selten auf der Bühne, da darf man nichts verpassen. Bei Konzerten nicken mir die Jungs manchmal zu, aber geredet habe ich mit ihnen noch nicht. Hat sich irgendwie nie so richtig ergeben. Irre ist, dass man die Who nie im Radio hört, ich bei der Tour aber sogar 15-Jährige gesehen habe, die alle Lieder mitsingen konnten. Das ist schon verrückt."

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Genesis

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Genesis

Christian Gerhardts, 30, Umweltwissenschaftler, Vorsitzender des Genesis-Fanclubs "it", Velbert: "Ende der 80er war mir Musik egal, ich hatte nur Fußball im Kopf. Ich hörte dann während des Konfirmationsunterrichts zum ersten mal ,Another Day In Paradise'. Das hat mich echt umgehauen! Seit 1992 war ich dann bei jeder Tour dabei - ob mit Peter Gabriel oder Phil Collins. Die Fans kriegen sich da ja ziemlich in die Haare, mit wem Genesis besser war. Bei der Sängerfrage bin ich Generalist, am besten aber finde ich Phil Collins als Schlagzeuger. Im Sommer habe ich in Deutschland sieben Konzerte gesehen und die Generalprobe in Brüssel. Aber ich reise auch weiter, 2002 war ich etwa in Kanada bei drei Peter-Gabriel-Konzerten und 2004 bei Phil Collins in Milwaukee und New York. Ich verbinde Urlaub und Tourneen dabei immer, dann geht das auch mit dem Geld. Früher war ich anders drauf, immer in der ersten Reihe, immer auf Autogrammjagd. Heute bin ich relaxter. Auch, weil ich für den Fanclub schon mit der ganzen Band reden konnte. Ein Tambourin mit Widmung von Phil Collins habe ich auch. In der ersten Reihe sieht man bei Genesis vielleicht, wer sich von der Band in der Nase popelt aber nichts von der gigantischen Show. Meine Empfehlung: Zwischen Mischpult und Bühne ist der beste Platz."

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City

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City

Hartmut Helms, 58, Fondsberater, Elsterwerda:

"Ich war einer der ersten Schallplattenunterhalter im Kreis Bad Liebenwerda. So hießen die Diskjockeys in der DDR. Mit einem Freund zusammen habe ich von 1963 an in der "College Disco" aufgelegt. So haben wir unseren Tanzsaal genannt, nach der gleichnamigen Band. Der Sänger hieß: Toni Krahl. Genau, der spätere Sänger von City. Unsere Platten waren oft Bänder. Mit einem Qualiton-Gerät habe ich DDR-Radio mitgeschnitten, aber auch Rias 2. Wir spielten Renft. Theo Schumann. Schikora. Die erste Generation Ostmusik. Aber auch Deep Purple und die Temptations. Dann lief 1973/74 zum ersten Mal "Am Fenster" von City im Radio. Ich habe das mitgeschnitten und im Tanzsaal gespielt. Die Leute waren euphorisch! Über Nacht ist City berühmt geworden und alle wollten die Platte. Gab's aber nicht, die staatliche Plattenfirma Amiga hat sie erst später gepresst. Aber wir hatten ja das Band und das war immer einer der Höhepunkte bei unserer Disco. Später fing ich an, Rockkonzerte zu organisieren. Eines der ersten fand mit City statt, das war 1978 und die Band hatte schon Kultstatus. Aber es ging da nicht um Geld, im Osten war die Musik nicht so sehr dem Kommerz ausgeliefert. Da haben die Bands noch nicht die ganz große Kohle verdient wie im Westen. Ich fand's gut, da auch ich damals an die Idee vom Sozialismus geglaubt habe. Natürlich gab's Dinge zu kritisieren. Auch City hat zwischen den Zeilen gesungen. Sätze wie "... flieg ich durch die Welt" aus "Am Fenster" oder Lieder wie "Wand an Wand" zur Mauer haben uns viel gegeben. Nach der Wende habe ich alles hingeschmissen mit der Ostmusik, war enttäuscht vom Kommerz. Aber seit einigen Jahren habe ich sie wieder für mich entdeckt. Jetzt zum 35. Jubiläum von City bin ich natürlich bei der Tour dabei. City ist auch heute noch etwas Besonderes, vor allem der ehrlichen Texte wegen, die viele Ostbands auszeichnen."

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Kastelruther Spatzen

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Kastelruther Spatzen

Heidi Rühl, 49, Putzfrau, Satteldorf-Ellrichshausen: "Unser Kastelruther-Spatzen-Fanclub heißt ,Kirschblüte'. Es gibt ihn bereits seit acht Jahren. Unsere 22 Mitglieder machen gemeinsame Grillfeste oder wechseln sich bei Kaffee und Kuchen ab. Wir treffen uns jeden Monat bei einem anderen Mitglied im Wohnzimmer. Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam nach Südtirol und treffen die Spatzen in Kastelruth. Die wohnen ja dort und geben dort manchmal auch Konzerte. Nach Südtirol fahre ich schon mehr als 30 Jahre. Die Landschaft beeindruckt mich. Wenn ich die Kastelruther Spatzen höre, muss ich immer an die Landschaft denken. Ich habe schon mit 20 Jahren diese Art von volkstümlicher Musik gehört. Die Texte beruhigen mich, da steckt viel Wahrheit drin. Manchmal höre ich solche Lieder, wenn ich als Putzfrau arbeite. Mit der Musik bin ich sofort gut drauf. Kurz bevor wir mit dem Bus nach Kastelruth fahren, sage ich meinen Sohn immer, welche Stücke er mir auf CD brennen soll. Und die CD hören wir dann die ganze Fahrt lang im Bus."

Foto: dpa

(SZ v. 11./12.8.2007)

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