Bad Sex in Fiction Awards:Coitus ergo sum

Der schlüpfrigste Preis der Literaturgeschichte: Der "Bad Sex in Fiction Award" zeichnet die schlechteste Sexszene in einer literarischen Neuerscheinung aus. Gewinner 2009: Jonathan Littell.

Tomasz Kurianowicz

Die ideale literarische Beschreibung einer sexuellen Handlung gehört immer noch zu den größten Herausforderungen einer Schriftstellerexistenz. Wenn man sich die Stellen aus den Büchern der diesjährigen Nominierten für den "Bad Sex in Fiction Award" anschaut, dann glaubt man den Beweis gefunden zu haben, dass die zeitgenössische Beschreibungskunst sexueller Penetration in einer tiefen Krise steckt.

Bad Sex in Fiction Awards: Ausgezeichnet für seine besonders schlechten Sexszenen: Jonathan Littell.

Ausgezeichnet für seine besonders schlechten Sexszenen: Jonathan Littell.

(Foto: Foto: ap)

Dabei besteht kein Zweifel, dass es sie gab, diese Ausnahmeerscheinungen; Dichter, die es beherrschten, eine eindringliche und zugleich geschmackvolle Schilderung des Intimsten zu liefern, das uns in Schlafzimmern, Kopierräumen und (öffentlichen) Toiletten beschäftigt.

Man braucht nur ins 19. Jahrhundert zu blicken, um diese Leuchttürme lüstern-literarischer Filigranesse zu erspähen: Friedrich Schlegel etwa schritt in der "Lucinde", in diesem für Empörung sorgenden Roman, auf einem schmalen Grat zwischen philosophischer Reflexion und sexueller Andeutung und vermochte seinem Werk durch darstellerische Doppeldeutigkeit eine ungeheuerliche Sinnlichkeit einzuflößen.

Oder man denke an James Joyce, dessen "Ulysses" nicht trotz, sondern gerade wegen der vielfachen Masturbationsszenen, der Menschheit eine poetische Offenbarung hinterließ.

Was aber ist mit unseren zeitgenössischen Dichtern los? Fahle Direktheit, wohin das Auge blickt. Gut also, dass es diesen Preis gibt, der den Finger in die Wunde steckt, aus der die Säfte neuerdings nur so spritzen und fließen.

In der Nacht zu Dienstag kürten die Herausgeber des englischen Literary Review den diesjährigen Preisträger: Jonathan Littell wird für sein voluminöses Werk "Die Wohlgesinnten (The Kindly Ones)" ausgezeichnet - für ein Buch, das in den Medien als "kluge Pornographie" beschrieben wurde.

Man darf Littell nur gratulieren: Immerhin konnte er sich gegen eine so knallharte Konkurrenz durchsetzen wie etwa Philip Roth, der in seinem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman "The Humbling" eine Orgie sexueller Grenzverletzung zelebriert. Die heißgehandelte Szene, für die Roth die Nominierung erhielt, beschreibt eine Frau, die ihrer Arbeitskollegin - der Ausdruck sei verziehen - einen riesigen Dildo in den Körper rammt: "Der grüne Dildo tauchte in den opulenten Körper ein und aus, erst langsam, dann fester und härter, dann immer härter - und Traceys Kurven und Höhlen bewegten sich unisono mit."

Die Preisrichter beschrieben, dass Littells Werk zum Teil geniale Züge trage, allerdings zu sehr auf sexuelle Schock-Effekte poche. Sätze wie "Ich kam plötzlich. Es war ein Stoß, als ob jemand das Innere meines Kopfes mit einem Löffel auskratzen würde wie ein weichgekochtes Ei" würden das Werk zu einem würdigen Preisträger machen. Die Jury hoffe, dass Littel die Auszeichnung mit Humor nehme.

Der "Bad Sex in Fiction Award" wird jedes Jahr verliehen. Zehn Autoren waren diesmal unter den Nominierten, darunter Amos Oz, Nick Cave und Paul Theroux. Immerhin gab es keine außergewöhnliche Überraschung wie bei der letzten Preisvergabe, als John Updike eine außerplanmäßige Ehrung erhielt. Er wurde von der Jury "für sein Lebenswerk" ausgezeichnet.

© sueddeutsche.de/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB