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"Axolotl Overkill" im Kino:Das hier ist kein Mädels-Film

Axolotl Overkill

"Axolotl Overkill" macht Lust auf ein neues Kino besoffener Regisseurinnen, die man in keinem Alter "Mädels" nennen würde.

(Foto: Constantin Film Verleih GmbH)

Helene Hegemann verfilmt Helene Hegemann: In "Axolotl Overkill" dürfen sich zur Abwechslung mal die Frauen danebenbenehmen.

Ein Junge, ungefähr acht Jahre alt, hängt müde in einem Ledersessel und sagt: "Alles, was von nun an passiert, werde ich mit diesem morbiden, großbürgerlichen Heroinflug vergleichen, der gerade am Start ist." Er hat ein bisschen Probleme, die Adjektive morbide und großbürgerlich in einem Zug flüssig auszusprechen. Aber weil das voll krass ist, wenn kleine Kinder über Heroin reden, erfüllte der Werbetrailer zu Helene Hegemanns Buch "Axolotl Roadkill" im Jahr 2010 natürlich seinen Zweck.

Die Autorin war damals selbst fast noch ein Kind, sie hat den Roman mit 16 Jahren geschrieben. Alles daran war Skandal. Sie schrieb Sachen wie: "Er und seine aristokratische Pornodarsteller-Abgefucktheit lassen mich vielbeschäftigt und durchtrieben aussehen". Vielbeschäftigt waren auch diese Sätze, wenn auch nicht immer sehr durchtrieben. Aber wenn ihr etwas unverbildet und wüst erscheint, ist die deutsche Literaturkritik sofort aus dem Häuschen, und so war es damals auch. Zumindest bis herauskam, dass Hegemann Teile des Buchs plagiiert hatte. Plötzlich waren sich die Oberlehrer der deutschen Sprachkunst nicht mehr sicher, ob sie eine Debatte über Intertextualität führen oder lieber dieses junge Mädchen schelten sollten, das sie beim Abschreiben erwischt hatten.

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Jetzt kommt der morbide, großbürgerliche Heroinflug unter dem Titel "Axolotl Overkill" ins Kino. Hegemann, inzwischen 25 Jahre alt, hat selbst Regie geführt, nach "Torpedo" von 2008 schon zum zweiten Mal. Der Medienwechsel tut dem Stoff gut. Für einen Film muss man seine Schauspieler Dinge tun lassen, die keine abstrakten Begriffe sind. Und so verlässt die 16-jährige Hauptfigur Mifti das Haus, um ausnahmsweise mal zur Schule zu gehen. Draußen ist Endzeit. Menschen liegen reglos auf der Straße. "Atomkrieg, Giftgasangriff, such dir was aus", sagt sie zu ihrer älteren Schwester Annika, die erfolglos versucht, Mifti einigermaßen auf Kurs zu halten, seit die Mutter gestorben ist.

Doch wo sie auftaucht, herrscht Krieg. Schuld daran hat einerseits ihr Kopf. Andererseits liegt es auch an jener Berliner Avantgardeszene, die aus Theaterblut, Sperma, Ecstasy und Filmen wie diesem besteht, im Modus ihrer ewigen Selbstverklärung. Hier gilt Osama bin Laden als "Videokünstler", findet rotweinschwenkend zumindest Miftis Vater. Der ist ein althipper Luftikus und hat Geld. Er tritt mit seiner Tochter an ein Fenster und sagt: "Alles, was das Licht berührt, wird einmal dir gehören, mein Sohn."

Was soll uns diese Szene sagen? Viel, und dann doch wieder gar nichts. Zwischen diesen beiden Polen tanzt und taumelt der Film erzählerisch vor sich hin. Man wird ihm vorwerfen, er berausche sich nur an Oberflächen. Die Kamera macht einfach, was sie will, so eine Unverschämtheit, dafür gab es auf dem Sundance Festival den Kamerapreis. Überhaupt geht es um Freiheitsvollzüge. Ich darf also mein Leben nicht wegschmeißen, scheint Mifti mit dem Schmollgesicht von Jasna Fritzi Bauer zu sagen, ach nein? Na, dann schaut mal her. Klar ist das nicht besonders clever. Der Punkt ist aber, dass sich Frauen diese Form der Unreife im Kino bislang eher selten zugetraut haben. Das getriebene Genie, das sehenden Auges auf den Abgrund zurast, um im Fall noch die Mittelfinger hochzurecken, ist fast immer ein Mann. Frauen hatten eher das Modell "Mängelexemplar" zu sein, wie es im Titel des letztes Jahr verfilmten Romans von Sarah Kuttner heißt. Als dort für eine junge Berlinerin die Welt zusammenbricht, geht sie erst mal in den Baumarkt, Lampen shoppen. Den Rest des Films blickt sie mit großen Augen in die Kamera, bis sie irgendjemand in den Arm nimmt. Zwischendurch beichtet sie brav ihre Neurosen einer Therapeutin.