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Nachruf auf Zizi Jeanmaire:Ohne sie ist Paris nicht mehr Paris

"Ohne sie wäre Paris nicht Paris", sagte Louis Aragon über Zizi Jeanmaire (1924 - 2020).

(Foto: AFP)

Sie wurde 1949 als Carmen berühmt und tanzte bis ins hohe Alter, hatte aber auch mit vielen Chansons und Filmrollen große Erfolge.

Von Dorion Weickmann

Als die Vogue-Ex-Chefredakteurin und Schriftstellerin Edmonde Charles-Roux einmal über den Inbegriff der Verführung nachdachte, lautete ihre Antwort: "Ich würde sagen - Zizi, ihre Beine, ihre Stimme, ihre Arme, ihre Hände, ihr Körper, ihre Knöchel, ihre Art, sich zu bewegen." Dass diese Liebeserklärung aus dem Mund einer Frau kam, ist bezeichnend. Zeitlebens hat Zizi Jeanmaire, dieser zierliche Puck und elegante Irrwisch, Männer wie Frauen bezaubert: als Tänzerin, Sängerin, Showgirl und Schauspielerin, als quirliges Allroundtalent und französische Zwillingsausgabe von Shirley MacLaine.

Mit dem Eintritt der neunjährigen Renée Jeanmaire in die Schule des Pariser Opernballetts nahm 1933 nicht nur eine Traumkarriere ihren Anfang, sondern auch eine jener Romanzen, wie sie der menschliche Liebeszirkus nur alle hundert Jahre vorführt. An der Stange im Ballettsaal begegnete Renée alias Zizi dem fast gleichaltrigen Roland Petit, den sie zum Liebhaber, Gatten und Vater einer Tochter machen sollte. Umgekehrt schenkte ihr der Choreograf die besten Rollen, die gewagtesten Auftritte und sagenhafte Bühnen-Passepartouts für ihre (durchaus nicht makellose) Chansonkunst.

Zizi & Roland heimsten Triumphe in Serie ein, etwa: "Carmen" (1949), "La Croqueuse de diamants" (1950), "La Revue" (1961), "Zizi je t'aime" (1971), wobei schon die Liste der Kollaborateure von Yves Saint Laurent über Erté bis Serge Gainsbourg ausreicht, um beider grenzenlose Ambition zu unterstreichen. Dazwischen drehte Jeanmaire Filme wie "Folies Bergères", "Anything Goes (beide 1956) oder "Black Tights" (1960). Der Tanz blieb aber stets ihr Herzensmetier.

Ob sie in hautenger Smoking- Jacke, Federboa oder Leotard auf die Bühne fegte, dabei High Heels oder Spitzenschuhe trug: Sie vermochte das Publikum förmlich zu hypnotisieren, bis es ihr wie ein gezähmter Tiger zu Füßen lag. Auch als Seniorin, ja selbst im Witwenstand blieb Zizi Jeanmaire ein typischer Fall von: oh là là, Mademoiselle! Niemand hat das besser verstanden als Louis Aragon, der einst erklärte: "Ohne sie wäre Paris nicht Paris." Nun muss Paris, muss alle Welt ohne sie auskommen. Im Alter von 95 Jahren ist Zizi Jeanmaire von der Bühne des Lebens abgetreten.

© SZ vom 18.07.2020/bans

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