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Ballett:Spiel, Sarg und Sieg

Herrschaft der Automaten über die Gattung Homo sapiens - die Heidelberger Produktion "Silver".

(Foto: Philipp Zinniker)

Auf der Karlsruher Tanzbühne treten menschliche Superschöpfer an, in Heidelberg halten Avatare dagegen.

Geballte Fäuste, gebeugte Knie, trampelnde Füße, dazu die ungerührten Gesichter einer prähistorischen Horde - so führte der Choreograf Vaslav Nijinsky 1913 "Le Sacre du Printemps" auf. Hundertzwei Jahre später hat Terence Kohler diese Szene für sein Doppelprogramm "Das kleine Schwarze/The Riot of Spring" am Badischen Staatstheater in Karlsruhe exhumiert. Dabei handelt es sich um ein ballettöses Biopical, das den "Sacre"-Komponisten Igor Strawinsky ebenso plattmacht wie seine Geliebte, die Modeschöpferin Coco Chanel. Nijinskys wiederbelebtes Stampfritual trifft daran keine Schuld, wie sich etwas weiter nördlich, am Stadttheater Heidelberg, herausstellt.

Auch Kohlers dort ansässige Kollegin Nanine Linning hat sich die Krampffäuste aus der Nijinsky-Werkstatt geliehen. Doch die Tanzregisseurin verlegt ihre Geschichte in eine apokalyptische Posthistoire: Was passiert, wenn sich Nick Bostroms Buchmenetekel "Superintelligenz" bewahrheitet und Humanoide die Fähigkeit der Selbstoptimierung erlangen? Dann, antwortet die Choreografin mit ihrem Stück "Silver", regiert der Gott des Gemetzels, ein Multi-Terminator, der Menschen in Särge stopft. Klingt schrecklich, sieht aber sensationell aus und macht sich erheblich besser als der Fin-de-Siècle-Ramsch, den Terence Kohler in Karlsruhe verkauft.

Dabei startet der Australier vielversprechend mit einer walzenden Honoratioren-Gesellschaft, deren Beine, Arme und Halsneigungen allerfeinste Ballettlinien in den Raum zeichnen. Kohler, von der Karlsruher Direktorin Birgit Keil künstlerisch großgezogen und nach Jahren der Wanderschaft nun zurückgekehrt, beherrscht das körpersprachliche Handwerk. Dennoch verheddert er sich nach dem schwungvollen Entree in den Fallstricken einer Dramaturgie, die alles zugleich will: Zwei Kreativköpfen namens Coco Chanel und Igor Strawinsky auf den Erfolgs-Olymp folgen, die Zeitgeistfolie ihrer Schöpfungslust beleuchten und den revolutionären Einschlag dokumentieren, den das "kleine Schwarze" genannte Kleid und die "Sacre"-Partitur hinterließen. Das geht schief, weil Kohler zu simpelsten Illustrationen greift. Im Fall Chanel: Coco im Art-Deco-Boudoir, im Atelier, im Varieté, im Museum. Zwar gibt Bruno Andrade eine hochelegante Directrice der Haute Couture. Aber das choreografische Balanchine- und Al-Jolson-Medley wirkt, als hätte Karl Lagerfeld einen PR-Coup für Chanel in Auftrag gegeben. Kohler pustet Puderzucker über die Chose, bis sie in Schönheit erstarrt.

Genauso stillos geht er mit Strawinsky um, dargestellt von Ed Louzardo. Seine "Sacre"-Findung ist ein tanzschamanistisches Spektakel. Wie der Pianist aus Wilhelm Buschs "Neujahrskonzert" spreizt sich Maestro Strawinsky über die Tastatur, bis er endlich die Komponierklause mit dem Probensaal vertauscht, wo das Corps de Ballet des Badischen Staatstheaters im Fluidum der Originalchoreografie baden darf: geballte Fäuste, gebeugte Knie, trampelnde Füße. Das Bewegungszitat von 1913 ist der stärkste Moment des Abends.

Kriegt Kohler nur A und O seiner Aufführung zustande, so stimmt bei Nanine Linning das ganze Alphabet dazwischen. Auch ihr Thema sind Kreationsprozesse und deren Folgen. Nur haben die Menschen im "Silver"-Setting die Herrschaft an Roboter abgetreten, die - geballte Fäuste, gebeugte Knie, trampelnde Füße - wie Nijinskys Urhorde daherkommen. Wären da nicht die Lady-Gaga-Perücken, die Einheitsmasken und silbernen Fischschuppenanzüge, aus deren rücklings angebrachten Akkus es knistert wie aus Grammofontrichtern.

Linnings Dämonen verfügen über die Fähigkeit, ihre Fortpflanzung wie alle vitalen Belange selbst zu regulieren. Die Menschen, nackt und bloß, sind ihnen ausgeliefert. Die Automaten manipulieren an ihnen herum, entschleimen einen frisch geborenen Homunkulus, jagen Flüchtige mit Leuchtdioden durchs Dunkel, zwingen einen Probanden unters Laserschwert. Wie konnte es so weit kommen?

Bei Nanine Linning übernehmen Apparate die Macht. Der Mensch überlebt als Narr - vorerst

Linning beschreibt die Selbstentmachtung der Gattung Homo sapiens als Evolution, beginnend mit Körpern, die Muskelpakete in Form luftgeblähter Bizepsregionen spazieren führen. Das Geschäft der Selbstoptimierung, dem sich die Fitnessbranche ebenso hingebungsvoll widmet wie die Allianz von Beauty-Blogs und Hochglanzmagazinen, wird im alchemistischen Labor der Bio- und KI-Ingenieure perfektioniert. Dort werkeln Zauberlehrlinge an der Züchtung von Apparaten, die Handlangerdienste erfüllen sollen. Nanine Linning erzählt von einer scheiternden Vision, weil die Maschinen das Denken, Handeln, Fühlen erlernen. Fortan taugen die putzigen Menschlein gerade noch als Hofnarren und Beobachtungsobjekte. Jedenfalls so lange, bis ihnen die Hauthüllen abgezogen und als Rohmaterial für die nächste Avatar-Generation an die Garderobe gehängt werden.

Kunst- und KI-Design, Improvisation und Innovation - in Karlsruhe wie in Heidelberg werden Kreativkomplexe mit den Mitteln des Tanzes verhandelt. Nanine Linning fordert das Publikum durch provokative Bilder. Terence Kohler füttert es mit optischer Wellness-Ware. Satt wird davon niemand.

© SZ vom 23.11.2015

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