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Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik:Retter der Zivilität

Wäre ohne sie der Neubau eines nachnationalsozialistischen Staates gelungen? Axel Schildts großes Buch über die deutschen Radio- und Zeitschriftenintellektuellen der Fünfziger und Sechziger.

Von Willi Winkler

Corona, so weit das Auge reicht: "Die Mehrzahl der deutschen Dichter und Denker schreiben ja - nicht erst seit heute - im Grunde nur für sich selbst. Nachdem sie nun die ökonomischen Konsequenzen dieser Haltung tragen sollen, ist das Geschrei groß." Das ist trotzdem nicht von heute, sondern ein Befund von 1950, er stammt von Gerhard Szczesny, der als der für das kulturelle Nachtprogramm des Bayerischen Rundfunks verantwortliche Redakteur den Kulturbetrieb der Fünfzigerjahre zu einem großen Teil mitfinanzierte.

Die Dichter und Denker schreiben immer noch für sich selber, manchmal auch ein bisschen gegeneinander, wenn auch inzwischen anderweitig alimentiert. Der Rundfunk als Kulturprogramm hat ausgespielt, Schlager gilt als fortschrittlich. Bitte also für einen Moment alles auf Anfang: "Für fortgeschrittene und radionahe Literaturbeobachter ist der 6. April 1950 ein sensationeller Donnerstag. Das NWDR-Nachtprogramm ist für ein Wortduell reserviert. Kontrahenten? Peter de Mendelssohn, Gottfried Benn." So beginnt, ungezeichnet, am gleichen 6. April 1950 ein Artikel von Christa Rotzoll im Spiegel, beste Vorausreklame für eine Sendung, die ein Muster nicht nur der intellektuellen Verhältnisse in der Nachkriegszeit zeigt.

17 Jahre zuvor hatte sich Gottfried Benn, ebenfalls im Rundfunk, mit dem "Neuen Staat und den Intellektuellen" befasst. Als ihn Klaus Mann wegen seiner Begeisterung für die Nazis angriff, wurde der Dichter Benn zum Menschenzüchter. Beim Nationalsozialismus handle es sich um "eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes überhaupt". Für die Emigranten hatte er nur Verachtung übrig: "Da sitzen Sie also in Ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates."

Jetzt, im Frühjahr 1950, sitzt er als Autor des "Doppellebens" im Berliner Studio einem Emigranten gegenüber und verhört wie ein preußischer Polizeiwachtmeister Peter de Mendelssohn, der als amerikanischer Presseoffizier zurückgekommen ist. "Herr de Mendelssohn, würden Sie die Güte haben, mal zu sagen, wovor sollte man emigrieren." Mit seiner kaum verhohlenen Aggressivität gegen die Nazi-Gegner stand der Kollaborateur keineswegs allein; Axel Schildt weist in seinem Buch darauf hin, dass nach dem Weltkrieg nicht die Täter, sondern die Opfer und Widerständler von Schuld sprachen.

Die Medien-Intellektuellen nahmen Anteil am Wirtschaftswunder, das sie kulturkritisch geißelten

Dieses Buch, "Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik", ist ein Geschichtswerk der besonderen Art, schon weil es in seiner ganzen Fülle kaum auszulesen ist. Der ehemalige Leiter der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte plante es als Opus magnum, das noch erheblich über die vorliegenden 800 engbedruckten Seiten hinausgediehen wäre, wenn er auch noch die ganz anders gelagerten Themen und Äußerungsmöglichkeiten der Sechziger und Siebziger Jahre hätte behandeln können. Kaum weniger traurig als Schildts früher Tod im April 2019 ist die Gewissheit, dass sich niemand mehr an einen solchen fast schon babylonischen Altneubau machen wird.

Schildt hat das Epos des Medien-Intellektuellen geschrieben, wie es ihn phänotypisch nur in der ersten Nachkriegszeit gab. Es bourdieut und luhmannt nicht mehr, als unbedingt sein muss, dafür gibt Schildt reiche Hinweise auf die Produktionsbedingungen: ein Diktaphon gehört dazu, die elektrische Schreibmaschine wird zum Fetisch, die Klage über Termindruck und Arbeitsüberlastung verbindet mit der Angestelltenwelt. Von ihr unterscheidet sich der Intellektuelle, weil er wenigstens einmal mit einer Redaktion oder einem Verlag gebrochen hat. Er verfügt über ein breites Themenspektrum, "ohne professionelle Expertise zu besitzen". Öffentliche Wirksamkeit ist nur möglich durch den Verzicht auf direkte politische Stellungnahmen.

Bald stellt sich heraus, dass der Intellektuelle nicht nur Geistesarbeiter ist, sondern als sein eigener Werbetreibender auftreten muss. Zum Ertrag der Lektüre gehört die literaturhistorisch nicht unwesentliche Anekdote, dass sich der Literaturkritiker Friedrich Sieburg beim Spiegel nicht bloß hartnäckig um ein Porträt beworben hat, sondern dass er die Titelgeschichte, die 1954 endlich über ihn erschien, auch gleich selbst zurechtformulierte: "Was die Story über mich angeht, so kann ich mir schon denken, dass sie journalistisch nicht leicht zu bewältigen ist. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie mir das Unreine des Textes senden lassen, sodass ich es mit Zusätzen versehen kann, die vielleicht ganz unterhaltend sein können." Und so geschah's.

Axel Schildt: Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gabriele Kandzora und Detlef Siegfried. Wallstein, Göttingen 2020. 896 Seiten, 46 Euro.

Schildt spart nicht am Kleingeld der intellektuellen Arbeit. Karl Jaspers erscheint mit seinem Beitrag zur Verjährungsdebatte, aber auch als finanzieller Ratgeber, der seiner Schülerin Hannah Arendt empfiehlt, beim Piper-Verlag auf einem Autorenanteil von zehn statt nur acht Prozent zu bestehen. Der bereits erwähnte Benn, Facharzt für venerische Krankheiten, belustigte sich zwar über "Hörspieldichter", die "von einem Hörspiel von einer Stunde Dauer ein Jahr leben und sich sogar Straßenfahrzeuge mit Motorantrieb und Eigenheim beschaffen können", frohlockte aber über "viel Geld", das ihm das Gespräch mit Mendelssohn einbrachte. "Prostitution überall", schrieb er an seinen Mäzen Friedrich Wilhelm Oelze, "allons enfants!"

Der große Mäzen der Intellektuellen war der Rundfunk. In Sendungen, die Abend- oder Nachtstudio hießen, fanden "alle wesentlichen intellektuellen Diskurse zur bildungsbürgerlichen Selbstverständigung ihren Ausdruck". Die Medien-Intellektuellen nahmen Anteil am Wirtschaftswunder, das sie kulturkritisch geißelten. Hans Magnus Enzensberger pries an Martin Walser, wie er "allenthalben auf das weltläufigste seinen weißen Fiat durchs Gewimmel" steuerte. In den Fünfzigern war es möglich, vom Schreiben zu leben.

Ein Facharbeiter musste damals mit 300 Mark im Monat auskommen. Medien-Intellektuelle erlösten wesentlich mehr. Alfred Andersch, Autor und Redakteur gleich bei mehreren Anstalten, konnte den Hessischen Rundfunk dazu bewegen, ihn beim Kauf eines Eigenheims mit einem Darlehen von 10 000 Mark zu unterstützen. Walter Dirks, neben Eugen Kogon der Herausgeber der einflussreichen Frankfurter Hefte, kam durch seine Nebentätigkeit mit Rundfunkbeiträgen zusätzlich auf dreitausend Mark im Monat.

Noch Anfang der Fünfziger verfügten mehr als vier Fünftel aller Medienarbeiter über Schreibpraxis aus dem Dritten Reich

In Stuttgart sammelte Andersch als Medienmanager eine Genietruppe um sich. Walser und Helmut Heißenbüttel waren dabei; Enzensberger, seinerseits Sohn des ersten Radiosprechers in Bayern, produzierte sein gesamtes essayistisches Frühwerk für den Rundfunk. Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen, nach der sich später eine Kultursendung des NDR nannte, brachte die modernste Literatur von Arno Schmidt bis Roland Barthes. Schildt beschreibt die Bedeutung weiterer Kulturzentren: der Rowohlt-Verlag gehört dazu, die Zeitschrift Merkur, die "Entbräunungsanstalt" Christ und Welt mit Goebbels' Lieblingsjournalist Giselher Wirsing an der Spitze, später die Zeit und die Gruppe 47, und auch die Evangelischen und Katholischen Akademien werden nicht vergessen, wo Walser auf den späteren Fernsehkritiker Helmut Schmidt treffen konnte.

Die vorangegangene Tätigkeit für Goebbels' Zeitschrift Das Reich war kein Hindernis, sondern galt in der Nachkriegspublizistik als bestes Arbeitszeugnis. Noch Anfang der Fünfziger verfügten mehr als vier Fünftel aller Medienarbeiter über Schreibpraxis aus dem Dritten Reich. Die Mitmacher veredelten ihr Tun als "innere Emigration", um die echten Emigranten fernzuhalten.

Publizisten sind nach einem Wort des Publizisten Michael Jürgs Männer, die beim Autofahren den Hut aufbehalten. In den Fünfzigern waren es tatsächlich fast ausschließlich Männer, die den Hut aufhatten. Neben Marion Gräfin Dönhoff, die bis in die Chefredaktion der Zeit aufstieg, war eine der wenigen Ausnahmen die nationalkonservative Margret Boveri, die auf rührende Art und vergeblich Carl Schmitt, Ernst Jünger und Martin Heidegger, die überständigen Männer der Vorzeit, zusammenführen wollte.

Schildt übergeht hier das nicht unbedeutende Wirken von Clara Menck, Karena Niehoff oder auch von Christa Rotzoll, die in zweiter Ehe den aus der Emigration zurückgekehrten Sebastian Haffner heiratete. Aber auch wenn es Ingeborg Bachmann auf den Spiegel-Titel schaffte, waren Frauen damals nicht viel mehr als Deko. Kritiker wie Sieburg reagierten mit offenem Hass auf Simone de Beauvoirs Untersuchung "Das andere Geschlecht" (1951). Im konservativen Denken und Schreiben bildeten die "Ansprüche weiblicher Emanzipation einen Fixpunkt der Abwehr gegen die Zumutungen der Moderne".

Kulturkritik wurde gern genommen. Ortega y Gasset, Hans Egon Holthusen, Hans Sedlmayr, Helmut Schelsky und Arnold Gehlen waren Stars, wenn sie sich raunend über die Gegenwart und die Massen verbreiteten. "Das Abladen der Verantwortung auf die Massen bot den Vorteil, die elitäre Ordnung als Garant gegen eine erneute Diktatur auszugeben." Schelsky veröffentlichte im Aral-Journal seine Gedanken über die "industrielle Gesellschaft von morgen". Heidegger wurde von der längst verschwundenen Illustrierten Quick, die damals eine höhere Auflage als der Stern hatte, mit einem Porträt gewürdigt. Der teilverfemte NS-Apologet Carl Schmitt brachte seine Rezension des Grundgesetzes 1949 und 1950 in mehreren Folgen in der Zeitschrift Der Eisenbahner unter.

"Sie sind gefährlich und mir dialektisch weit überlegen", schrieb Benn an Adorno

Christina von Hodenberg, die Leiterin des Deutschen Historischen Instituts in London, hat 2006 "Konsens und Krise" veröffentlicht, in der sie die allmähliche Liberalisierung der Presse vor allem mit dem biologischen Wandel erklärt. Die alten Nazis waren irgendwann einfach zu alt, jüngere, unbelastete Autoren und Redakteure rückten nach. "Der kulturkonservative Ton passte nicht mehr zur neuen Lebenswirklichkeit", meint Schildt, die Verwestlichung half mit.

Am Ende seines Lebens, nur fünf Jahre nach dem Schauspiel, das er im Rundfunk auf Kosten von de Mendelssohn aufführte, zieht Benn vor einem anderen Emigranten zurück. Er soll mit Theodor W. Adorno im Studio über "Reine oder engagierte Kunst?" debattieren. Obwohl ihm das Doppelte des üblichen Honorars geboten wurde, obwohl Andersch schmeichelte, obwohl Enzensberger nachsetzte und darauf hinwies, dass Benn schließlich zu den Ersten gehört habe, die vom Radio "den Gebrauch machten, den wir alle für wünschbar halten", obwohl auch Adorno seinen Charme spielen ließ, wollte sich Benn nicht auf ein Gespräch einlassen. "Sie sind gefährlich und mir dialektisch weit überlegen", schrieb er an Adorno. Was er nicht sagte, hatte er im Jahr zuvor Oelze über Adorno mitgeteilt: "ein sehr intelligenter, wenig gut aussehender Jude, aber eben von der Intelligenz, die eigentlich wirklich nur Juden haben, gute Juden".

Benn starb 1956, die klassische Kulturkritik begann ihren Reiz zu verlieren, die Sechziger bahnten sich an, in denen Adorno praktisch jede Woche einmal irgendwo im Radio zu hören war, nicht immer dialektisch, aber der Herold einer neuen Zeit.

Für ein Buch mit dieser Faktenfülle hat dieses epische Unternehmen erstaunlich wenige Fehler, die aber sind umso ärgerlicher. Der berühmte Gerichtsreporter des Spiegel schrieb sich Gerhard Mauz und nicht Maunz wie der berüchtigte bayerische Kultusminister und Grundgesetzkommentator. Der Politologe Dolf Sternberger wird einmal als "Steinberger" ausgewiesen. Und einmal muss das Lektorat vollends in einen Tiefschlaf weggesackt sein: Der berüchtigte Artikel, der 1962 Konrad Adenauer in Rage und die katholische Kirche gegen den Stern aufbrachte, hieß "Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?". Im Buch heißt es unbegreiflicherweise "kein Feuer".

Jürgen Habermas, in den Fünfzigern mit Beiträgen in der Frankfurter Allgemeinen und im Merkur einer der wichtigsten Medien-Intellektuellen, sieht das Erfolgsrezept der Bundesrepublik gut spätmarxistisch in einer "Arbeitsteilung", nämlich zwischen den Regierenden und den von Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard dann so geschmähten "Pinschern". Ohne die Radio- und Zeitschriftenintellektuellen hätte sich "eine zivile Mentalität wohl kaum ausgeprägt", ohne sie wäre der Neubau eines nachnationalsozialistischen Staates nicht gelungen.

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