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"The Brandenburg Project":Wilde Erben

Pressebild: Brandenburg Project

Immerhin eine Frau ist unter den sechs Komponist(inn)en: Olga Neuwirth, Brett Dean, Uri Caine, Mark-Anthony Turnage, Steven Mackey und Anders Hillborg.

(Foto: Nikolaj Lund/Brandenburg Project)

Sechs Nachfolger von Johann Sebastian Bach antworten mit eigenen Stücken auf die "Brandenburgischen Konzerte". Ein grandios gelungenes Experiment.

Von Wolfgang Schreiber

In aller Welt bekannt und partiell auch ordentlich abgenudelt sind die "Brandenburgischen Konzerte" von Johann Sebastian Bach, von Nummer eins bis sechs zum Mitpfeifen. Gerade ihre Unantastbarkeit fordert heraus, kann Klassikmusiker zur Abwehr aufrufen. Wie können sich Hörer, die längst davon ermattet sind, neu dafür inspirieren lassen? Durch Neuerfindung. So entstand "The Brandenburg Project" in Skandinavien.

Der Dirigent Thomas Dausgaard und die Musiker seines Schwedischen Kammerorchesters hatten vor zwanzig Jahren eine Idee: Fragen wir doch mal sechs Komponisten der Gegenwart, ob sie Lust hätten, zu den sechs Konzerten Bachs je ein neues Stück zu erfinden. Mit einer Weisung nur: Da Bach seine 1721 dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg gewidmeten Kompositionen mit jeweils unterschiedlichen Soloinstrumenten bestückt hatte, sollten die Neuschöpfungen genau die gleichen Instrumente zum Klingen bringen. Die Originalbesetzungen müssten erhalten bleiben, doch ein einziges Soloinstrument könne durch ein anderes ersetzt werden. "Wie würde dieses wilde Experiment", fragte sich damals Thomas Dausgaard, "sechs Komponistinnen und Komponisten gleichsam an einen Tisch zu bringen, ausgehen? Kann daraus ein sinnvolles Ganzes entstehen?" So entstand "The Brandenburg Project", das in Londons Royal Festival Hall 2018 bei den BBC Proms uraufgeführt wurde und jetzt als Drei-CDs-Album bei der Firma BIS erschienen ist.

In Marc-Anthony Turnages "Maya" muss die Cellistin die Führung an sich reißen und meditieren

Bachs Brandenburgische Konzerte werden hier trennscharf frisch im Geist der historischen Klangpraxis gespielt, virtuos, mit rhythmischem Drive. Viele Solisten gehören zu den prominenten Meistern ihrer Zunft: Tabea Zimmermann und Brett Dean mit der Bratsche, der Trompeter Hakan Hardenberger und die Violinistin Antje Weithaas, die Flötistinnen Fiona Kelly und Claire Chase, der Cembalist Mahan Esfahani und der Oboist Marten Larsson. Und dann gibt es noch den in Klassik wie Jazz beheimateten Pianisten und Komponisten Uri Caine. Sowie die Avantgarde-Cellistin Maya Beiser, eine im Kibbuz aufgewachsene, früh von Isaac Stern entdeckte US-Amerikanerin, die von der Boston Globe als "Naturgewalt" gefeiert wird.

Maya Beiser spielt die "Antwort" auf Bachs erstes Brandenburgisches Konzert, komponiert von Marc-Anthony Turnage. "Maya" nannte er sein Stück, bei dem er die Solo-Geige Bachs durch das Solo-Cello ersetzte und die gleiche Holzbläsergruppe plus Streicher wie bei Bach agieren lässt. Die Cellistin muss, anders als bei Bach, hochemotional die Führung an sich reißen, meditieren mit und in einer schier endlos gestreckten, sich steigernden Melodielinie. Man wäre gern dabei gewesen, als Maya Beiser 2011 die Teilnehmer der Innovations-Konferenz TED zum Staunen brachte.

Brett Deans "Approach" ist eine riskante Wanderung durch die Abenteuerwelt tiefer Streicherklänge

Bachs zweites Brandenburgisches Konzert, das einmal nicht wie üblich als Trapeznummer der Solo-Trompete, sondern als schillernde Kammermusik funktioniert, bekommt als Begleitmusik "Triceros" von Steven Mackey, der dem Trompeter Hakan Hardenberger, Bach erweiternd, diverse Instrumente als Partner für die besonderen Klangfarben und atmosphärischen Stimmungen anbietet. Und dem dritten Brandenburgischen antwortet Anders Hillborg mit seiner "Bach Materia" für Streicher und dem spektakulären Solo-Geiger Pekka Kuusisto. Das Stück verschweißt Klangmaterialien Bachs mit instrumentalen Freiheiten, "Es gibt drei Teile", so Anders Hillborg, "in denen der Solist/die Solistin Carte blanche erhält zu tun, was immer er/sie möchte". Das Ergebnis: Spannung pur.

Sechsmal Bach, sechsmal neu: Die zwölf Kompositionen auf drei CDs.

(Foto: Brandenburg Project)

So extravagant das vierte Brandenburgische Konzert für zwei Flöten und Violine hier bewältigt wird, so unverschämt sicher übertrumpft Olga Neuwirth das alles mit ihrem wilden "Aello", einem "Ballet mécanomorphe". In drei titellosen Sätzen schiebt sie rhythmische und melodische Klangfetzen Bachs halsbrecherisch in- und übereinander, reizt Bewegungselan und Klangfarbenvielfalt der Soloinstrumente samt Keyboard und Synthesizer aus. Das ist eine dadaistische Musik, deren Titel aus der griechischen Mythologie stammt, gemeint ist eine Harpyie, "eine Windsbraut, von den Göttern gesandt, um den Frieden wiederherzustellen, notfalls auch mit Gewalt". Das ist durchaus auf Neuwirth selbst gemünzt.

Uri Caines Stück "Hamsa", das arabische Wort für "fünf", bedient sich freizügig einzelner Fragmente des fünften Bach-Konzerts für Flöte, Violine, Cembalo und Streicher. Caine spielt sein eigenes Stück, alles ist nach vorn gerichtet, präsentiert mit atemloser Triebkraft in allen sich bietenden Verfremdungen und Verwandlungen. Es folgt der ultimative Bratschen-Höhepunkt mit Tabea Zimmermann und Brett Dean. Dessen "Approach" ist eine riskante Wanderung durch die Abenteuerwelt tiefer Streicherklänge. In einem fließenden Übergang führt Dean dann zu Bachs verschattetem sechsten Konzert.

© SZ/RJB
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