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Autobiographie von Keith Richards:Das Faulste, das Schlampigste und das Beste

Die schönste Treibstoff-Anekdote ist vielleicht Richards' Bekenntnis, mit sechzehn gelegentlich die Tabletten geschluckt zu haben, die seine Mutter Doris gegen ihre Menstruationsbeschwerden nahm. Toll aber auch die Regel: "Ein Song, eine Nase", die sich Richards und Wood während der Tour 1975 auferlegten: "Wir sorgten dafür, dass auf der Bühne hinter den Lautsprechern kleine Verstecke eingebaut wurden, so dass wir zwischen den Songs was schnupfen konnten."

Übrigens war hier ebenfalls das reine Merck-Kokain die Droge der Wahl, über dessen Vorzüge es auch einen liebevollen kleinen Exkurs gibt. Ebenso wie darüber, wie man während des Aufkochens von Heroin erkennen kann, ob zu viel Streckmittel verwendet wurde (es sollte nicht schwarz werden). Oder darüber, wie man verhindert, dass man den Stoff, den man in einem zwielichtigen Haus oben gekauft hat, nicht unten am Eingang gleich wieder abgenommen bekommt (die Glühbirnen im Treppenhaus ausschießen und zur Sicherheit noch ein paar Kugeln in die Wände jagen).

Drogen lassen sich einfacher teilen

Womit wir direkt bei den Gründen zwei und drei für den Rekord-Vorschuss wären: den mitunter heftigen Band-Streitigkeiten und den Frauen. Wie man schon aus der ersten Autobiographie eines Stones-Mitglieds weiß, dem 1990 erschienenen Buch Stone Alone des ausgestiegenen Gründungsmitglieds und Archivars der Band Bill Wyman, lässt sich das nicht allzu gut trennen. Drogen lassen sich einfacher teilen als Frauen oder Ruhm.

Stone Alone war über weite Strecken vor allem eine Materialschlacht, die belegen sollte, dass nicht Jagger oder Richards die meisten Groupies im Bett hatten, sondern der stille Wyman. Der Bandleader Richards steht in seiner Version der Geschichte diesbezüglich nicht ganz so stark unter Druck. Dass er Brian Jones Anita Pallenberg ausspannte, wird eher beiläufig erwähnt.

Nur bei Mick Jagger hört der Spaß auf. Denn der hatte Ende der sechziger Jahre während der Dreharbeiten zu einem Film eine Affäre mit Richards' langjähriger Freundin Pallenberg, die der Gitarrist bis heute offenbar nur schwer verkraftet. Und so zeigt sich in Kapitel sieben der mittlerweile 66-jährige, alterweise englische Gentlemen als das wilde Alphatier, als das man ihn sich dankenswerterweise immer noch auch vorstellen darf: "Aber weißt du was, Mick, währenddessen habe ich Marianne (Jaggers damalige Freundin Marianne Faithfull) gevögelt." Und Pallenberg habe sowieso keine Freude mit Jaggers "winzigem Pimmel" gehabt; er wisse, dass der Sänger "zwei gigantische Eier" habe, "aber das macht den Spalt auch nicht voll, oder?" Originalton: "She had no fun with the tiny dodger."

Überraschende Wucht

Dass die beiden Herren schon lange eher eine distanzierte Geschäftsbeziehung als eine Freundschaft unterhalten, war bekannt. Dass die Wut noch so weit reicht, ist eine kleine Überraschung. Vielleicht jedoch erzählt die Tatsache, dass Jagger das Manuskript vor Drucklegung einsehen durfte, noch viel mehr über dieses lustige Paar des Pop.

Man täte dem Buch jedoch großes Unrecht, wenn man es einfach bei diesen Angelegenheiten beließe. Denn wenn nicht alles täuscht, kann man aus ihm mehr über den Blues und die Grundlagen der Popmusik erfahren als aus allen großen Musikmagazinen dieser Welt.

Absätze wie dieser über Jimmy Reeds Gitarrenstil stehen nämlich auch darin, und gar nicht allzu selten: "An dieser Stelle bringt Jimmy Reed einen betörenden Refrain. Eine melancholische Dissonanz. Die Beschreibung dessen, was er da macht, ist sogar für Nicht-Gitarristen interessant. Anstatt den konventionellen Barrégriff zu spielen, den H7-Akkord, lässt er das H einfach links liegen, die A-Saite nachklingen und schiebt einen Finger über die D-Saite nach oben bis zur Septime. So gelingt ihm dieser gespenstische Ton, der gegen das offene A klingt. Man verzichtet also auf die Stammtöne zugunsten der Septime. Glaubt mir. Das ist erstens das Faulste und Schlampigste, was man in dieser Situation tun kann, und zweitens die brillanteste musikalische Erfindung aller Zeiten."

Life. Mit James Fox. Aus dem Englischen von Willi Winkler, Wolfgang Müller und Ulrich Thiele. Heyne Verlag, München 2010. 736 Seiten, 26,99 Euro.