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Kunst vs. chinesische Zensur:Mit Spraydosen gegen das Vergessen

Badiucao gesenet über Jörg Häntzschel
Bilder zeitlich unbegrenzt  und kostenlose  für die Geschichte nutzbar (online und print)!!

Er macht plakative Streetart, er ist politisch, seine Identität war lange geheim - so bekam Badiucao den Titel "chinesischer Banksy".

(Foto: Badiucao)
  • Der chinesische Street-Art-Künstler mit dem Pseudonym Badiucao fordert von Australien aus das chinesische Regime heraus.
  • In China sind seine Karikaturen und Zeichnungen geblockt, sein Weibo-Account gesperrt, Ausstellungen verboten.
  • Durch seine kritische Street-Art wird er als chinesischer Banksy bezeichnet.

Von Adeline Westmark

Shanghai 2007. Drei chinesische Studenten sitzen in ihrer Bude und schauen einen Kung-Fu-Film, den sie illegal aus dem Netz heruntergeladen haben. Ein gewöhnlicher Tag bis zu dem Moment, als der Film plötzlich abbricht und nahtlos in eine ausländische Dokumentation übergeht. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehen sie Bilder von Panzern, die chinesische Studierende im Zentrum ihrer Hauptstadt überrollen.

Es ist ein Dokumentarfilm über das Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Die drei wagen nicht zu glauben, was sie gerade sehen. Nach drei Stunden ist der Film vorbei, niemand im Raum sagt ein Wort, niemand rührt sich. Sie ahnen, dass sie etwas gesehen haben, was in Chinas offizieller Geschichtsschreibung nicht vorkommt, niemals stattgefunden haben soll, und damit aus den Köpfen gelöscht wurde. Kann das überhaupt wahr sein? Wurden wirklich Hunderte, vielleicht sogar Tausende demonstrierende Studenten von der chinesischen Armee getötet?

Einer der drei studiert Jura, ihn lassen die Fragen und der Zweifel nicht mehr los. Er verliert jedes Vertrauen in sein Heimatland und wandert 2009 nach Abschluss seines Studiums nach Australien aus. Er schlägt sich durch, jobbt als Lehrer an einer Schule. 2011 dann ereignet sich in der ostchinesischen Küstenstadt Wenzhou ein schwerer Eisenbahnunfall mit 40 Toten und mehr als 200 Verletzten. Es sickert durch, dass chinesische Offizielle versuchen, die Ursachen des Unglücks zu vertuschen, wieder einmal.

Badiucaos Waffen sind Stifte, Plakate, Kleber und Spraydosen

Der ehemalige Jurastudent will das nicht mehr länger hinnehmen, er entschließt sich, etwas zu unternehmen. Tagsüber arbeitet er weiterhin als Lehrer, aber nachts schlüpft er in die Rolle einer subversiven Heldenfigur. Nicht Batman, nicht Spiderman, sondern Badiucao, ein von ihm nach einem Zufallsprinzip kreierter Name. Badiucaos Waffen sind Stifte, Plakate, Kleber und Spraydosen. Er wandelt sich zum nächtlichen Underground-Street-Art-Künstler, ähnlich wie Banksy. Maskiert mit einer bunt gemusterten Skimaske beklebt er Fußgängertunnel und Übergänge mit chinakritischen Zeichnungen, postet auf Weibo, dem chinesischen Twitter, seine eigentümlichen Karikaturen, die auf Missstände in China aufmerksam machen.

Das Zugunglück, das Tiananmen-Massaker, der Handelskrieg zwischen USA und China, die wachsende Einflussnahme Chinas in Australien, die digitale Zensur und die Proteste in Hongkong sind einige seiner Themen. Mit einer einfachen, einprägsamen Bildsprache kratzt er am Make-up, mit dem die Kommunistische Partei mühsam die Wunden Chinas zu verdecken sucht. Stilistisch orientiert er sich an Comics und den Propagandaplakaten aus der Kulturrevolutionszeit. Mit der Adaption dieser Plakatästhetik schlägt Badiucao die chinesische Regierung mit ihren eigenen Waffen. Seine Zeichnungen sollen mit einem Blick erfassbar sein. "Ich habe kein Copyright darauf. Jeder kann sich die Bilder runterladen, kopieren, teilen und verbreiten." Es geht ihm um Öffentlichkeit, um Meinungsfreiheit und ums Mutmachen.

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Der "Tank Man", ein Mann, der am 5. Juni 1989 mit zwei Einkaufstüten in der Hand, einem Panzer auf dem Tiananmenplatz den Weg versperrte, ist Badiucaos großes Vorbild. Das Motiv taucht in seiner Kunst auf und er hat es sich sogar tätowieren lassen.

(Foto: Badiucao)

"Jeder kann theoretisch Badiucao werden"

Sein Pseudonym Badiucao hat bewusst keine Bedeutung, es ist ein Schutzmantel und eine Hohlform für Gleichgesinnte. "Jeder kann theoretisch Badiucao werden." Auf Weibo hat er viele Namen, um seine Zeichnungen zu posten. Doch er wird immer wieder aufgespürt und geblockt. Dennoch bleibt ihm eine kleine zeitliche Lücke, um die Algorithmen der Zensurmaschinerie zu umgehen. Die Bilderkennung ist langsamer als die automatisierte Schlagwortsuche der Zensoren. Inzwischen verbreitet er seine Bildnachrichten nur noch via Twitter und Instagram. Diese Plattformen sind wie Google und Facebook in China gesperrt, aber junge Chinesen haben ihre geheimen Zugänge.

"Wenn die Zensur in China auf einmal etwas völlig Harmloses und Normales verbietet, dann werden Leute anfangen, nach dem Warum zu fragen. Und wenn sie fragen, dann ist das der Beginn von Veränderung." Badiucao ist realistisch, er weiß, dass er nicht den chinesischen Staat ändern oder das politische System in seinen Grundfesten erschüttern kann. Aber er will im Kleinen weitermachen, auch wenn es manchmal aussichtslos erscheint.

Sein großes Vorbild ist ein ebenfalls berühmter Unbekannter. Es ist der Mann, dessen Bilder um die Welt gingen, als er am 5. Juni 1989 mit zwei Einkaufstüten in der Hand einem Panzer den Weg auf den Tiananmenplatz versperrte. Gefilmt, fotografiert und verbreitet wurde diese Szene von ausländischen Journalisten. Als "Tank Man" wurde der Mann, um dessen Verbleib und Identität immer noch gerätselt wird, ein Symbol des friedvollen Protests.

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Bei seiner „Tank Men Performance“ posierte Badiucao 2018 vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

(Foto: Badiucao)

Badiucao sieht sich in der Tradition des Tank Man, hat sich das Bild der berühmten Szene auf den Oberarm tätowieren lassen. 2018 startete er die "Tank Men Performance" zum 29. Jahrestag des Tiananmen-Massakers. Auf Twitter rief er alle Welt auf, sich wie Tank Man auszustaffieren und sich so auf frequentierten Plätzen aufzustellen. Im Netz gab er genaue Vorgaben: weißes Hemd, schwarze Hosen, Maske, eine Einkaufstüte in jeder Hand, ein weißes Quadrat als Sockel. Das Foto sollte dann gepostet werden. Er selbst stellte sich vor dem Brandenburger Tor in Position; auf den beiden Tüten prangte Winnie Pooh.

Der chinesische Banksy

Badiucao, der chinesische Banksy, verdient kein Geld mit seiner Kunst. Er könnte seine Prints verkaufen, aber keine Galerie will ihn vertreten. Er wird gesucht und gejagt von chinesischen Behörden. Seine bewegte Geschichte wurde auch filmisch dokumentiert. Der britisch-australische Regisseur Danny Ben-Moshe begleitete Badiucao über drei Jahre rund um den Globus. Premiere feierte der dabei entstandene Dokumentarfilm "China's Artful Dissident" im australischen Fernsehen am - wie sollte es anders sein - 4. Juni 2019, dem 30. Jahrestag des Tiananmen-Massakers. Previews gab es danach in der Tate Modern in London, in Barcelona auf dem Human Rights Film Festival und in der Stiftung Brandenburger Tor in Berlin.

Ben-Moshe zeigt berührende Augenblicke, etwa wenn Badiucao zum ersten Mal in San Francisco Überlebenden des Tiananmen-Massakers begegnet. Er lässt die Zuschauer Zeugen werden bei Badiucaos nächtlichen maskierten Plakatklebeaktionen und waghalsigen Performances. Auf einer zweiten Ebene erzählt die Doku von einer außergewöhnlichen Freundschaft, die sich zwischen dem Regisseur und Künstler entwickelt hat. So verschieden sie sind, eint sie doch der gemeinsame Kampf für mehr Menschlichkeit in der Welt. Ben-Moshe erinnert sich: "Der bereicherndste Moment für mich war, zu sehen, wie die Zuschauer nach der Premiere in Melbourne alle spontan aufgesprungen sind und Badiucao mit Standing Ovations ehrten, als er auf die Bühne trat."

Unter dem Druck der chinesischen Behörden nimmt er die Maske ab

Der Film sollte ursprünglich mit einem fulminanten Schlussakkord enden, nämlich der ersten Soloshow von Badiucao auf chinesischem Boden - in einem Ausstellungsraum der Hongkonger Free Press, verrät der Regisseur. Doch er endet - Achtung, Spoiler! - mit der kurzfristigen und deprimierenden Absage der Ausstellung am Tag vor der Eröffnung. Die Entscheidung dazu wurde von den Organisatoren getroffen, weil fast alle Beteiligten und insbesondere Badiucaos Familie in China unter Druck gesetzt und bedroht wurden. Da die chinesischen Behörden nun offensichtlich seine Familie und seinen Namen kannten, führte die enttäuschende Absage zugleich zur schwerwiegendsten Entscheidung seines Lebens. Während sein Regisseur und Freund die Handykamera hielt, nahm Badiucao die Maske ab und zeigt sein Gesicht. Dieser Schluss war nicht geplant und hat die beiden Männer auf besondere Weise verbunden.

Der Dokumentarfilm hat in vielerlei Hinsicht das Leben des 33-jährigen Chinesen verändert. Er zeigt, wie aus dem zweifelnden Jurastudenten ein selbstbewusster politischer Aktivist und Künstler wurde. Nach seiner Enttarnung ist die Situation nicht leichter geworden, die Drohungen haben nicht abgenommen. Doch nun stellt er sich seiner Angst mit offenem Visier.

© SZ vom 21.01.2020
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