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Ballett Zürich:Ewigkeitsfunken

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Die Ballerina Katja Wünsche ist Gudrun Ensslin - im Uschi-Obermaier-Look.

(Foto: Gregory Batardon)

Ein faszinierendes Tanzoratorium: Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" wird in Zürich zur politischen Parabel.

Es braucht Courage, um es mit Achim Freyer, Peter Mussbach und Robert Wilson aufzunehmen. Von ihnen und anderen Theater-Granden ist Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" bereits bearbeitet worden. Seit Freyer 1997 die Uraufführung in Hamburg besorgte, ist das als "Musik mit Bildern" ausgewiesene Multiklangereignis sieben Mal inszeniert und von Japan bis in die USA konzertant gespielt worden.

Noch nie aber hat sich ein Choreograf damit befasst, und noch nie ist es an einem Schweizer Opernhaus aufgeführt worden. Bis Helmut Lachenmann den Zürcher Ballettchef Christian Spuck für die Idee begeisterte, das "Mädchen" in Bewegung zu gießen. So kam es zu einer faszinierenden Premiere und einem tief berührenden Abend. Denn Spuck konkurriert erst gar nicht mit Freyer, Mussbach und Wilson, er setzt eigene Akzente.

Gesellschaftskritik übt schon die literarische Vorlage, das von Hans Christian Andersen 1845 veröffentlichte Märchen. Es erzählt vom armen Mädchen, das am Silvesterabend keine Abnehmer für seine Zündhölzer findet und deshalb eins ums andere selbst entflammt, bis es zuletzt erfriert.

Statt die Handlung musikalisch nachzustellen, dekonstruiert Lachenmann das Wortgerüst und löst es in Vokal- und Instrumentalströme auf. Da fliegen einzelne Silben durch den Raum, schnarren, knistern, keuchen und flüstern die Stimmen der beiden Sopranistinnen und des Chors, während das Orchester seinen Werkzeugen unerhörte Klänge abringt. Das zwanzig Jahre alte "Mädchen" entfesselt die Sinne, pendelt zwei Stunden lang zwischen Delirium und Dynamik und ist ganz auf der Höhe des 21. Jahrhunderts. Umso mehr, als Lachenmann das traurige Märchen um zwei historische Bezüge erweitert hat: Da ist zum einen ein Brief der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Zum anderen eine Passage von Leonardo da Vinci, die um die ewige Zerrissenheit des Menschen zwischen Verlangen und Furcht, Erkenntnisdrang und Selbstschutz kreist. Was aber kann der Tanz mit solchen Kalamitäten anfangen?

Helmut Lachenmann hat enormes Gespür bewiesen, als er sich mit Christian Spuck zusammentat. Seit seinen Anfängen als Stuttgarter Hauschoreograf ist der gebürtige Marburger ein Mann der Bilder, dessen Fantasie sich an den Fabeln der Romantik, an E. T. A. Hoffmanns "Sandmann" oder Franz Schuberts "Winterreise" entzündet. Dafür hat er den "Prix Benois de la Danse", den Oscar der Tanzwelt, bekommen und von Zürich eine Vertragsverlängerung bis 2025. Er liest "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" als politische Parabel, ja als Reminiszenz an den linken Terror der RAF und an Gudrun Ensslin.

Ein Abend mit dem einen Moment, der in die Annalen eingehen wird

Die Perspektive steht dem Publikum vor Augen, kaum dass Licht in den Bühnenkasten von Rufus Didwiszus fällt. Dessen Rückwand zeigt, als Negativrelief, die Zerstörung nach dem Kaufhausbrand in Frankfurt, mit dem 1968 der kriminelle Terror begann. Vor diesem Hintergrund choreografiert Spuck die ersten Szenen, die den Irrlauf des Mädchens nachzeichnen: seine Begegnung mit einer selbstsüchtigen Protzgesellschaft, mit einer gewalttätigen Jugendgang (in Matrosenanzügen - einer der wenigen Ausrutscher des Abends) und schließlich seine abgrundtiefe Einsamkeit.

Spuck besetzt das Mädchen - analog zur Sopranpartie - als Doppelfigur. Zwei junge Tänzerinnen, Emma Antrobus und Michelle Williams, bringen die geschundene Seele dieses jugendlichen Menschenkindes zum Leuchten.

Von eisiger Kälte ist der Aufritt, der die nächsten Bilder überstrahlt und mit einer Frostschicht bundesdeutscher Vergangenheit überzieht. Die Ballerina Katja Wünsche ist Gudrun Ensslin - im Uschi-Obermaier-Look, oben ohne, unten superkurzer Mini über Plateaustiefeln.

Spuck überblendet nicht nur Kommunardin und Topterroristin, zwei Ikonen der Siebzigerjahre. Vielmehr zeigt er, wie viel Selbstüberhebung und -stilisierung im patriarchalen RAF-Milieu unterwegs war. Was nichts daran ändert, dass die Ensslin-Zitate, die Lachenmann in die Akustikschleifen hineinmontiert hat, Bedenkenswertes enthalten, nachvollziehbare Kritik am Status quo einer Welt ohne Mitleid.

Augenblicke später zieht Christian Spuck die Fäden seiner Inszenierung zusammen und beschert dem Abend einen Moment, der ihn in die Annalen einschreiben wird. Helmut Lachenmann erscheint auf der Bühne. Er liest Leonardo da Vincis Extempore über "Zwei Gefühle". Schwarz gekleidete Tänzer ziehen vor und hinter ihm auf, rücklings zum Publikum schreiben sie Linien in den Raum, verschieben ihre Körper zu abstrakten Gebilden, zu Gestirnen, die den menschlichen Gefühlskosmos bewohnen. Bis Katja Wünsche alias Gudrun Ensslin sich aus dem Dunkel schält. Die Frau, die zum mörderischen "Mädchen mit den Schwefelhölzern" wurde. Die Tänzerin, die der Toten ein Gesicht gibt und sie wieder lebendig macht. Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Leben, Imagination und Wirklichkeit fallen zusammen. Für einen Ewigkeitsfunken.

Präzise bebildert Christian Spuck auch den Exitus, den Tod des Mädchens. Keine Großmutter nimmt es mit sich in den Himmel. Stattdessen flimmern Bilder von Kriegstoten über die Wände, Leichen unter Schneemassen, die Hände zu Klauen gekrümmt - Leningrad im Winter 1942. Die deutsche Schuld als ein Motiv des RAF-Terrors heraufzubeschwören, ist der Schlusspunkt einer konsequenten Inszenierung. Die Tänzer, die Musiker, der Dirigent Matthias Hermann, die Sängerinnen Alina Adamski und Yuko Kakuta sowie die Basler Madrigalisten haben das Beste erreicht: ein Tanzoratorium, das seinesgleichen derzeit nicht hat.