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Bahnverkehr:In einem Zug

Was diesen Kontinent eint, sind seine Gleise und Bahnhöfe.

Mein Europa? Das sind die Eisenbahnschienen, Weichen, Tunnel, Brücken, Lokomotiven, Züge, Bahnhöfe, Bahnsteige und auch die Bahnhofsgaststätten. Schon als Kind war ich von dem riesigen europäischen Eisenbahnnetz fasziniert und überwältigt. Natürlich, 1985 war es auf dem Lokalbahnhof in Lomnice nad Popelkou im Böhmischen Paradies (so heißt die Gegend, in der ich aufgewachsen bin) nicht möglich in den Zug einzusteigen und einfach so nach Paris oder München zu fahren. Doch ich machte diese Reisen trotzdem. In meiner Lieblingslektüre damals, im Fahrplan der Tschechoslowakischen Staatsbahnen (ČSD), gab es, ganz am Anfang, ein kurzes, aber spannendes Kapitel mit den internationalen Verbindungen. Von Prag nach Paris, nach Rom oder Stockholm. Sogar Lissabon war in der Fantasie erreichbar. Und so saß ich oft im Zug und träumte von den langen Strecken, den Nachtzügen und vom morgendlichen Erwachen in Venedig, Athen oder Madrid.

Heute genieße, ja zelebriere ich diese Freiheit, die uns Tschechen geschenkt wurde, und die einige von uns leider in der letzten Zeit nicht gerade schätzen. Ich sitze oft im Zug. Ich schreibe dort. Ich schlafe dort. Ich esse dort. Ich lebe dort. Meistens irgendwo zwischen Deutschland, Tschechien, Österreich, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Polen und der Slowakei, doch auch nach Amsterdam, Lviv, Brüssel oder Paris fahre ich, wenn es geht, mit der Eisenbahn. Und es geht fast immer. Manche meinen, mit Bahnfahren verliert man viel Zeit, doch so ist es nicht, im Gegenteil, man gewinnt die Zeit. Und es gibt keinen schöneren Weg, unser Europa kennenzulernen als mit der Eisenbahn. Und je langsamer der Zug fährt, desto besser ist es.

Mein Europa, das sind auch die Fahrgäste im Abteil oder im Speisewagen, die leise oder laut sind, trinken oder beten, weinen oder lachen, sich streiten und wieder versöhnen. Und gerne dabei Geschichten erzählen, die ich mir oft, ganz unauffällig und heimlich, aufschreibe. Mein Europa sind auch die Fahrgäste, die alles, was sich hinter dem Fenster abspielt, ununterbrochen kommentieren, vielleicht um es für den kurzen Augenblick festzuhalten. Die Burgruinen und die Bergspitzen, die Wildschweine und die Fichten im Wald.

"Wir können überall aussteigen, es ist doch überall schön", sagte neulich ein älterer Herr zu mir im Zug zwischen München und Wien. Er hatte recht. Alles so malerisch schön. Alles aber auch so traurig schön. Denn auch wenn man Züge so liebt, darf man dabei nicht die schreckliche Rolle der Eisenbahn vergessen in den Zeiten von Krieg und Vernichtung.

Mein Europa, das sind auch all die Eisenbahner, die davon einiges wissen und beim Bier auch davon erzählen. Zum Beispiel in der Bahnhofsgaststätte in Liberec, in Reichenberg in Nordböhmen, die alles überstanden hat. In Liberec fertigte mein Onkel die Züge als Fahrdienstleiter ab. Sein Bahnhof hat viel Trauriges in der Geschichte durchmachen müssen. Den Krieg von 1866 zwischen Preußen und Österreich, den Krieg 1914-1918, die Zerschlagung der Tschechoslowakei und die Besetzung der Stadt von den Nazis 1938 nach dem Münchner Abkommen, die Transporte der einheimischen Juden nach Theresienstadt und Auschwitz, die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Okkupation 1968. Man muss nur kurz die Augen schließen und alles ist wieder da.

Ich denke oft darüber nach, wenn ich in Liberec in der Bahnhofskneipe sitze, Bier trinke und auf den Anschluss warte. Und dann steige ich wieder in den Zug ein und lasse mich, leicht angetrunken, immer weiter durch unser Europa treiben.

Jaroslav Rudiš wurde 1972 im damals tschechoslowakischen Turnov geboren. Heute lebt er zwischen Lomnice nad Popelkou in Böhmen und Berlin. Für seinen Eisenbahnroman "Winterbergs letzte Reise" (Luchterhand, 2019) war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.