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Autobiografische Erzählung:Fluch des Kissenwerfens

Ein junger Deutscher geht in einen New Yorker Jazzclub: Friedrich Christian Delius entdeckt in der Musik von Albert Ayler "Die Zukunft der Schönheit".

Von Thomas Steinfeld

Unter den vielen traurigen Lebensläufen, die der Jazz hervorbrachte, ist die Geschichte des Saxophonisten Albert Ayler eine der unglücklichsten. Ein Meister auf seinem Instrument zwar und souverän im Umgang mit dem Repertoire, spielte er selten den Bebop, wie er gespielt werden sollte. Manchmal geriet ihm seine Neigung zum Spiritual und zum Gottesdienst dazwischen, immer wieder wanderte er in die Musik der Tanzsäle aus, oft interessierten ihn Klangfarben mehr als Harmonien und Melodien, und als er Mitte der Sechziger zu einer der zentralen Gestalten des Free Jazz hätte werden können, brach er die Improvisationen, indem er Fragmente einer Blechblaskapelle hindurchmarschieren ließ. In einem späten Versuch, doch noch zu Erfolg zu kommen, kehrte er gar zu Soul und Rhythm and Blues zurück. Doch während der Bass unerbittlich trieb und die Bläser ihrer strengen Choreografie gehorchten, sang er selbst, ohne Bindung an Tonhöhe und Metrum, sodass die Musik am Ende klang, als träte Troubadix mit den Funk Brothers auf. Albert Ayler starb im Herbst 1970, im Alter von nur 34 Jahren, vermutlich hatte er sich auf der Fähre zur Freiheitsstatue in den East River geworfen.

Die Musik wird zum Anlass von Reflexionen auf die Jugend in der hessischen Provinz

Von einer Begegnung mit Albert Ayler und dessen Musik handelt die scheinbar autobiografische Erzählung "Die Zukunft der Schönheit" des Berliner Schriftstellers Friedrich Christian Delius. Als noch sehr junger Lyriker war er im Frühjahr 1966 zur Tagung der Gruppe 47 nach Princeton geladen worden. An die Veranstaltung schloss sich ein von der Ford Foundation bezahlter, halb privater Aufenthalt in New York an. Am letzten Abend dieses Aufenthalts, unmittelbar vor dem Rückflug nach Deutschland, wird der Erzähler von zwei vorgeblich welterfahreneren Freunden in einen Jazzkeller in der Lower East Side mitgenommen, wo Albert Ayler und sein Ensemble ihren Free Jazz mit Marscheinlagen spielten (es gibt einen Mitschnitt dieses Konzerts). Diese Begegnung mit einer zunächst verstörend fremden Musik und deren Ansprüchen auf einen freien ästhetische Ausdruck wird dem Erzähler zum Anlass einer Kette von Reflexionen auf seine Jugend in der hessischen Provinz, auf seine ersten Versuche als Dichter - und auf den Vater, einen protestantischen Pfarrer, der einige Jahre zuvor gestorben war.

Der Erzähler ist kein sonderlich sympathischer Mensch. In ihm verbindet sich eine sehr selbstbewusste Mittelmäßigkeit - "Narziss in Hessisch-Sibirien" - und eine Gewissheit, irgendwie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen - "ich überlegte sogar, über die Tugend der Zersetzung einen programmatischen Aufsatz zu schreiben" -, mit einer deutlichen Ranküne gegenüber allem, was überlegen erscheint. So erscheint ihm die Tagung in Princeton, zu der er mit nichts als einem, wie er selbst meint: eher unbedarften politischen Gedicht eingeladen war, als "komische" und "peinliche" Veranstaltung. Das gilt ausdrücklich auch für die Auftritte eines "Österreichers", der "sich auf dem Empire State Building als neuer Kafka ausgerufen hatte", also für Peter Handke.

The saxophonist Albert AYLER with the drummer Allen BLAIRMAN for a Set in the city of La colle sur l

Der Saxophonist Albert Ayler und der Schlagzeuger Allen Blairman, 1970.

(Foto: imago/Philippe Gras)

Albert Aylers Saxophon wirkt demgegenüber als kathartisches Instrument, weil aus ihm eine Naturkraft hervorzubrechen scheint, ein unverstellter, mit spirituellen Energien verbundener Selbstausdruck, der dem Erzähler am Ende sogar willkommen ist - nicht, weil er sich in dieser Kunst wiedererkennte oder weil er sie gar teilen wollte, sondern weil ihm offenbar das Wissen darum, dass es so etwas gibt, als höchstes, ja herrschaftliches Privileg erscheint: "Das könnte sie sein, die Zukunft der Schönheit", im Bewusstsein alles Schrecklichen und frei von Lüge.

Ein weißer Pharisäer scheint sich also in das hauptsächlich schwarze Publikum des Jazzclubs gemischt zu haben. Aber er weiß, dass er ein Pharisäer ist, und insofern ist er kein echter. Er macht sich trivial, absichtlich, sodass am Ende nicht die wilde Musik Albert Aylers, sondern die selbstzufriedene Mittelmäßigkeit des Erzählers als das eigentlich Befremdliche wirkt - während dem Jazz in seiner existenziellen Unerreichbarkeit nichts genommen wird. Die blasse Kindheit in Nordhessen, die eitlen lyrischen Versuche, auch die Demonstrationen vor dem Berliner Amerika-Haus, erst recht die anmaßende Idee, einen programmatischen Aufsatz zur "Zersetzung" zu schreiben, all diese Dinge, Pläne und Ereignisse erscheinen nun als Elemente eines Willens zur Illusion, der sich selbst so gut kennt, dass er sich nicht einmal die Desillusionierung glauben würde. Und so sind Zielpunkt und Titel des Buches, eben jene Ideen von einer "Zukunft der Schönheit", am Ende nur als Konzept einer Selbstrettung zu verstehen, die um ihre Unmöglichkeit weiß. Oder anders gesagt: Die Schönheit, von der hier die Rede ist, weist einige Ähnlichkeit zu dem dünnen, eiernden Gesang auf, mit dem Albert Ayler in seinen späten Jahren vor die unerbittlich treibende Präzision einer Soul-Combo trat.

Unter dem Quaken des Saxophons befällt den Helden "die Ahnung einer höheren Komik"

Ein überraschend abgründiges Buch ist dieses kleine Werk, das daherkommt, als sollte man es für eine sentimentale Erinnerung eines harmlosen "Helden der inneren Sicherheit" (so ein früherer Buchtitel von Friedrich Christian Delius) halten, der sich gern damit brüstet, zumindest seelisch und intellektuell an vielen großen gesellschaftlichen Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte teilgenommen zu haben: an der Ermordung John F. Kennedys wie am Widerstand gegen den Vietnamkrieg wie an der Abrechnung mit alten Nationalsozialisten. Vielleicht muss man es zweimal lesen, um des tragischen Gehalts inne zu werden - und besonders aufmerksam die Passage lesen, die erzählt, wie der Schüler zum ersten Mal später als vereinbart nach Hause kam und dort von einem wutentbrannten Vater empfangen wurde, der sich, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, in seinem blassblau gestreiften Schlafanzug und brillenlos erhebt, um den Sohn mit einem Fluch und einem Kopfkissen zu bewerfen. Für ein harmloses, ja lächerliches Ereignis könnte man diese Szene halten, für eine Entgleisung von so privatem, aber auch belanglosem Charakter, dass sie des Niederschreibens gar nicht wert sei.

Cover 03.04.0218

Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit. Erzählung. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018. 94 Seiten, 16 Euro. E-Book 13,99 Euro.

Zugleich aber ist sie nicht nur niedergeschrieben, sondern erscheint auch als Erfahrung von existenzieller Wucht. In dieser Differenz verbirgt sich die Tragik, von der dieses Buch handelt. Das Kopfkissen ist eine schlimmere, weil den Ernst eines Konflikts systematisch verfehlende Waffe, als es eine Züchtigungsrute wäre: "Und hier erst, unter dem Quaken des Saxophons und dem Steuerfeuer des Trompeters, befiel mich zum ersten Mal die Ahnung einer höheren Komik, dass dieses naive Schreiben vielleicht stimuliert war vom vergessenen Fluch eines unvergessenen Kissenwerfers."

Der so begründete Zweifel am eigenen Werk wird sich, so viel versteht der Leser, nicht damit begnügen, nur die frühen Arbeiten für naiv zu halten. Er wird nicht aufhören, an allen Errungenschaften zu nagen, die der Erzähler mit seinem Leben verbindet, und er wird am Ende vielleicht auch daran zweifeln, dass es so etwas wie eine "Zersetzungskunst" gibt, für erwählte "ästhetische Gefährten" geschaffen, deren absoluter Meister ein schwarzer Saxophonist aus Cleveland in Ohio war, der sein Instrument in den Fernseher warf, bevor er die Fähre zur Freiheitsstatue bestieg, um seinem Leben ein Ende zu setzen.

© SZ vom 03.04.2018
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