Automobilindustrie Das Auto, der Stolz jeder Nation

Herrschaftsgeste: Russlands Präsident Wladimir Putin lässt seinen Kollegen George W. Bush 2008 ans Steuer seines 1956er Wolga.

(Foto: REUTERS)

Ein Land braucht Flagge, Hymne, Olympiamannschaft - und eine eigene Autoindustrie. Über den Symbolwert einer möglicherweise doch überschätzten Branche.

Von Karl-Heinz Büschemann

Der Wahlkampf wäre noch ein bisschen zäher, gäbe es das Auto nicht, genauer: die Automobil-Krise. Die Redner überbieten sich mit Forderungen. CSU-Chef Horst Seehofer macht das Bekenntnis zum Diesel zur Koalitionsbedingung, während CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt für eine Umtauschprämie wirbt, um den Kauf moderner Autos zu fördern. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz fordert eine Quote für Elektroautos. Die Grünen sind gleich ganz für die Abschaffung des Verbrennungsmotors bis 2030, während Kanzlerin Angela Merkel verspricht, dass es den Diesel noch "viele, viele Jahre" geben wird, was sehr vieles heißen kann.

Wer sonst soll auch die Dinge der Autoindustrie und der Besitzer von 15 Millionen Dieselautos in Deutschland in die Hand nehmen, wenn nicht die Regierung in Berlin? Die Autoindustrie ist traditionell ein Fall für die höchste Ebene. Deutschland hatte in Gerhard Schröder sogar schon einmal einen "Autokanzler", der ein besonders großes Herz für die Nöte und Bedürfnisse der PS-Branche hatte.

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Auch Angela Merkel - durchaus keine Autokanzlerin - steht in ständigem Kontakt zu den Konzernspitzen der Autofirmen. Denn bei den heimischen Autoherstellern und ihren Zulieferern arbeiten 800 000 Menschen und der Branchenverband rechnet vor, dass - die Bäcker und Friseure eingerechnet, bei denen Autoarbeiter ihr Geld lassen - jeder siebte Arbeitsplatz der Republik vom Auto abhängt.

Die Autoindustrie ist etwas Besonderes, man sah es jüngst nicht nur am getösereichen "Dieselgipfel" bei der Bundesregierung in Berlin, man sieht es nicht nur am "nationalen Forum Diesel" unter Führung des Bundesverkehrsministers. Welche Branche genießt schon solche Aufmerksamkeit? Hat man je von einem Kunststoff-Gipfel oder einem Fräsmaschinen-Spitzentreffen gehört? Auch die Chemieindustrie oder die Maschinenbauer beschäftigen Millionen Menschen. Das Auto aber ist ein Politikum, die Autoindustrie eine politische Industrie: weil sie so schön glänzt.

Mit Weltmarken wie BMW oder Mercedes, Audi oder Volkswagen, dem größten Autokonzern Europas, sind die heimischen Autohersteller zum Stolz der Nation herangewachsen. Deutschlands Botschafter sitzen nicht nur in den diplomatischen Gesandtschaften der Hauptstädte in aller Welt. Sie rollen über die Straßen der großen Städte von New York bis Peking. Längst haben viele sogenannte Schwellenländer verstanden, dass es keinen besseren Beleg für den eigenen ökonomischen Fortschritt gibt als den Aufbau einer eigenen Autoindustrie.

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Eine eigene Fahrzeugfertigung ist für viele Staaten so prestigeträchtig wie eine eigene Flagge, eine nationale Fluggesellschaft, eine stolze Armee mit schimmernden Waffen, eine eigene Olympiamannschaft oder eine Prachthauptstadt. Die Autoindustrie ist für Nationen, was das Auto für den einzelnen Menschen ist: das Symbol für Mobilität, Individualität, vor allem aber die erfolgreiche Flucht aus der Armut.

Menschen träumen vom Urlaub in meeresblauer Ferne, vom eigenen Haus, das sie sich vielleicht nie leisten können. Und sie träumen vom ersten Auto, das ihnen Freiheit gibt, oder von einem größeren Wagen mit mehr PS, als die Nachbarn ihn haben. Auch Staaten und Regierungen lieben es, ihren Erfolg zu demonstrieren. Dazu brauchen sie Arbeitsplätze für ihre Menschen, und mit neuen Jobs in der Autoindustrie ist besonders viel Staat zu machen. Jeder kennt dieses Produkt, jeder versteht es.

Das über 100 Jahre alte Auto mit seinen schädlichen Folgen für Klima und Umwelt ist ein viel schöneres, griffigeres Symbol für Fortschritt als Höchstleistungen der Roboterindustrie oder der Pharmabranche. Moderne Medikamente, die mit Milliardenaufwand entwickelt werden, können Leben retten, aber für Träume eignen sie sich nicht. Das Auto ist sexy. Nur die Autoindustrie bedient die Emotionen von Konsumenten und Politikern gleichermaßen.

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Fast jedes Schwellenland, das auf sich hält, hat inzwischen eine eigene Autoindustrie entwickelt. China ist längst zum größten Pkw-Produzenten der Welt geworden. Indien steht auf Platz fünf der Weltrangliste hinter der EU, den USA und Japan. Südkorea ist mit seinen Kias und Hyundais längst weltweit vertreten. Mexiko arbeitet mit Hochdruck am ganz großen Erfolg als Exporteur der rollenden Sehnsuchtsmarken. Auch Thailand, die Türkei, Russland, Iran, Südafrika oder Malaysia hoffen auf den Aufstieg mit vier Rädern.