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Autorenleben:Rumtreiber und Ausreißer

Sich annähern und zurückschrecken: Der Kritiker Volker Hage porträtiert einundzwanzig Schriftsteller.

Volker Hage mag es, wenn's knirscht im Literaturbetrieb, wenn er Aufbruch- und Ausbruchstimmungen spürt. Rumtreiber sind die Helden, von denen er in diesem Band erzählt, Literaten-Rumtreiber. Weltenbummler, die erst mal fremde Länder und Kulturen durchstreiften, wie Max Frisch oder Samuel Beckett oder Peter Handke, schreibend oder sich vorbereitend auf ihr Schreiben. Oder Autoren, die Leid und Gewalt erleben mussten im Chaos des vorigen Jahrhunderts, in Verfolgung und Krieg, Imre Kertész oder James Salter oder Gert Ledig. Autoren, die ihr Leben lang ihre Heimat suchten wie Albert Camus oder mit dem politischen System ihres Landes zurechtkommen mussten wie Christa Wolf, Autoren aber auch, die sich gebunden wussten wie Franz Kafka in seinem Beruf in der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, der sich vom Schreiben packen ließ und doch auch immer wieder wegduckte von der Literatur. Oder Marcel Proust, der das eigene Zimmer nicht mehr verließ, ein Rumtreiber in der Zeit und der eigenen Erinnerung.

21 "Schriftstellerporträts" liegen nun gesammelt vor - Texte aus Spiegel und Zeit, bei denen Hage Literaturchef gewesen ist, auch Radio- und Buchbeiträge, teilweise bearbeitet und aktualisiert, und "einzelne Beiträge wurden für dieses Buch geschrieben". Das literarische Werk scheint jeweils nur schattenhaft durch in diesen Texten, Hage wählt eher den Weg über das Leben der Autoren, der paradoxerweise dann doch direkt ins Herz des Werks führt, vor allem wenn Hage persönlich - da treibt ihn die Obsession des Literaturchefs - mit den Autoren Kontakt aufnehmen kann. Die Romane von Max Frisch zum Beispiel gewinnen eine selbstverständliche Klarheit, wenn Hage von den Beziehungen Frischs zu Frauen erzählt, etwa zu Madeleine Seigner-Besson und später zu ihrer Tochter Karin Pilliod, die wohl das Vorbild ist für Sabeth, die Tochter des Homo Faber im Roman, "mit ihrem rötlichen Rossschwanz, der über den Rücken baumelte". Natürlich hat Volker Hage Karin Pilliod besucht, 2011, in Thalwil nahe Zürich, da war sie 75 Jahre alt. "Untreue", notierte Frisch im "Tagebuch 1946 - 1949", "unser Versuch, einmal aus dem eigenen Gesicht herauszutreten, unsere verzweifelte Hoffnung gegen das Endgültige". Raus aus der Identität, das Motto der Rumtreiber dieses Bandes.

Im Briefwechsel mit Siegfried Unseld liest Peter Handke den Kritikern die Leviten

Immer wieder verdichten sich die Anfragen, die Hage losschickt, zu eigenen leidenschaftlichen, leidvollen Geschichten des Sich-Annäherns und Zurückschreckens. Manchmal hat ihn ein schlimmer Verriss des neuen Werks bei den Autoren die Gunst eines Interviews gekostet, oft stammte der Verriss vom ungestümen Marcel Reich-Ranicki.

Eher lässig ist dagegen der junge Samuel Beckett, den es in den Dreißigern durch Europa trieb, nach London, Paris, Hamburg. "So bewarb er sich vergeblich bei einer Werbefirma, dann beim Film (er schrieb Eisenstein nach Moskau, ohne je eine Antwort zu erhalten), ein anderes Mal liebäugelte er damit, Pilot zu werden. ,Hoffentlich bin ich nicht zu alt, das Fliegen ernsthaft zu betreiben, und, was Motoren betrifft, technisch nicht zu unbedarft, um mich as Berufspilot zu qualifizieren ... Ich habe keine Lust, für den Rest meines Lebens Bücher zu schreiben, die keiner lesen will. Schließlich war es nicht so, dass ich sie unbedingt schreiben wollte.'"

Und auch die Geschichten um jenen Autor, über den, seit er vor ein paar Monaten den Nobelpreis erhielt, grimmig debattiert wird, liest sich bei Volker Hage komisch grotesk - eine Art Liebesgeschichte, zwischen Peter Handke und seinem Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag. Ein intensives Auf und Ab, zwischen "Lieber Peter, ich habe an Deinem 25. Geburtstag doch sehr herzlich an Dich gedacht" oder "Vielen Dank, die Fotos sind schön und ich habe wieder richtig Lust gekriegt, das rote Hemd anzuziehen" und, nach einer bösen Kritik, "Ihr Burschen habt eine Verantwortung; und statt Glossen und hämische Fertigsätze zu reihen, habt Ihr mit den Texten, ihren Voraussetzungen und Wetten mitzuspielen und dann zu arbeiten; andernfalls, so Ihr nicht mehr mit der Kunst mitspielen wollt und könnt, schweigt still."

Volker Hage: Schriftstellerporträts. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 323 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 28.01.2020
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