bedeckt München 21°
vgwortpixel

Autobiographie von Keith Richards:Ein Song, eine Nase

Sehr wenig Schlaf, unfassbar viele Drogen, Frauen nur am Rande - aber bei Mick Jagger hört der Spaß auf: Die Autobiographie des "Rolling Stones"-Gitarristen Keith Richards ist die Geschichte einer Sucht.

Es hat keinen Zweck, drum herumzureden, deshalb tun wir es auch nicht: Dieses 723 Seiten lange Buch in seniorenfreundlicher Zwölf-Punkt-Schrift ist im Kern eine als Autobiographie getarnte Dokumentation eines erstaunlichen Menschenversuchs. Oder vielmehr des Teils davon, der in der Medizin Anamnese genannt wird. Die Geschichte einer Sucht aus der Sicht des Süchtigen.

An diesem Dienstag erschienen: die Memoiren des Rolling Stones-Gitarristen Keith Richards.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Deshalb gibt es dieses Werk. Wenn es nach dem Verlag gegangen wäre, so wird erzählt, hieße das Buch My Life. Keith Richards selbst soll auf dem Manuskript das "My" jedoch kurzerhand durchgestrichen haben. So macht man aus einer abgenudelten Phrase ein unverwechselbares Lick. "My Life" wurde schon tausend Mal geschrieben, "Life" nicht. Ganz abgesehen davon, dass das biologisch-experimentelle Moment dieses Projekts so schon im Titel anklingt. Mit anderen Worten: Nach wie vor kein Superstar beherrscht die Kunst des Weglassens so virtuos wie der alte abgezockte Minimalist Keith Richards.

Die Versuchsanordnung ist einfach: ein weltberühmter britischer Rock-'n'-Roll-Gitarrist, sehr wenig Schlaf und unfassbar viele Drogen. Letzteres und Vorletzteres sind unschlagbare Werbemittel, aber keine ideale Vorbereitung auf die Niederschrift von Lebenserinnerungen. Der Autor weiß das, und er weiß, dass wir es wissen. Deshalb bemühte er sich im Vorfeld der Veröffentlichung darum, Bedenken dieser Art zu zerstreuen. Er wies also ausdrücklich darauf hin, selbst überrascht und erleichtert darüber gewesen zu sein, wie gut sein Gedächtnis bei der Zusammenarbeit mit seinem Ko-Autor James Fox noch funktionierte. Auf der vorderen Innenklappe des Schutzumschlags des soeben erschienenen Buchs steht sogar faximiliert: "This is the life. Believe it or not I haven't forgotten any of it."

Gigantische Menge unnützen Wissens

Tatsächlich verblüfft und erschöpft immer wieder, wie genau sich Keith Richards nicht nur an alte Blues-Helden und ihre Aufnahmen erinnert, sondern auch an die Protagonisten der Londoner Plattensammler-Szene der frühen sechziger Jahre. Die Menge an unnützem Wissen in diesem Buch ist dementsprechend gigantisch.

Der Drummer beim ersten Auftritt der Band als The Rollin' Stones am 12. Juli 1962 im Marquee Club war übrigens Mick Avory und "nicht Tony Chapman, wie es die Geschichte rätselhafterweise überliefert hat -, am Bass stand Dick Taylor". Gut, dass das jetzt endlich geklärt ist.

Andererseits ist Life voller Protokolle von Weggefährten, denen jeweils offen ein besseres Gedächtnis zugestanden wird. Die Schilderung von Ronnie Woods Band-Initiation etwa, bei der Keith Richards acht Gramm reines pharmazeutisches Kokain auf einmal schnupfte, wird aus den Aufzeichnungen des Dealers rekonstruiert: "Dann schob ich zwei gleich große Häufchen mit etwa acht Gramm für Keith und mich und ein Häufchen mit vier Gramm für Ronnie zurecht."

Überhaupt: die Drogengeschichten. Das Kerngeschäft, wenn man so will, also einer der drei wesentlichen Gründe dafür, warum das Buch vor drei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse gegen 5,5 Millionen Euro Vorschuss an den amerikanischen Verlag Little, Brown and Company ging.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was mit Mick Jagger angeblich nicht stimmte.

Keith Richards' Autobiographie: Life

Faltung bewahren