bedeckt München 21°

Autorentheatertage:Teilen, wenn es der Mitteilung dient

Das Gelübde

Szene aus "Das Gelübde". Auf dem Bild: Miriam Maertens, rechts, und Henrike Johanna Jörissen.

(Foto: Tanja Dorendorf)

Im Theater geht es derzeit oft um "Welthaltigkeit". Dagegen setzt das Berliner Deutsche Theater nun wieder spannende Stücke

Von Mounia Meiborg

Zu Beginn werden ein paar Erwartungen düpiert. Nein, sagte also die Juryvorsitzende Barbara Behrendt in ihrer Rede zur Eröffnung der Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin, das neue Flüchtlingsstück sei nicht dabei. Auch nicht das neue Stück zum Terror des "Islamischen Staates" oder zum Rechtsruck in Europa.

Nichts ist zurzeit im Theater so angesagt wie die sogenannte "Welthaltigkeit". Gesellschaftliche Relevanz ist zur wichtigsten Währung im Betrieb geworden. Sie wird allerdings oft nur behauptet und selten erreicht. Das Theater, so Barbara Behrendt, sei jedoch kein Informations-, sondern ein Reflexionsmedium. "Das Theater kann nicht nur die Fortsetzung der Tagesschau mit anderen Mitteln sein." Stattdessen sollten sich die Bühnen auf ihre große Freiheit besinnen.

Die drei Texte, die aus 175 Einsendungen ausgewählt und nun eben am Deutschen Theater uraufgeführt wurden, tun das auf ihre Weise. Sie hinterfragen und umspielen die Möglichkeiten des Theaters, ohne sich in Theoriegespinsten zu verheddern. Vor allem erzählen sie Geschichten: von Liebe und Lebensentscheidungen, von Freundschaft und Familie, von Krankheit und Sterben. Und so ist in der kleinen Welt ein Splitter der großen zu entdecken.

Jakob Noltes Stück heißt "Gespräch wegen der Kürbisse". Zwei Freundinnen treffen sich zum Kaffeetrinken. Ein Freundschaftsritual wird zum Ausgangspunkt für eine Groteske über die Wohlstandswelt. Eine der beiden war im Urlaub. Sie berichtet von Liegestühlen mit Polster, Blaubeer-Koriander-Salat und dem Wellenrauschen: "Wenn etwas ununterbrochen beruhigend ist . . . ich weiß auch nicht . . . Dann ist es nicht mehr beruhigend."

Man folgt einem fortgeschrittenen Individualismus und Narzissmus in seine letzten Verästelungen. Nach und nach schleichen sich Fehler und Lügen in die Erzählung ein. Mal behauptet die Urlauberin, ihr Vater habe sich in China von einem Hochhaus gestürzt. Mal ist das ganze Mittelmeer voller Leichen. Nein, es war noch krasser: Die Leiche ihres Vaters wurde auf sie gespült, als sie am Strand lag.

Wirklichkeitsfetzen, die nicht zusammenpassen, schwirren durch den Text. Spürbar werden Verunsicherung, ein Misstrauen gegenüber eindeutigen Wahrheiten, die Angst, die eigene Biografie genüge nicht, und ein verdammt schlechtes Gewissen, weil es einem ja gut doch geht - ein treffender Gefühlscocktail unserer Tage.

Aber in der Inszenierung von Tom Kühnel ist davon nicht viel zu sehen. Maren Eggert und Natali Seelig spielen merkwürdig aufgesetzt; machen Schmollmünder oder legen die Stirn in Falten. Mit dieser aufgesetzten Hysterie erwischen sie den Tonfall des Stückes nicht recht.

Aber immerhin: Es ist eine Inszenierung. Im vergangenen Jahr haben die Autorentheatertage - eines der wichtigsten Festivals für neue Dramatik - ihr Konzept überarbeitet. Vorbei sind die Zeiten, als manche Lektoren lieber keine Texte einschickten, um ihre Autoren vor halbgaren Werkstattinszenierungen zu schützen. Nun gibt es Uraufführungen an renommierten Häusern. Neben dem Deutschen Theater haben das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich Inszenierungen übernommen. Dort laufen die Stücke im Anschluss.

Stefan Hornbachs "Über meine Leiche" erzählt von einem jungen Mann, der Krebs hat. Er zieht wieder bei seiner Mutter ein und trifft in der alten Heimatstadt auf seine Teenagerliebe. Was klingt wie ein sentimentales Jugendstück, entpuppt sich als poetische Meditation über Erinnerungen, Sehnsüchte und verpasste Chancen. Das Sterben ist hier vielleicht gar nicht das größte Problem.

Schon das lexikalisch anmutende Personenverzeichnis zeigt, dass auf die Zuschreibungen nicht immer Verlass ist: "WIR - können von mehr oder weniger wenigen Wesen jeglichen Geschlechts, Alters, jeglicher Herkunft mit oder ohne Behinderung usw. gespielt werden . . . WIR teilen gerne, auch unsere Texte, wenn es der Mitteilung dient."

Der junge Regisseur Nicolas Charaux lässt erst gar keine Figuren entstehen. Drei Schauspieler, zwei Männer, eine Frau, teilen sich den Text: eine Entscheidung, die sich nicht erschließt. Ohne Textkenntnis kann man kaum folgen. Und selbst mit Textkenntnis sucht man nach poetischen Passagen, die hier verzerrt vom Band kommen, und verschütt gegangenen Pointen.

Charaux benutzt jene Vermeidungsstrategien, die gerade bei jungen Regisseuren Mode sind: bloß keine Figuren, bloß keine Psychologie, und auf gar keinen Fall Geschlechterzuschreibungen. Damit werden alle Konflikte nivelliert.

In Dominik Busch Stück "Das Gelübde" ist der Konflikt unüberwindbar. Ein junger Mann entscheidet sich gegen seine Familie, gegen seine Verlobte, gegen sein bisheriges Leben. Gerade kommt er, ein Arzt, aus einer Krisenregion zurück. Das Flugzeug stürzt ab. Und während er glaubt zu sterben, legt er ein Gelübde ab: Sollte er überleben, dann geht er für immer zurück in die Krankenstation, die so postkolonial-großspurig "Centre Espoir" heißt.

Nicht nur der Protagonist, auch Buschs Text nimmt eine radikale Wendung: von einer Textfläche hin zum Drama. Im ersten Teil schaut der Protagonist auf sein Leben wie Drehbuchautor. Er weiß, wann die "fünf bis acht Sätze zur Armut" dran sind. Er wägt ab, kalkuliert, inszeniert. Im zweiten Teil ist all das weg.

Die Regisseurin Lily Sykes und ihre vier Schauspieler - Christian Baumbach, Henrike Johanna Jörissen, Miriam Maertens, Milian Zerzawy - machen aus dem Text ein Theaterereignis. Auf einem Flugzeugtragflügel treten die Schauspieler erst als Chor auf. Später verwandeln sie sich in Figuren. Der junge Mann, seine Verlobte, seine Mutter, sein Vater. Jede Figur ist nachvollziehbar, jede liebenswert. Und während man sich dem Sog des Abends ergibt, erscheint plötzlich nicht mehr ganz unmöglich: dass man an etwas glauben könnte, das größer ist als man selbst.

© SZ vom 28.06.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite