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Autobiografie:Schatten von gestern

Bald wird John le Carré 85 Jahre alt: Der Schriftsteller und frühere Geheimdienstmann erzählt Geschichten aus seinem Leben - er ist ein blendender Unterhalter.

David Cornwell, wie John le Carré mit richtigem Namen heißt, hat es nicht gern, wenn andere über ihn oder seine Bücher schreiben. Das ist nur allzu verständlich: Jeder, der rezensiert, macht sich zum Meister über das Buch und den Autor. Zu le Carrés Verdruss gehört es zum Metier des Schriftstellers, dass er das ertragen muss.

John le Carré ist mit dem ausgezeichneten Biografen Adam Sisman bekannt, ihm erlaubte er Zutritt zu seinen Erinnerungen und, wenn auch nur partiell, zu seinen Gefühlen. Sismans dickes Buch ( "John le Carré. The Biography ") erschien 2015 und wurde in Britannien und Amerika recht gut besprochen. Aber wie um zu zeigen, dass er selbst es besser kann, hat John le Carré in diesem Jahr "Geschichten aus meinem Leben" publiziert, die denn auch - anders als das Buch von Adam Sisman - sofort ins Deutsche übersetzt wurden. Der Übersetzer Peter Torberg hat seine Arbeit gut gemacht. Dankbar wäre man, wenn er und alle Kollegen das Wort "verflixt" aus ihrem Übersetzervokabular streichen würden: Das Wort passt in den Film "Die Feuerzangenbowle" von 1944 mit Heinz Rühmann. Heute benutzt niemand es mehr, ausgenommen Übersetzer, die in Lexika nachschlagen.

In diesem Buch kann sich jeder Leser auf die eine oder andere Art selbst finden

Bekanntermaßen redet Cornwell nicht über die Zeit, als er nach dem Zweiten Weltkrieg in deutschsprachigen Ländern für britische Geheimdienste arbeitete. Zu seinen Aufgaben, so weit geht er, gehörte es, Flüchtlinge aus dem Ostblock auszuhorchen und Studenten aus dem Commonwealth auf kommunistische Kontakte hin zu überprüfen. Wir dürfen eine Wette eingehen, dass er während seiner Zeit in Bonn in der Adenauer-Ära als sogenanntes Mitglied des diplomatischen Corps an der englischen Botschaft daran beteiligt war, andere Botschaften abzuhören. Dieses ist freilich nur erwähnenswert, weil sich die Frage stellt, wie glaubhaft John le Carrés "Geschichten" aus seinem Leben sind.

Die Antwort, die jeder Leser nach wenigen Seiten finden wird: Sie sind glaubhaft, weil sie den Mann David Cornwell zeigen. Sie zeigen, wie er denkt, was ihm wichtig ist; sie sind teils erheiternd, teils spannend. Auf Details kommt es dabei nicht an. Le Carré schreibt in seinem Vorwort: "Auf eines können Sie sich verlassen: An keiner Stelle habe ich bewusst ein Ereignis oder eine Geschichte verfälscht. Verschleiert, wenn nötig. Verfälscht, auf gar keinen Fall."

John Le Carre

John le Carré, kurz nachdem er den Dienst quittiert hatte, um fortan als Schriftsteller zu leben.

(Foto: Terry Fincher/Getty Images)

Diese Erinnerungen gehören zu den schönsten und besten autobiografischen Büchern, die aufzutreiben sind. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Autobiografien, die Bewohner der seltsamen Insel Britannien seit den Zeiten des Samuel Pepys geschrieben haben. Anders als andere Memoirenschreiber verschwendet le Carré die Zeit der Leser nicht damit, aufzuzählen welche Auszeichnungen er wann und wo erhalten hat, wann er in welcher Diskussion mit dem berühmten Herrn X oder der bedeutenden Frau Y am Ende Recht behalten hat. Er will sich selbst weder preisen noch rechtfertigen. Nein, sein Anliegen ist ein anderes: Zuallererst will er seine Leser unterhalten.

An einer Stelle seines Buches fragt er sich, was er wohl von seinem Vater habe. Sein Vater, den er nach der Einführung durchweg bei seinem Vornamen Ronnie nennt, war ein Hochstapler erster Güte. Mit seiner Eloquenz und seinem Charme brachte er viele Menschen um ihr Eigentum, um ihr Auskommen. Immer wieder verbrachte er einige Zeit im Gefängnis. Und das nicht bloß in Britannien. Seine Hochstapelei wirkte global. Er konnte Leute in Hongkong und Singapur genauso gut einwickeln wie Leute in London. Eine Antwort auf le Carrés Frage, was von seinem Vater in ihm stecke, findet sich in diesen autobiografischen Geschichten: Sie sind betörend. Der verdeckten Selbstsuche des Autors, der am 19. Oktober 85 Jahre alt wird, folgt man mit zunehmender Passion. Das ist das Geheimnis eines guten Buches: Jeder Leser kann sich darin auf die eine oder andere Weise selbst finden.

Zum Wohl eines Films muss man manchmal schneller trinken als die Star-Schauspieler

Der britische Krimiautor Frederick Forsyth war, ebenso wie John le Carré, eine Weile lang für den britischen Geheimdienst MI6 tätig. Seine Memoiren sind auch zu empfehlen ("Outsider. Die Autobiografie", Bertelsmann, 2015). Beide, Forsyth und le Carré sind in Bürgerkriegsgebiete gereist - in Afrika, in Asien. Unterhaltsam für die Leser ist natürlich, wenn ein Brite (Deutsche machen das weniger) sich nicht scheut, Elend zu sehen, unter Feuer zu liegen, dann heil daraus hervorkommt und eine gute Geschichte mit nach Haus bringt. John le Carré erzählt, warum er solche Reisen unternehmen musste. Er hatte ein Buch geschrieben: "Dame, König, As, Spion". "Zu den angelegten Höhepunkten des Romans", schreibt le Carré, "gehört eine Verfolgungsjagd mit der Star Ferry über die Meerenge zwischen Kowloon und Hong Kong Island." Nun, da fand le Carré sich in Hongkong und entdeckte, wir sind im Jahr 1974, dass es einen Tunnel zum Festland gab. Diese Pointe seines Romans war damit hinfällig. Die Druckmaschinen in den USA konnten nicht mehr angehalten werden. Seither hat le Carré alle Orte bereist, über die er schreibt. Kambodscha zum Beispiel, während die Roten Khmer dort ihre Landsleute abmetzelten.

John le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2016. 384 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro.

Das letzte Mal war er Anfang des neuen Jahrtausends in einem Kriegsgebiet unterwegs, im Kongo, wo man mit der Machete schnell bei der Hand war und Hände anderer abtrennte. Zwei Leute begleiteten ihn auf dieser Reise. Erst im Nachhinein war ihm mulmig: Wäre er, der Mittsiebziger, von Kämpfern bedrängt worden, hätte er sich selbst nicht mehr wehren können. Seine Begleiter hatten die Verantwortung für seine Sicherheit übernommen, was ihm anschließend ein bisschen peinlich war.

Die Filme, in die seine Bücher verwandelt wurden, liegen ihm sehr am Herzen. Das ist für den Betrachter etwas wunderlich, weil die Filme fast alle bloß ein blasser Abglanz seiner Bücher sind. John le Carrés Sprache ist leichtfüßig, scheinbar unkompliziert. Wer indes versucht, sie in eine andere Sprache zu übersetzen, kommt schnell an die eigenen Grenzen. Nicht zufällig haben manche Übersetzer seiner Bücher ins Französische gar nicht erst versucht, dem Original gerecht zu werden, sondern bloß den Plot wiedergegeben.

Was le Carré, der das Wort "ich" gern vermeidet, über berühmte Schauspieler erzählt, ist schön und lustig. Als Richard Burton, gewonnen für die Hauptrolle in "Der Spion, der aus der Kälte kam", dem Whisky wacker zusprach, kurz vor einem Dreh, trank le Carré soviel aus der Flasche wie möglich. Die Hauptfigur seines Buches, sagt er, hätte Burtons Whiskykonsum mühelos vertragen - nicht aber Richard, der Schauspieler, der auf dem Set erwartet wurde.

Filmfreunde werden begeistert sein über die Anekdoten, die Carré über Schauspieler erzählt; Freunde seiner Bücher können sich begeistern über die Charakterisierungen seiner eigenen Figuren. Allen Lesern seien seine Geschichten aus seinem Leben empfohlen: als Strandlektüre, als Nachtlektüre und für den Tag.