Tanz:Aushängeschild vor Abwicklung

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Tanz: Flamboyant: "Xerrox Vol. 2" in der Choreografie von Richard Siegal.

Flamboyant: "Xerrox Vol. 2" in der Choreografie von Richard Siegal.

(Foto: Thomas Schermer)

Die Stadt Köln gefährdet ihre strahlkräftigste Tanzmarke: Die Finanzierung des "Ballet of Difference" läuft aus.

Von Dorion Weickmann

Köln war mal eine stolze, mächtige und einflussreiche Tanzmetropole: Labor der Moderne, Schauplatz der legendären Sommerakademien, Heimstatt des Tanz-Forums. Dann setzte die Sparwut ein und ließ nicht viel mehr als eine fein kuratierte Gastspielreihe übrig. Versuche, dauerhaft eine kommunale Sparte aufzubauen, liefen ins Leere. Bis 2019 der Choreograf Richard Siegal auftauchte und sein junges Ballet of Difference (BoD) am Schauspiel andockte.

Das Kölner Engagement wurde zum Standbein, die Münchner Muffathalle zum Spielbein des zwölfköpfigen Ensembles. Ein Arrangement, von dem am Rhein alle Seiten profitierten: das begeisterte Publikum, die Kompanie, die Kunst und ganz besonders die Kommune. Weil sie mit Siegals flamboyanter Ästhetik und seinen virtuosen Tänzern ein Alleinstellungsmerkmal bekam und dafür dank Landes-, Stiftungs- und Quersubventionierung aus dem Schauspieletat nur ein minimales Sümmchen aufbringen musste. Doch das Zuwendungsmodell läuft aus, Köln muss finanziell Farbe bekennen. Prompt passiert, was Kenner der lokalen Kulturpolitik prophezeit haben: Die Stadt kneift, spielt auf Zeit und gefährdet die Zukunft ihres eigenen Aushängeschilds.

Könnte man Siegals Truppe zur neuen eigenständigen Kölner Tanzsparte aufbauen?

Im Sommer 2024 soll die Sanierung der Kölner Bühnen abgeschlossen sein. Dann will sich die Stadt neben Oper und Sprechtheater auch eine eigenständige Tanzsparte zulegen. Dass Richard Siegal und das BoD längst als solche wahrgenommen werden und den Ruf der Rhein-City international mit Tanz vergolden, scheint sich nicht bis in die Kölner Verwaltung herumgesprochen zu haben. Im Kulturdezernat setzt man lieber auf einen offenen Prozess und kauft Gutachten vom Beratungsunternehmen Actori ein, das zwar Zahlen, aber keine Konzepte liefert. Demnach würde ein festes Tanzdepartment an die vier Millionen Euro pro Jahr kosten, eine weitere Million sollte in die (zweifellos sinnvolle) Fortsetzung der Tanzgastspiele und die Förderung der freien Szene fließen. Für Parallelstrukturen bleibt da kein Spielraum. Also kann man das BoD nur abwickeln oder in den Spartenbetrieb überführen.

Was Sinn ergibt, weil die Truppe ein einzigartiges Profil aufweist. In Köln und rundherum gibt es bereits modernen Tanz und klassisches Ballett aller Couleur (etwa in Dortmund, in Düsseldorf/Duisburg und Essen), außerdem Tanztheater vom Feinsten (in Wuppertal). Vor Ort gedeiht zudem eine experimentierfreudige Szene, angeführt von Choreografen wie Stephanie Thiersch. Zusätzliche Impulse setzen Studiengänge mit tänzerischer Ausrichtung, die Theatersammlung im Schloss Wahn und - ein Kleinod - das einzige Tanzmuseum Deutschlands. Das BoD und die radikal zeitgenössische Tanzvision seines Leiters Richard Siegal spiegeln diese Vielfalt.

Natürlich müsste ein zur Spartenautonomie promoviertes BoD verschiedene choreografische Handschriften präsentieren und mit administrativem Know-how gepolstert werden. Was sich beispielsweise im Rahmen einer Doppelspitze - Siegal + XY - lösen ließe. Im Moment sieht es allerdings eher so aus, als ob das BoD zum Jahresende 2023 dichtmachen muss. Dann läuft die Finanzierung aus und es droht: die nächste satte Blamage in den Annalen des Kölner Tanzes.

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