"Baby Driver" im Kino Der Nerd unter den Fluchtfahrern

Der begabte Fahrer "Baby" (Ansel Elgort) tritt der Welt ohne Kopfhörer nicht mehr entgegen.

(Foto: dpa)

Ein Film wie ein Adrenalinschub: In "Baby Driver" spielen Jamie Foxx und Jon Hamm an der Seite von Kevin Spacey. Der größte Star in diesem Thriller ist allerdings der Soundtrack.

Von Doris Kuhn

Es dauert nur Sekunden, bis man sich verliebt. Man sieht einen parkenden Subaru, Männer mit Gewehren steigen aus, der Fahrer durchsucht seinen iPod. Dann setzt die Musik ein, alles löst sich in Bewegung auf. Scheibenwischer wischen, Fahrerhände trommeln, man wird hineingerissen in "Bellbottoms" von der Jon Spencer Blues Explosion. Erst mitten im Adrenalinschub merkt man, dass die eigentliche Action auf der anderen Straßenseite passiert: Ein Banküberfall, nur schemenhaft durch die Fenster zu sehen.

Noch sind die Anfangstitel nicht vorbei, da hängt man schon bedingungslos mit drin

Sobald die Räuber wieder im Auto sind, übernimmt die Handlung das Tempo der Musik. Der Fahrer rast über die Highways von Atlanta, er spielt Fangen mit einer Horde von Verfolgern, "Bellbottoms" trägt ihn davon. Noch sind die Anfangstitel nicht vorbei, da hängt man schon bedingungslos mit drin, im Rhythmus, im Geschwindigkeitsrausch, man will nie wieder raus aus Edgar Wrights neuem Film "Baby Driver".

Das wird eine Weile so bleiben. "Baby Driver" ist offensichtlich ein Gangsterfilm, aber ein Musikfilm ist es auch, eine Städtereise, ein Actionknaller. Zu all diesem Überfluss erlaubt sich Edgar Wright außerdem, das Zentrum eigenwillig zu verschieben. Die Überfälle, um die das Genre sonst kreist, bleiben auf der Seitenlinie. Wright konzentriert sich am liebsten auf die Psychologie seines Fluchtfahrers Baby.

Auch Baby ist ziemlich eigenwillig. Er ist der Nerd unter den Fluchtfahrern. Er nutzt zwar jedes Klischee des coolen Jungen, immer Sonnenbrille, immer Kopfhörer, aber er hat ein Gesicht, das dem nicht gerecht wird: Das Babyface von Ansel "Die Bestimmung" Elgort, das seine Jugend verrät, vielleicht auch seine Unschuld. Andererseits ist Baby der Herr der Musik. Die braucht er, seit er beide Eltern verlor - deshalb die Kopfhörer, ohne die er der Welt nicht mehr entgegentritt. Er selbst redet ungern, dafür ist sein Soundtrack den Bildern in diesem Film mindestens ebenbürtig.

Baby lebt bei einem taubstummen Schwarzen, er muss also nicht sprechen, sondern kann entspannt in der Popgeschichte verschwinden. Was er da findet, reicht für seine Bedürfnisse: Mit dem Mitbewohner kann er kommunizieren, weil der die Finger an den Lautsprecher legt, um zu spüren, welche Stimmung da gerade herauskommt. Für seine gewagten Fahrmanöver liefert ihm der iPod die Inspiration, einmal wird man ganz nervös, als dieser im entscheidenden Moment kurz versagt. In Babys Alltag sorgt die Musik für einen Schwung, der sich auf die Straßen von Atlanta überträgt, als wäre die Stadt im Innern einer Jukebox.

Diese Hingabe an die Musik irritiert die Männer, mit denen Baby arbeitet. Außerdem sieht er eben aus wie ein Oberschüler. Die Gangster sind großflächig tätowierte, unberechenbare, gewaltfreudige Kerle, sie nehmen Baby nicht ernst, bis sie ihn fahren sehen, manchmal nicht einmal dann. An ihrer Überheblichkeit ihm gegenüber demonstriert Wright, wie verliebt auch der gefährlichste Gangster in sein eigenes Gangsterklischee ist, man sieht die Eitelkeit hinter all den grimmigen Fassaden, das ist ziemlich lustig.

Alle haben einen Höllenspaß daran, sich möglichst wahnsinnig zu benehmen

Den Gangsterboss Doc spielt Kevin Spacey geschäftsmäßig ruhig, zu seinen Leuten gehören Jamie Foxx und Jon Hamm. Es gibt also in "Baby Driver" geballte Prominenz zwischen "The Usual Suspects", "Django Unchained" und "Mad Men". Und alle haben einen Höllenspaß daran, sich möglichst wahnsinnig zu benehmen. Das führt dazu, dass man mehrfach im Zwiespalt ist, ob man es nicht lieber doch mit dieser Truppe halten soll als mit dem pausbäckigen Baby.

Denn man muss sich für eine Seite entscheiden, sobald Baby seine Rückkehr in die Legalität plant. Das Crime-Genre ist kein Freund solcher Ausstiegspläne, da geht Baby arg naiv an seine Zukunft heran. Aber um der Sache noch etwas Süße unterzujubeln, schickt Edgar Wright seinen Driver in die Liebe. Baby trifft ein Mädchen im Diner, er hat ein Date mit ihr im Waschsalon, sie küssen sich vor bunten Wäschetrommeln zu T-Rex. Da zeugt jedes Bild vom unbedingtem Stilwillen des Regisseurs, immer steht die Musik im Vordergrund - später übernehmen sogar die Schusswechsel ihren Rhythmus.

"Baby Driver" erinnert an die übermütigen Thriller von Walter Hill und an die strengen von Michael Mann, auch Wrights eigene Filme findet man darin wieder, denn schon "Scott Pilgrim vs. the World" hat gezeigt, wie unkonventionell Wrights Bildästhetik und seine Soundtracks sind, wie elegant er beides kombinieren kann. Selbst wenn "Baby Driver" am Ende weit in den Kitsch abdriftet, erkennt man Edgar Wright in diesem Kitsch: Dieser Regisseur nimmt den Gute-Laune-Auftrag seiner Filme immer ernst.

Baby Driver, USA 2017 - Regie & Buch: Edgar Wright. Kamera: Bill Pope. Schnitt: Jonathan Amos, Paul Machliss. Mit Ansel Elgort, Kevin Spacey, Jamie Foxx, Jon Hamm, Verleih: Sony, 112 Minuten.

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