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Autoren als Leser:Wenn alle Autoren werden

Suhrkamp schenkt sich selbst ein Lesebuch, in dem Habermas und andere die Frage beantworten: "Warum lesen?"

Von Jens Bisky

Wer gern und gewohnheitsmäßig liest, der kommt irgendwann nicht an der Frage vorbei, ob es besser sei, möglichst viele Bücher, diese aber im Regelfall nur einmal oder einige wenige immer wieder zu lesen. Letzteres war lange üblich, und als es wieder einmal anders wurde, im Laufe des 18. Jahrhunderts, da wurde es als Lesewut registriert, beklagt, verteidigt. Wie sähe eine vernünftige Antwort auf diese Frage aus? Der Soziologe Hans Joas behandelt sie in einem kurzen Text. Er bittet "die Experten der Lesekunst" um Auskunft und darum, von ökonomischen Gesichtspunkten abzusehen. Die fingierte Antwort beginnt mit der Gegenfrage, warum er denn lese. Suche er Informationen? Reizen ihn komplexe Gedankengänge? Sei er gierig auf Erfahrungen, wolle den eigenen Horizont erweitern? Verspüre er "Sehnsucht nach dem erlösenden Wort", nach poetischer Sprache, dem "außeralltäglichen Eindruck alltäglicher Erfahrungen"? Oder wolle er, so fremd dies in vielen Ohren klinge, lesend an einer "Begegnung mit Gott" teilhaben, dessen Wirken in der Welt und den Sinn des Lebens besser verstehen?

Die Lesekunstexperten des Hans Joas werten keines der Motive zwischen Informationsbeschaffung, Unterhaltung und Interesse am Heiligen ab, sie hierarchisieren nicht. Aber sie legen die Vermutung nahe, dass die meisten ihre Leseinteressen keinem einzelnen Typ eindeutig zuordnen können. Die Fragen, warum lesen? Und wie?, werden uninteressant, wenn die Antwort schnurstracks und auf eine oder zwei Formeln gebracht erfolgt. Diese Fragen verlangen nach Beobachtungen, Geschichten, Erklärungen des ungewusst Selbstverständlichen. All dies findet sich in einem Band der Bibliothek Suhrkamp: "Warum lesen. Mindestens 24 Gründe". In einem umfassenden Sinne von Literatur berichten Autorinnen wie Annie Ernaux, Katja Petrowskaja, Enis Maci, Wissenschaftler wie Andreas Reckwitz, Wolf Singer, Michael Hagner über Erfahrungen und Überlegungen, was es denn mit dieser Kulturtechnik auf sich habe, wie wir lesend die werden, die wir sind, und zugleich in Gemeinschaften eintreten.

Man liest gern in dem Buch, einem Geschenk des Verlags zu seinem siebzigsten Geburtstag, weil es der reflektierten Neugier verpflichtet ist. Wer von der rasenden Bescheidwisserei und kulturkritischer Dreigroschenapokalyptik genug hat, die das öffentliche Gespräch wieder einmal vergiften, von der aberwitzigen Angewohnheit, auf alles gleich eine Antwort parat zu haben, wer stattdessen die Fragen komplizierter, also interessanter formuliert sehen will, wer gern mit Gründen widerspricht, der wird sich in diesem Buch rasch heimisch fühlen.

"Warum nicht lesen?", hat Jürgen Habermas seinen Beitrag überschrieben. Es geht darin um den gegenwärtigen "Strukturwandel der Öffentlichkeit". Lange hat es gedauert, bis die Bevölkerung in ein "Publikum von Lesern" verwandelt wurde, womit politisch wie moralisch der "Gedanke eines egalitären Universalismus" einherging. Die "bürgerliche Öffentlichkeit" stand im Grunde allen offen, die lesen gelernt hatten, aber diese inklusive Öffentlichkeit hielt ein "Gefälle zwischen aktiver und passiver Teilnahme" aufrecht. Alle sind Leser, aber nicht alle auch Autoren. Redaktionen, Verlage, Lektorate wählen aus, erfüllen, so Habermas, "eine Filterfunktion". Ihre Entscheidungen folgen, ihrem Selbstverständnis wie den Erwartungen der Öffentlichkeit nach, sachlichen Gesichtspunkten, legen der Bewertung also die "entsprechenden kognitiven, politischen, ethischen oder ästhetischen Maßstäbe zugrunde". Über beides wurde ständig gestritten, aber Filter wie Maßstäbe, die "selektive Infrastruktur", waren entscheidend für die Selbstregulation der um Bücher, Zeitungen, Zeitschriften sich kristallisierenden Öffentlichkeit.

Mit der digitalen Revolution ändert sich das. Sie macht alle zu potenziellen Autoren, nivelliert das Gefälle zwischen passiver und aktiver Teilnahme. Das aber habe, so Habermas gegen manche aufgeregte Betriebsdiagnose, "für die literarische Öffentlichkeit weniger einschneidende Folge als für die politische". Die demokratische Öffentlichkeit leidet darunter, wenn die Meinungsbildung in "Kommunikationsblasen" zersplittert, in denen Wahrheitsgehalt, Angemessenheit, Geltungsansprüche nicht mehr arbeitsteilig geprüft werden.

Im Vergleich mit der politischen Öffentlichkeit werden Eigenarten der literarischen deutlich. Habermas beobachtet, dass die "intrinsische Autorität von Werken der Kunst und Literatur" sich gegen die Nivellierung des Gefälles zwischen literarischen Autoren und Lesern behauptet. In einer schönen Volte weist Habermas den volkspädagogischen Kurzschluss zurück, Literatur "aus Gründen der politischen Erziehung" zu empfehlen. Zwar würden erprobte Literaturkonsumenten, die funktionale Arbeitsteilung, das Gefälle zwischen professionellen Autoren und interessierten Lesern, auch in ihrer Rolle als Staatsbürger nicht so leicht als Bevormundung missverstehen, aber das reiche nicht aus, ein Lesebedürfnis zu rechtfertigen. Dazu müsse von Attraktivität und Nutzen der Literatur selbst die Rede sein, die ein Potenzial "außeralltäglicher Erfahrungen von traditionsbildender Kraft" verspreche. Was das heißt, wäre hier nachzulesen.

Katharina Raabe, Frank Wegner (Hrsg.): Warum lesen. Mindestens 24 Gründe. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 347 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 25.07.2020
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