Ausstellung:Lässige Linien

Automania (July 04, 2021 - January 02, 2022) - The Museum of Modern Art

Flaminio Bertoni, André Lefèbvre, Paul Magès, Robert Opron: Citroën DS 23 Sedan, designed 1954-1967 (der abgebildete ist von 1973). Das Museum of Modern Art, New York zeigt in seiner Ausstellung "Automania", wie faszinierend das nicht mehr zeitgemäße Automobil noch immer sein kann.

(Foto: Jonathan Muzikar/MoMA/The Museum of Modern Art, New York. Gift of Christian Sumi Zürich and Sébastien and Pierre Nordenson.)

Das New Yorker MoMA zeigt mit der Ausstellung "Automania", welche Anmut einem Objekt innewohnen kann. Auch einem mit miserablem Ruf.

Von Christian Zaschke

Man traut sich kaum, es zu sagen, aber zunächst ist die Ausstellung "Automania" im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) vor allem dies: eine große, fast kindliche Freude. Schon klar, das Ende der Verbrennungsmotoren steht bevor, Autos haben maßgeblich zum Klimawandel beigetragen und tun es noch, Autos haben, knapp gesagt, zu Recht nicht den allerbesten Ruf und sind in der großen Mehrzahl ausgesprochen hässliche Gebilde. Aber dann steht man im Skulpturengarten des MoMA, einem der angenehmsten Orte Manhattans im Übrigen, und blickt auf einen Citroën DS 23 Sedan von 1973, und wer sich davon nicht im Inneren bewegen lässt, dem hat die Natur ein steinernes Herz in die Brust gepflanzt.

Die Typenbezeichnung "DS" ist ein Spiel mit dem französischen Wort "déesse", Göttin, und es gibt wohl keinen passenderen Namen für dieses Auto. Der Philosoph Roland Barthes beschrieb es als "beinahe die exakte Entsprechung der großen gotischen Kathedralen", und ja, da hat sich Barthes vielleicht etwas zu weit oben im Regal mit den pompösen Vergleichen bedient, aber ein bisschen was ist schon dran. Man blickt auf diesen Wagen und staunt mal wieder darüber, welche Schönheit einem Objekt innewohnen kann. Welche Erhabenheit.

Und mit der Göttin ist die Freude nicht vorbei, es stehen ja noch weitere Preziosen im Skulpturengarten. Wer ließe sich nicht vom listigen Lächeln der Frontpartie eines Cinquecento, eines Fiat 500 von 1968 verführen? Wer bewunderte nicht die lässigen Linien eines Porsche 911 Coupé von 1965? Wem bliebe schließlich, nach dem Aufstieg in den dritten Stock zu den Haupträumen der Ausstellung, nicht der Atem weg beim Anblick eines Jaguar E-Type Roadsters von 1963?

Autos im MoMA, das hat es 1951 schon mal gegeben. Und recht ungehalten die Frage: Was haben die in einem Museum zu suchen?

Nun haben sie beim MoMA natürlich nicht einfach ein paar mittelalte Autos im Gebäude verteilt und "Automania" drübergeschrieben. Selbstverständlich haben die Kuratoren großzügig intellektuellen Überbau in die Ausstellung gestreut, sie haben sich in die Kulturgeschichte des Automobils vertieft und faszinierende Artefakte zutage gefördert, fast alle aus dem eigenen Fundus.

Wie glücklich das Leben von MoMA-Kuratoren sein muss, die mal eben, sozusagen, mit dem Themenzettel "Auto" in den Keller hinabsteigen und mit ein paar ikonischen Fahrzeugen unterm Arm wieder ans Licht kommen und nebenbei noch, unter vielem anderen, einen Picasso, einen Toulouse-Lautrec, einen Warhol und ein paar Zeichnungen von Le Corbusier und Frank Lloyd Wright mitbringen? Juliet Kinchin, führende Kuratorin der Ausstellung, sagt: "Wir waren begeistert und frustriert darüber, wie wenig wir zeigen konnten." Sie meint: Wie wenig von den Schätzen, die sie in den Lagerhallen und in den Kellern des MoMA fanden.

Automania (July 04, 2021 - January 02, 2022) - The Museum of Modern Art

Ferdinand Porsche: Volkswagen Typ 1 Sedan. Design von 1938 (der abgebildete ist von 1959)

(Foto: John Wronn/MoMA/The Museum of Modern Art, New York)

Ihren Namen hat sich die Ausstellung vom Zeichentrickfilm "Automania 2000" aus dem Jahr 1963 geborgt. Geschaffen haben ihn John Halas und Joy Batchelor, die auch für die legendäre, 1954 produzierte Zeichentrickversion von George Orwells "Farm der Tiere" verantwortlich sind. Der Autofilm ist in der Ausstellung zu sehen, und es ist rundheraus erstaunlich, wie modern er wirkt. Gezeigt wird eine Gesellschaft, die sich im unbedingten Glauben an den Fortschritt immer größeren Fahrzeugen zuwendet, kulminierend im "40-Fuß-Superwagen", der alle Straßen verstopft und die Menschen zu einem Leben im Auto verdammt.

Wer je Midtown Manhattan von Ost nach West durchquerte und gemächlichen Schrittes die im unendlichen Stau steckenden gigantischen Chevy Suburbans oder die zur Karikatur aufgeblasenen BMW X7 mit ihren zur Fratze entstellten Kühlergrills überholte, der weiß, dass der knapp 60 Jahre alte Film zumindest einen Ausschnitt der Gegenwart ziemlich exakt abbildet.

Bereits 1951 hatte das MoMA Autos in seinen Räumen gezeigt. In der Ausstellung mit dem kargen Titel "8 Automobiles" waren, nun ja, acht Fahrzeuge zu sehen, die wegen ihres Designs ausgewählt worden waren. Die Show war ein bisschen umstritten, denn manche Kritiker fragten sich, was Autos in einem Museum zu suchen hatten. Allerdings war sie beim Publikum so erfolgreich, dass das MoMA zwei Jahre später eine Fortsetzung auflegte, diesmal unter dem auch nicht gerade sprühenden Titel "Ten Automobiles". Vermutlich hätte man diese Reihe lange fortsetzen können, aber das war's dann erst mal mit den Autos im MoMA.

Während es damals allein um das Auto als Designobjekt ging, ist der Bogen diesmal deutlich weiter gespannt. Die Ausstellung ist keine Feier des Autos, keine Mystifizierung oder gar Verherrlichung, eher eine Bestandsaufnahme des gemeinsamen Lebens von Mensch und Maschine. Oder auch mal von Maschine und Tier: Von Pablo Picasso ist die Bronze-Skulptur "La guenon et son petit" zu sehen, eine Pavianmutter, die ihr Junges hält. Der Kopf des Pavians ist aus zwei Spielzeugautos modelliert.

Picasso oder Warhol sind hier zu finden, aber auch der italienische Futurist Giacomo Balla

Auf allerlei historischen Plakaten wird auf die Gefahren der Mobilität hingewiesen. Vom Schweizer Josef Müller-Brockmann wird eine Lithografie aus dem Jahr 1957 gezeigt, Titel: "Überholen ...? Im Zweifel nie!" Im Zentrum des Plakats: ein Motorradfahrer, der ein Auto trotz Gegenverkehrs überholen will. Von einem weiteren Schweizer, Herbert Leupin, wird ein Plakat aus dem Jahr 1948 ausgestellt, das ein offenbar in Folge eines Unfalls zerdengeltes Straßenschild zeigt, dazu die Aufschrift: "... trink lieber Eptinger!" Dabei handelt es sich, man ahnt es, um Mineralwasser.

Neben solchen eher halbheiter-banalen Werken haben die Kuratoren hier und da große Kunst in den Räumen verteilt. Außer allseits bekannten Namen wie Picasso oder Warhol ist besonders der italienische Futurist Giacomo Balla zu nennen. Er war vom Auto so fasziniert, dass er zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als hundert Studien zum Thema zeichnete. Das MoMA hat sein Werk "Speeding Automobile" von 1912 ausgewählt, in dem sich der Geist des Zeitalters der maschinellen Mobilität verdichtet.

Automania (July 04, 2021 - January 02, 2022) - The Museum of Modern Art

F.A. "Butzi" Porsche: Porsche 911 coupé. Design von 1963 (der abgebildete ist von 1965).

(Foto: Jonathan Muzikar/MoMA/ The Museum of Modern Art, New York. Gift of Thomas & Glwadys Seydoux)

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Ausstellung wandelt, und es gelingt ihr, das Auto ebenso sehr als Faszinosum wie als Problem zu präsentieren. Den Kuratoren um Juliet Kinchin ist es hoch anzurechnen, dass sie keine in erster Linie politisch korrekte Show zeigen, sondern sich trauen, auch die Schönheit, die Anmut der Autos wirken zu lassen, ohne dogmatisch darauf hinzuweisen, dass diese Verbrenner im Grundsatz so böse sind wie Kohlekraftwerke.

Das Auto, wie wir es kennen, wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dieses Wissen verleiht der Show eine melancholische Note. Die kommenden Jahre und Jahrzehnte werden Mobilität neu definieren, und insofern erscheint es wie ein Vorgriff auf die nicht allzu entfernte Zukunft, diese allem Anschein nach absolut fahrtüchtigen Autos in einer Ausstellung zu sehen. Aber es stimmt ja: Sie gehören ins Museum.

Und dennoch. In der Tiefe des Bauchs formt sich bei ihrem Anblick der äußerst unvernünftige Wunsch, diese Kunstwerke wenigstens hin und wieder auch in ihrem einst natürlichen Habitat zu sehen. Auf der Straße.

Automania. Bis 2. Januar 2022. Museum of Modern Art, 11 West 53rd Street, New York.

© SZ/mau
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