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Banat:Das Trauma im Tresor

Andreas Wunns Mutter entkam als Kind Titos Partisanen. 70 Jahre später macht sich der Journalist mit ihr zusammen auf eine Reise in die Vergangenheit, auf der Suche nach der verlorenen donauschwäbischen Heimat. Eine Fahrt mit überraschenden Einsichten.

Kann ein Ort Heimat sein, an den man sich nicht erinnert? Den man nur aus verklärenden Erzählungen kennt? Fragt der ZDF-Journalist Andreas Wunn angesichts seiner Spurensuche in der Vergangenheit. Es geht um das Schicksal der sogenannten Volksdeutschen nach 1945, um die kaum bekannte Geschichte der Donauschwaben im Banat, es geht um Schuld und Rache, um Täter und Opfer - und es geht vor allem um Wunns eigene Mutter. Und damit auch um ihn selbst.

Bücher über Kriegstraumata von Soldaten, Zivilisten und vor allem von Kindern haben in den vergangenen Jahren einen großen Boom erlebt. Denn viele Fragen werden offenbar erst jetzt gestellt, mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Krieges, kurz bevor es endgültig zu spät sein wird. Immer mehr in den Vordergrund rückt dabei auch die Frage, wie sich all diese Kriegserfahrungen auf die nachfolgende Generation ausgewirkt haben. Wunns Buch ist hier etwas Besonderes, denn seine Mutter ist eine gute Protagonistin in dem Sinne, dass sie dazu steht, jahrzehntelang geschwiegen zu haben. Und der Sohn muss am Ende der Reise in die Heimat seiner Vorfahren im heutigen Serbien erkennen, dass er so nicht weiterkommt: "Es ist, als gebe es eine Schranke in ihrem Kopf, eine Tresortür, die sich nicht öffnen lässt. Meine Mutter hat noch nie in diesen Tresor geschaut, auch nicht auf dieser Reise."

Nun hat die Mutter das Land ihrer Geburt im Alter von fünf Jahren verlassen, zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter auf einer dramatischen Flucht aus den Lagern von Titos Partisanen im Jahr 1947. Das Erlebte wurde, so gut es ging, verdrängt. Die Reise im Jahr 2017 führt zurück auf der damaligen Fluchtroute über Österreich und Ungarn nach Serbien. Dort war 1941 die Wehrmacht einmarschiert, freudig begrüßt von den meisten der damals etwa 500 000 Donauschwaben, die seit dem 18. Jahrhundert das Land der Pannonischen Tiefebene bewirtschaftet hatten. Sie waren als deutsche Minderheit meist unter sich geblieben, aber mit ihren serbischen, rumänischen und ungarischen Nachbarn im Banat bisher stets leidlich ausgekommen. Doch nun begann die Feindschaft, eine SS-Division aus Volksdeutschen beging Massaker - und die Rache der Partisanen war grausam. Anders als anderswo in Ostmitteleuropa wurden die Deutschstämmigen nach der Kapitulation der Wehrmacht nicht mehr vertrieben, sondern in Lagern interniert, wo vor allem Frauen, Alte und Kinder zum Nichtstun verurteilt, schlecht versorgt und mit Krankheiten geplagt vor sich hinvegetierten. Zehntausende starben in diesen Lagern. Die letzten wurden erst Ende der 1940er -Jahre aufgelöst.

Wunn flicht diese historischen Fakten immer wieder gekonnt in seine Erzählung ein, sodass hier zwar ein Einzelschicksal im Vordergrund steht, aber gleichberechtigt die Geschichte der Banater Schwaben wieder zum Leben erwacht. Wunn und seiner Mutter öffnen sich viele Türen, auch in ihrem Geburtshaus wird sie herzlich empfangen. Doch die Mutter öffnet sich nicht, sie bleibt distanziert. Sie sagt: "Um bestehen zu können, muss man irgendwann einen Schlussstrich ziehen. Ich bin hier geboren, aber es ist nicht meine Heimat."

Und gerade weil die Mutter so reagiert, berührt dieses Buch. Weil viele Kinder und Enkel diese Haltung nur zu gut kennen. Weil es nicht ausreicht, in die Vergangenheit zu reisen. Und weil zwar endlich die richtigen Fragen gestellt werden, aber die Antworten oft unbefriedigend bleiben.

Andreas Wunn : Mutters Flucht. Auf den Spuren einer verlorenen Heimat. Ullstein, Berlin 2018. 256 Seiten, 20 Euro.