Süddeutsche Zeitung

Ballett-Star:Der Löwe Rasputin

Wofür trainiert hier Putin-Fan Polunin?

Hat der TSV 1860 München einen neuen Markenbotschafter? Aktuelle Fotos, gepostet auf seiner Instagram-Seite, zeigen den Ballettstar Sergei Polunin beim Training in der "Travel Pant" der Sechzger. Irrtum ausgeschlossen, das Löwen-Emblem an der Trainingshose ist selbst bei Polunins legendären Einhundertachtzig-Grad-Spagatsprüngen deutlich zu erkennen. Der ständige Gastsolist der Bayerischen Staatsoper bereitet sich gerade auf seine Show im Londoner Palladium vor, wo er vom 28. Mai bis zum 1. Juni unter anderem den Titelpart im eigens für ihn choreografierten Ballett "Rasputin" tanzen wird.

Dass ein "Blauer" in Polunin stecken könnte, überrascht (positiv). Bislang verortete man ihn eher bei den Roten. Der Ukrainer mit russischem Pass ist glühendster Verehrer von Vladimir Putin und trägt dessen Porträt als Tattoo auf der Brust, was für die Damen und Herren von der Maske der Staatsoper immer eine gewisse Herausforderung darstellt. Schließlich will das Publikum im Nationaltheater nicht ständig den Rundkopf des Kremlchefs vor den Augen herumhüpfen haben.

Mit seiner Nähe zum starken Mann in Moskau, vor allem aber durch seine als schwulenfeindlich und sexistisch geltenden Äußerungen in den Sozialen Medien hatte Polunin Ende 2018 nicht nur in den überschaubaren Kreisen der Ballettwelt für Entsetzen gesorgt. Über den Youtube-Star und Filmdarsteller - aktuell ist er in Ralph Fiennes Nurejew-Biopic "The White Crow" zu sehen, das beim Filmfest München Anfang Juli vorgestellt wird - brach ein gewaltiger Shitstorm im Netz herein. Auch vor der Bayerischen Staatsoper wurde protestiert, als Polunin dort im Januar und März vor ausverkauftem Haus tanzte. Zuletzt war es etwas ruhiger um den ehemaligen Prinzipal des Royal Ballet geworden. Der 29-Jährige hat mittlerweile seine anstößigen Posts getilgt, am Münchner Flughafen seine neue Liebe, die russische Eistanz-Olympionikin Elena Ilinyh, kennengelernt und in der Löwen-Trainingshose in Städten wie Tobolsk östlich des Uralgebirges Meisterkurse gegeben.

Sergei Polunin scheint seinen Frieden gefunden zu haben, auch wenn ihm neuer Ärger ins Haus steht. Die Ticketagentur "London Theatre Direct" hat kürzlich den Verkauf von Eintrittskarten für Polunins Rasputin-Show überraschend gestoppt und fordert von ihm eine Entschuldigung für seine homophoben Sprüche. Fans im Netz munkeln, dass die Aktion in Zusammenhang mit dem eher schleppenden Ticketverkauf stehen könnte. Über leere Zuschauerreihen in München braucht sich der Ballerino indes keine Sorgen zu machen. Wenn er am 28. und 30. Juni sowie am 1. Juli in der Reihe "À Jour - Zeitgenössische Choreografien" tanzen wird, ist das Prinzregententheater so ausverkauft wie die Allianz-Arena bei einem - pardon - Spiel der Bayern.

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Quelle:
SZ vom 25.05.2019
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