Ballett:Das New York City Ballet tanzt mit der Stadt

New York City Ballet - New Works Festival 2020 - ThankYou_200926-83_sRGB and ThankYou200926-146: Sara Mearns of NYCB in Justin Peck's Thank You, New York. Photo credit Erin Baiano
(Foto: Erin Baiano)

Von DORION WEICKMANN

Bleich sehen sie aus, die Damen und Herren vom New York City Ballet (NYCB), die im David H. Koch Theater vor geschlossenem Vorhang stehen, um das jeweils nächste Highlight anzukündigen. Nur für die Kamera, nur für den Monitor. Denn die Premiumkompanie kann bis auf Weiteres nicht auftreten und hat ihre Aktivitäten ins Netz verlegt. Also auch das New Works Festival, mit dem traditionell die Herbstsaison zu Ende geht. Fünf Kreationen, Ende Oktober uraufgeführt, sind von Europa aus abzurufen. Unentgeltlich, rund um die Uhr - und mit kurioser Wirkung.

Schon die ersten Choreografien - "Pixelation" von Sidra Bell und "Solo for Russell" von Pam Tanowitz - erzeugen eine Art Herzschmerz. Was vor allem an der Filmregie von Ezra Hurwitz liegt: Der Ex-Ballerino beherrscht Motivsuche, Timing, Montage perfekt. Tänzer und Stadt sehen dermaßen gut bei ihm aus, dass sich unbändige Sehnsucht breitmacht: nach New York, dem Central Park, dem Lincoln Center.

Auf dem Kulturcampus in Manhattan ist das NYCB zu Hause. Hurwitz nimmt ihn als Kulisse für die Clips, die noch unter blitzblauem Himmel entstanden sind. Dabei zieht er Tanz, Architektur und Bildende Kunst zu einer phänomenalen Synthese zusammen. Wenn der Tänzer Victor Abreu für "Water Rite" ins Bassin auf der Hearst Plaza steigt und mit der dort eingelassenen Plastik von Henry Moore posiert, lässt die Kamera Bewegung und Stillstand aufeinanderprallen. Den benachbarten Hain bespielt Andrea Millers "New Song" mit einem federleichten Quartett, während "Pixelation" die fallenden Linien der Skyscraper durch diagonal ins Sichtfeld gereckte Arme und Beine bricht.

Obwohl im schwer virusgebeutelten New York beheimatet, steht das NYCB immer noch besser da als viele andere US-Kompanien. Es ist fest in der Stadt verwurzelt, hat hochmögende Gönner und wird die Krise wohl halbwegs geordnet überleben. Dank Digital Season, die inzwischen das Mittel der Wahl fast aller zwangsbeurlaubten Truppen ist. Bleibt zu hoffen, dass das Herbstfestival 2021 zweigleisig fahren kann, digital und analog. Dann hätte Covid-19 zumindest eine Errungenschaft hinterlassen: mehr internationale Reichweite per Stream - ökologisch verträglich.

© SZ vom 14.11.2020
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