Ballett:Pulsschlag der Urbanität

Mit "Portrait Richard Siegal" wird die Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts eröffnet - eine orgiastische Tanzexplosion.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Hat da jemand ein paar Buhs gehört? - Sie gehen unter im Freuden-Johlen über irisierende Attacken auf das Gesetz der Schwerkraft, über eine orgiastische Tanz-Explosion, die den Zuschauer physisch mit anpackt. Ein hart getakteter Sound treibt die Tänzer vor sich her, stellenweise aufheulend wie der Turbo eines Boliden. Der amerikanische Choreograf Richard Siegal hat zur Eröffnung der Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts nicht nur allein durch Störgeräusche und unerbittliche Bass-Beats noch das letzte Stäubchen aus dem plüschigen Münchner Nationaltheater gefegt. Seine Komponisten Carsten Nicolai, Alva Noto und Lorenzo Bianchi Hoesch legen auch ein enormes Gespür für spannungsfördernde Klang-Intensivierung in unerbittlichem Crescendo an den Tag. Dabei reizen sie das Potenzial ihrer Soundmaschinen vom kaum hörbaren Knistern über metallisches Stampfen bis zu gellenden Klangschleifen aus.

Aber das "Portrait Richard Siegal", wie der Abend harmlos betitelt ist und damit an vorhergehende choreografische Monografien etwa Hans van Manens oder Jiří Kyliáns im Repertoire des Staatsballetts anknüpft, rüttelt nicht nur akustisch an den Nerven, sondern auch optisch. Grelle Lichtblitze fahren in die irritierende Dunkelheit, in der die Tänzer nur noch als matte Schemen erkennbar sind, reißen sie aus dem fahlen bis nachtschwarzen Raumschlund. Bewegte Einzelfiguren, enge Reihen, dabei gestaffelt wie die Scheibenschnitte einer Computertomografie oder in Körper-Clustern zusammengerottet, werden von Schlaglichtern ausgeleuchtet oder verwandeln sich vor hellem Hintergrund in Scherenschnitte.

Seine Choreografien spielten bisher in den Städten. Nun geht er in die Weite des Nirgendwo

Bei "Unitxt" segmentieren zwei hoch aufragende Leuchtgasstäbe den Raum, über dem im vergangenen Sommer beim Ballet National de Marseille uraufgeführten "Metric Dozen" hängt der Himmel voller Spots. Solche Lichtsignale wirken wie die Abstraktion von Leuchtreklamen und Straßenampeln, auch wie stylish reduzierte Lichtinstallationen in einem Club. Richard Siegals Choreografien spielten bislang in den Städten: Tanz als Medium für thrill und suspense in blitzender Schönheit, so sehen sie sich an.

Drei Stücke mit jeweils zwölf bis fünfzehn Tänzern, von denen nur das mittlere, "In a Landscape", eine Uraufführung ist, fügen sich zu einem perfekt aufeinander abgestimmten Ganzen. Die Szenenüberschriften von "Unitxt", dem Eröffnungsstück - "Noise", "Signal", "Silence" in weißen Versalien auf schwarzem Grund projiziert - markieren die Spur für den ganzen Abend. Noch treffender allerdings wäre die Unterteilung in "Puls - Klangfläche - Puls". Denn sie beschreibt die Qualität und die Atmosphäre dieses Triptychons. Es genügt rein äußerlich der üblichen "Triple Bill"-Gewohnheit eines gemischten Ballettabends, spiegelt aber in seiner Geschlossenheit das Abbild heutigen und diesmal nicht nur urbanen Lebens. "Unitxt" und "Metric Dozen" leben vom rasenden Herzschlag der Großstadt. Anders "In A Landscape". Schlösse man die drei Choreografien an ein Elektrokardiogramm an, wäre beim Mittelteil nur noch eine flimmernde Linie sichtbar.

"In a Landscape" zeigt sich als Nirgendwo unter einem LED-Grill vor zwei beweglichen Raumteilern. Eine kleine Drohne steuert surrend wie ein fremdes leuchtendes Insekt durch die Luft. Eine Tänzerin, die exotisch-schöne Ivy Amista, geboren in Saõ Paulo, schiebt sich solo auf Spitze durch die Kulisse. Die Arme seitwärts, in Ellbogen und Handgelenk zweifach gewinkelt, die Beine kreuzend mit zur Seite gebeugten Knien, mutet sie an wie eine indische Tänzerin. Das enge pink und schwarz gemusterte Spitzentrikot verwandelt sie in eine Tiergottheit, deren Schuhspitzen zu repetitiven Klavierdreiklängen jenen klanglich monochromen Teppich leichtfüßig zu klöppeln scheinen, der den lyrisch-melancholischen Grundton des Stückes ausmacht. Wobei Carsten Nikolai und Ryuichi Sakamoto in vier Klangimpressionen die Stimmung des nachgerade romantischen, "In A Landscape" genannten frühen Klavierstücks von John Cage aus dem Jahre 1948 fortschreiben.

Die fernöstliche Impression schwindet in dem Augenblick, als sich ein Mann an den Rücken der Tänzerin kuschelt. Hinter der kalten Funktionalität des Kardiogramms pulst warmes Blut. Gemessen an den beiden anderen stark synkopierten, also jazzig phrasierten, enorm dynamischen Choreografien, die Richard Siegal in München und Marseille schuf, orientiert er sich diesmal auffällig am akademischen Tanz. Er scheint ihm das perfekte Idiom zu sein für die reine Poesie der Bewegung als Ausdruck von Empfindsamkeit. Richard Siegal choreografiert ihn, den Kontrast der rationalen durchtechnisierten Welt mit dem nach wie vor vorhandenen Reichtum an Gefühlen - in zarten, ja behutsamen Pas de deux.

Überkommene Rollen werden persifliert - Männer und Frauen sind bei Siegal gleich stark

Siegal wäre nicht Siegal, zöge er nicht auch in den virtuosen Schaustücken der danse d'école stilistische "Störungen", Irritationen ein, würzte er nicht mit jener Prise Salz, die das Süße erst reizvoll macht. Das klassische Ports de bras kommt in Schwung, weil die Tänzer mit den erhobenen Armen wedeln, wobei die im Gelenk gewinkelten Hände wie Winker aussehen. Die leicht verschobene Taille deutet an, wie Siegal die klassische Achse aushebelt. In "Unitxt" stehen die Tänzer sogar windschief zur Seite geneigt. Die Tänzerinnen kippen nur deshalb nicht um, weil an ihren schwarzen Bustiers praktische Henkel angebracht sind. Daran werden sie von ihren Partner gehalten. Dies auch eine subtile Persiflage der überkommenen Rolle des Ballerino als Ballerinenhalter. Männer und Frauen sind in Siegals Stücken gleich stark.

Auf den imaginären Straßen von "Unitxt" gehen, rennen und tanzen diese Männer und Frauen miteinander und aneinander vorbei, ohne dass sie je zusammenstießen. Sie sind unabhängige, moderne, aber keineswegs vereinsamte Menschen, die den öffentlichen Raum, aber auch den Club wie in "Metric Dozen" als ihren Runway benutzen. Dort präsentieren sie sich im rechten Licht und Augenblick als starke eigenständige Persönlichkeiten, ungeheuer schön und ungeheuer sexy. Auch darin schreibt Richard Siegal Bill Forsythe fort, bei dem er sieben Jahre getanzt hat.

© SZ vom 20.04.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB