Lärmbelästigung  im TheaterRuhe im Parkett, bitte!

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Mehr als 1000 Plätze und doch eine intime Atmosphäre: das Theater der Royal Shakespeare Company in Stratford-upon-Avon. Wenn da im Rang ein Säugling gluckst und gurrt, dann hört man das.
Mehr als 1000 Plätze und doch eine intime Atmosphäre: das Theater der Royal Shakespeare Company in Stratford-upon-Avon. Wenn da im Rang ein Säugling gluckst und gurrt, dann hört man das. Stewart Hemley/Royal Shakespeare Company

Ein gurrendes Baby sorgt für großen Ärger in einer Shakespeare-Aufführung mit Kenneth Branagh. Störenfriede im Theater gab es immer schon. Aber kann es sein, dass es ständig lauter wird? Eine Abrechnung.

Von Christine Dössel

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Es war keine verirrte Taube, die gurrte, und das störende Geräusch kam auch nicht von einem leeren Magen. Sondern von einem Baby. Während einer ausverkauften Nachmittagsvorstellung von Shakespeares „Der Sturm“, aufgeführt von der Royal Shakespeare Company (RSC) in Stratford-upon-Avon mit dem Schauspielstar Kenneth Branagh in der Rolle des Prospero, gluckste der Säugling im Saal den gesamten ersten Akt lang vor sich hin.

Nicht, dass das Baby geweint oder geschrien hätte, aber „es gurgelte, gurrte und zirpte die ganze Zeit sehr laut“, wie es eine Zuschauerin aus London der Daily Mail beschrieb. Um das gerne im Original zu zitieren: „… it was gurgling and cooing and chirping very loudly throughout.“ Das Publikum war not amused.

In der Pause standen verärgerte Zuschauer in langen Schlangen vor den Ticketschaltern und beschwerten sich beim Theaterpersonal. Einige drohten, ihr Geld zurückzuverlangen, sollte das Baby für den zweiten Akt erneut in den Saal gelassen werden. „Das Theaterpublikum ist im Allgemeinen sehr tolerant und aufgeschlossen“, zitiert die Daily Mail besagte Londonerin, aber dieser Vorfall habe „allen die Aufführung verdorben, weil man sich kaum konzentrieren konnte“.

Die Inszenierung ist in England ein kulturelles Großereignis, andererseits störte sie den Schlaf des Babys

Für manch einen war damit der erste Teil der Aufführung „komplett ruiniert“ – und das bei einer Produktion, die in England als kulturelles Großereignis gefeiert wird. Sir Kenneth Branagh, einer der prominentesten Shakespeare-Darsteller seiner Generation, spielt in dieser Inszenierung von Richard Eyre erstmals nach 30 Jahren wieder in der Royal Shakespeare Company. Der Ansturm auf diesen „Sturm“ ist enorm: Binnen weniger Stunden nach Beginn des Vorverkaufs im vergangenen Jahr waren sämtliche Vorstellungen ausverkauft, bei Ticketpreisen bis zu 112 Pfund, das sind 130 Euro. Im Mai besuchte König Charles III. als Überraschungsgast eine der heiß begehrten Aufführungen und setzte damit dem Hype die Krone auf – in königlicher Ungestörtheit, wie anzunehmen ist.

Royaler Überraschungsgast in Stratford-upon-Avon: König Charles III. (r.) besucht eine Vorstellung von Shaespeares „Der Sturm“ und spricht mit Hauptdarsteller Kenneth Branagh.
Royaler Überraschungsgast in Stratford-upon-Avon: König Charles III. (r.) besucht eine Vorstellung von Shaespeares „Der Sturm“ und spricht mit Hauptdarsteller Kenneth Branagh. Jeff Spicer/via Reuters

Im Fall des (für sich genommen natürlich unschuldigen) Störbabys sah sich das Theater nach den zahlreichen Beschwerden zum Eingreifen veranlasst. Eine Mitarbeiterin legte der jungen Mutter in der Pause nahe, den zweiten Akt aus Rücksicht auf die übrigen Zuschauer im Theatercafé auf Monitoren zu verfolgen. Was diese laut Zeitungsbericht nicht so recht einsehen wollte. „Sie ist doch nur ein Baby“, wird die Frau zitiert, „und wahrscheinlich schläft sie sowieso gleich ein.“

Überhaupt scheint der Schlaf der Kleinen nur durch das Theater gestört worden zu sein. Der zitierten Londonerin zufolge wurde das Baby durch den gewaltigen Sturm geweckt, mit dem das Stück beginnt – jenes titelgebende Unwetter, das Prospero auf seiner abgelegenen Insel mit Zauberdonnerkraft entfacht („Blow, till thou burst thy wind, if room enough!“), um einen Schiffbruch herbeizuführen und seine einstigen Widersacher zwecks Vergeltung an Land zu spülen. In der RSC sind Säuglinge („babes in arms“) grundsätzlich zugelassen. Ob die störrische Mutter am Ende ihrerseits noch beim Theater Beschwerde einlegt – wegen des lärmbedingten Aufschreckens ihres schlummernden Kindes?

„To coo or not to coo“, schreibt der „Independent“: „Gurren oder nicht gurren“, das sei hier die Frage

Der Gedanke ist nicht so abwegig in einer Zeit, in der rücksichtsloses oder anmaßendes Zuschauerverhalten zuzunehmen scheint. In Großbritannien gibt es schon seit Längerem eine Debatte um die Etikette im Theater. Es wundert daher nicht, dass der Wutsturm in Sachen Glucks-Baby eine mediale Böe entfacht hat. Ob Guardian, Telegraph oder Times, alle stiegen sie darauf ein, mit Wortspiel-Überschriften à la „Der Sturm im Parkett“. In Anspielung auf Hamlets berühmten „To be or not to be“-Monolog witzelte der Independent: „To coo or not to coo“ – „Gurren oder nicht gurren“, das sei hier die Frage.

Nein, das ist, jetzt mal Spaß beiseite, nicht die Frage. Denn bei allem Verständnis für Audience Development, kulturelle Teilhabe und die Theaterbegeisterung junger, gestresster Mütter: ein Baby mit ins Erwachsenentheater zu nehmen, was soll das? Schon gar nicht geht es an, mit einem Säugling, sobald er anfängt zu krähen, zu stinken oder ähnliche Babydinge zu tun, nicht rauszugehen.

Es macht schon Sinn, dass es in den meisten Theatern Altersempfehlungen gibt. In Deutschland werden reguläre Abendvorstellungen erst ab sechs Jahren empfohlen, manchmal auch erst ab zwölf oder vierzehn. Ein Säuglingsverbot gibt es allerdings auch hierzulande nicht, anders als etwa ein Tier- oder Waffenverbot (Ausnahme: Blindenhunde und angemeldete Personenschützer). Da setzen die Häuser auf die elterliche Eigenverantwortung, behalten sich allerdings vor, Besucher bei erheblichen Störungen aus dem Saal zu verweisen.

Sir Kenneth Branagh als Prospero in Shakespeares „Der Sturm“. Der Schauspieler kehrt in dieser Rolle nach drei Jahrzehnten an die Royal Shakespeare Company zurück.
Sir Kenneth Branagh als Prospero in Shakespeares „Der Sturm“. Der Schauspieler kehrt in dieser Rolle nach drei Jahrzehnten an die Royal Shakespeare Company zurück. Johan Persson/Royal Shakespeare Company

Die Mutter im zweiten Rang des Shakespeare-Theaters von Stratford-upon-Avon schien keinerlei Gespür dafür zu haben, welches Unbehagen sie im Publikum auslöste – in einem Theaterraum, der trotz seiner mehr als 1000 Plätze akustisch und atmosphärisch sehr intim ist. Kein Gespür für das Zischen der Leute, ihr genervtes Sich-Umdrehen. Offenbar auch keinerlei Sorge, die Künstler auf der Bühne zu stören oder aus dem Konzept zu bringen. Eine Besucherin sprach von einer „seltsamen Arroganz“, die die Frau auch in ihrer Reaktion in der Pause gezeigt habe – obwohl doch offensichtlich gewesen sei, „dass sie die Grenze weit überschritten hatte“.

Man kennt das. So oder ähnlich. Diese Art des robusten Selbst- und Unschuldsbewusstseins fügt sich stimmig-unstimmig in das Gesamtbild der Verhaltensauffälligkeiten, mit der sich einschlägige Nervensägen im Parkett hervortun: all die Handy-Checker, Display-Blinker, Sitznachbar-Erklärbären und munteren Dauerkommentatoren, für die ein Theaterbesuch nur die Kulisse für eine Aufführung ihrer selbst bildet und konzentrierte Stille eine einzige Zumutung ist.

Die Bazillenschleudern, die ihren Bronchialkatarrh nach Vorstellungsbeginn dauerhaft im Parkett abhusten. Die möchtegern-höflichen Damen die, sobald es dunkel wird, in den Handtaschen auf ihrem Schoß sehr lange archäologische Grabungen vornehmen, grundsätzlich scheiternde Geräuschunterdrückungsversuche inklusive. Die notorischen Zuspätkommer, Bonbonpapierknisterer, Kaugummikauer, die Tuschler und Räusperer, die Wackelköpfe, Schnarch- und Schniefnasen, die Programmheftraschler und Armlehnendrücker – ach, es sind so viele, und es wird immer lauter. Erst kürzlich ächzte in dieser Zeitung der nicht zimperliche, durchaus menschenfreundliche Feuilleton-Kollege aus Berlin über die neue Lust am Picknick im Parkett, beobachtet beim Berliner Theatertreffen, bei dem es sich Zuschauer mit Chips, Thermoskannen und sonstigem Proviant auf ihren Plätzen gemütlich machten.

Theater
:Mampf

In Berlin geht der Trend hin zum Theaterpicknick: Während auf der Bühne gelitten wird, packen Zuschauer immer öfter ihre Flaschen und Chipstüten aus und machen es sich sofagemütlich. Prost Mahlzeit!

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Klar, Theater ist ein sozialer Vorgang und schon per se nicht geruchs-, lärm- und deppenfrei. Wer je in einem Theater in Indien war, hält ein deutsches Parkett womöglich für einen Friedhof der Silberköpfe. Manche mögen die Cinematisierung des Theaterbesuchs begrüßen. Im Kino wird noch beim ergreifendsten Melodram ungehindert geknistert, geknutscht und Popcorn geknuspert. Aber mal ehrlich: Es nervt auch dort.

Im Theater allerdings wiegt die Sache schwerer. Da sitzt man nicht vor einer Leinwandkonserve, sondern – Stichwort „leibliche Kopräsenz“ – vor lebendigen Menschen, die just in dem Moment spielen, schweigen, ringen, leiden. Und sie tun das für Menschen, die genau das sehen und miterleben wollen; die sich dafür – oft zu stattlichen Preisen – Karten gekauft und auf den Weg gemacht und zum Beispiel einen Babysitter (sic!) organsiert haben. Sie sollten erwarten dürfen, dass Theater ein kollektiver Konzentrationsakt bleibt: eine Verabredung auf Aufmerksamkeit.

Daher, Leute, haltet doch bitte mal zwei, drei Stunden still – und haltet das Theater aus! Oder bleibt, wenigstens vorübergehend, zu Hause. Das Theater ist weder die Verlängerung des eigenen Wohnzimmers noch eine Außenstelle von Instagram.

Nur leider scheint im Zeitalter der Smartphones, Smartwatches und persönlichen Dauerpräsenz auf digitalen Bühnen die Zuhör- und Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer aka User im selben Umfang abzunehmen, wie der Drang nach Äußerung und Selbstdarstellung steigt. Zwar ist es Usus, dass die Theater per Durchsage zum Abschalten der Handys auffordern. Aber dadurch ist höchstens das Klingeln seltener geworden. Displays leuchten quer durch den Zuschauerraum auf wie Notausgangsschilder. Hier kontrollieren Helikoptereltern die Whatsapp-Lage, dort checkt schnell noch einer seine Aktienkurse.

Die Schauspielerin Rosamund Pike trat vor das Publikum und rügte einen Mann, der eine Nachricht getippt hatte

Im Londoner West End und am Broadway häufen sich seit Jahren die Beschwerden über Zuschauer, die während der Vorstellung telefonieren, filmen oder durch soziale Medien scrollen. Immer wieder sehen sich Schauspieler genötigt, Aufführungen zu unterbrechen und das Publikum zur Ordnung zu rufen.

Besondere Aufmerksamkeit erregte zuletzt die Emmy-Preisträgerin Rosamund Pike („Gone Girl“, „Saltburn“). Im Londoner West End steht sie derzeit in Suzie Millers Stück „Inter Alia“ auf der Bühne. Darin verkörpert sie die Kronrichterin und Feministin Jessica Parks, deren Sohn der Vergewaltigung beschuldigt wird – eine intensive, emotional fordernde Rolle, für die Pike regelmäßig gefeiert wird.

„Ich spüre Sie, und ich hoffe, Sie spüren mich auch“: Schauspielerin und Emmy-Preisträgerin Rosamund Pike 2024 bei den Critics Choice Awards in Santa Monica, Kalifornien.
„Ich spüre Sie, und ich hoffe, Sie spüren mich auch“: Schauspielerin und Emmy-Preisträgerin Rosamund Pike 2024 bei den Critics Choice Awards in Santa Monica, Kalifornien. Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

Ende Mai trat die Schauspielerin nach dem Schlussapplaus noch einmal vor den Vorhang. Sie habe eine Botschaft an ihr Publikum, sagte sie. Theater sei etwas Besonderes: „Ich versuche, Ihnen eine Geschichte zu erzählen. Ich spüre Sie, und ich hoffe, Sie spüren mich auch.“ Dann kam sie auf einen Zuschauer zu sprechen, der während einer zentralen Szene eine Textnachricht verschickt habe. „Sie wissen, wer Sie sind, und ich werde Sie nicht bloßstellen“, zitierte der Guardian die genervte Schauspielerin. Sie hoffe, es sei wichtig gewesen – „vielleicht sind Sie Arzt und haben gerade ein Leben gerettet“. Doch die Spitze folgte unmittelbar: „Wir sehen das. Und wir spüren das.“

Noch dreister missachtet wurde die stillschweigende Übereinkunft gegenseitiger Aufmerksamkeit bei einem Vorfall, von dem der irische Schauspieler Andrew Scott („Sherlock“, „Fleabag“) 2024 in einem Podcast berichtete. Während seines „Sein oder Nichtsein“-Monologs als Hamlet am Londoner Almeida Theatre 2017 klappte ein Zuschauer seinen Laptop auf und begann, E-Mails zu bearbeiten. Scott brach die Szene ab und weigerte sich weiterzuspielen, bis der Mann das Gerät wieder eingepackt hatte.

Im Gegensatz dazu die Mitmachfreunde und aufgekratzten Stimmungskanonen! Bei einer Aufführung des Whitney-Houston-Musicals „The Bodyguard“ 2023 in Manchester sah sich eine Zuschauerin offenbar als das eigentliche Stimmwunder des Abends, sodass sie nicht nur mitsang, sondern stellenweise sogar gegen die Hauptdarstellerin ansang. Ihr unerbetener Gastauftritt endete mit einem Polizeieinsatz und einer vorzeitig abgebrochenen Vorstellung.

„Die Hölle, das sind die anderen“, heißt es bei Jean-Paul Sartre. Shakespeare war früher dran. In seinem „Sturm“ sagt der Luftgeist Ariel: „Hell is empty, and all the devils are here.“ Die Hölle ist leer, und alle Teufel sind hier. Mitunter sitzen sie im Parkett.

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