Autobiografie:Brief nach Braunau

Autobiografie: Josef Einwanger: Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer. Buch Verlag Kempen 2021. 145 Seiten, 8 Euro (Mit Literaturprojekt-Broschüre für Lehrer)

Josef Einwanger: Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer. Buch Verlag Kempen 2021. 145 Seiten, 8 Euro (Mit Literaturprojekt-Broschüre für Lehrer)

Josef Einwanger erzählt, wie er als Zehnjähriger die letzten Kriegswochen in Oberbayern erlebt. Und trotz der Schrecken von einer Welt ohne Hunger, Naziterror und Angst vor Tieffliegern träumt und mit dem Nachbarmädchen einen Brief an Hitler schreibt.

Von Roswitha Budeus-Budde

Josef Einwanger, der mit seinem bayerischen Lausbubenroman, "Toni Goldwascher", bekannt wurde, beschäftigten schon längere Zeit seine Kindheitserlebnisse am Ende des Zweiten Weltkrieges. Er wollte sie aufschreiben, um den jungen Lesern ein authentisches Bild der NS-Zeit zu vermitteln, um sie kritisch einzustimmen gegen rechte Ideologien, die heute wieder hoffähig geworden sind. Doch erst in diesem Frühjahr konnte er das Manuskript unter dem Titel "Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer" im Buchverlag Kempen veröffentlichen. Obwohl inzwischen 75 Jahre vergangen sind, ist das Besondere an den Erlebnissen seines Alter Egos Felix, dass die Sprache der Zeit zu spüren ist und die Erfahrungen und Erlebnisse eines Zehnjährigen glaubwürdig und sehr authentisch erzählt werden. Zusammen mit seiner Mutter flüchtete er vor dem Bombenterror in München in ein Dorf in der Nähe von Braunau. Hier terrorisiert der Ortsgruppenleiter Feik die Dorfbewohner, und sein Sohn Karri quält die Kinder, und sucht sich sofort Felix als Opfer aus, dessen Vater Soldat ist und dessen Mutter eine sehr kritische Haltung dem Regime gegenüber zeigt. Bei Felix selbst wechseln sich Faszination und Abscheu ab, wenn er das Foto von Hitler anschaut, oder die Gespräche der Erwachsenen über die drohende Niederlage und die Durchhalteparolen der Nazi- Propaganda hört.

Immer bleibt die Erzählung in der kindlichen Welt des Jungen, besonders als er das Nachbarmädchen Martha kennenlernt, die sein Dachzimmer sehen darf, dem Glassplitter an den Wänden ein zauberhaftes Aussehen geben, das die Kinder von einer Welt träumen lässt, ohne Tiefflieger, Hunger, Naziterror und Angst um die Väter. Und so hat Martha einen besonderen Einfall: "Aber der Krieg muss aufhören. Dein Papa und mein Papa müssen heimkommen. Weißt du, was wir tun könnten? Wir schreiben ihm einen Brief." Mit ihm meinen sie Hitler und fahren selbst mit dem Brief nach Braunau.

In den letzten Kriegswochen überschlagen sich die dramatischen Ereignisse, geben ein Beispiel dafür, wie sehr Kinder den Kriegswirren ausgeliefert sind, wenn sie von fanatischen Erwachsenen noch für den Volkssturm eingesetzt werden. Denn Felix muss den hundertprozentigen Nazianhänger spielen, um den Vater zu retten, der desertiert ist und sich in ihrer Scheune versteckt. Ständig bespitzelt vom misstrauischen Ortsgruppenleiter und seinem Sohn, trotz der offiziellen Todesnachricht. Geschickt und in letzter Minute gelingt es dem Jungen, die heranrückenden Amerikaner in einem Coup als Retter einzusetzen. (ab 12 Jahre)

Josef Einwanger: Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer. Buch Verlag Kempen 2021. 145 Seiten, 8 Euro (Mit Literaturprojekt-Broschüre für Lehrer)

© SZ vom 28.06.2021
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