bedeckt München 12°
vgwortpixel

Autobiografie "Born to Run":Bruce Springsteen entzaubert sich selbst ein bisschen

Bruce Springsteen in Australien, 2014

Ein "manisch-depressiver Trapezkünstler" - so beschreibt sich Bruce Springsteen selbst. (Archivbild aus dem Jahr 2014)

(Foto: Tony Mcdonough/dpa)

Er ist der Boss - das wissen alle. In seiner Autobiografie "Born to Run" offenbart Springsteen weitere Facetten seiner Persönlichkeit. Er ist Zerrissener, Diktator und Meister des Herrenwitzes.

Eines vorweg: Bruce Springsteens beinahe 700 Seiten starke Autobiografie "Born to Run" erfüllt all das, was man von dem Mann erwartet, der in seinen stundenlangen Live-Shows James Brown den Titel hardest working man in show business abgekämpft hat. Verschwitzte Note für verschwitzte Note. "Born to Run" ist Roadmovie, großer amerikanischer Roman, Schundheftchen und wildes, lebensbejahendes Fest. Eine Legende, geschrieben von der Legende selbst. Weshalb man genau hinschauen muss.

Bruce Springsteen ist ein Zerrissener

Es gibt dieses Bild von Bruce Springsteen, das wie kein anderes die Essenz des Boss einfängt - zumindest für diejenigen da draußen, die noch nicht zu Mitgliedern der Church of Springsteen bekehrt wurden. Es ist der stadionrockende Bandana-Träger von "Born in the USA", in jener Zeit wuchsen Springsteens Muskeln eigene Muskeln und der schmächtige Surferboy von der Jersey Shore hatte sich vollends in eine Maschine verwandelt. Natürlich ist dieses Bild vom strahlenden, 501-Jeans tragenden working class hero ein Klischee. Es überlebt nicht einmal das Vorwort dieser Biografie. Die schwerwiegende Depression, mit der Springsteen bis heute kämpft, sie ist die große Boulevard-Nachricht dieses Buches. Die kalte Enthüllung, die in die 140 Zeilen eines Tweets passt. Sie ist aber auch das warme Herz dieser Memoiren.

Off the Record Waldschratrock gegen die Bösen der Welt
Neues Album "Earth"

Waldschratrock gegen die Bösen der Welt

Neil Young will die Menschheit retten, vor Monsanto, Starbucks, vor dem zerstörerischen Fortschritt - der zugleich Verheißung ist. Das ist so widersprüchlich wie unsere Gesellschaft.   Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"Born to Run" zeichnet das Porträt eines Zerrissenen, eines getriebenen Glückssuchers, der lange Zeit (und bis zum heutigen Tag) von Ängsten geplagt um seinen Platz in der Welt kämpft. Ein "manisch-depressiver Trapezkünstler", so beschreibt sich Springsteen selbst. Zerrissen ist er in seiner italienisch-irischen Herkunft, die starken Frauen auf der einen, die stillen Männer auf der anderen Seite. Zerrissen ist er auch in seiner Beziehung zu seinem Vater, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Hass für den alkoholsüchtigen, psychisch kranken Mann, der ihn als Weichei beschimpft und der Springsteens Zuhause in ein "Minenfeld aus Angst und Unbehagen" verwandelt. Was beim kleinen Bruce zu unkontrolliertem Augenblinzeln führt, weshalb sie ihm in der Schule den Spitznamen "Blinky" verpassen.

Bruce Springsteen trägt diese Vergangenheit mit sich durch seine Karriere, wie ein vollgepackter Seesack lastet die Suche nach Erlösung auf den Schultern seiner Song-Charaktere. All die Glücksritter und Ausbrecher, Taugenichtse und Arbeitertypen auf den weiten amerikanischen Straßen, sie sind Platzhalter für die tiefe Zerrissenheit ihres Erschaffers. Der leidende Künstler, noch so ein Klischee, und doch eine von vielen Geschichten, die "Born to Run" erzählt.

Bruce Springsteen ist ein Priester des Spaßes, kein Prediger der Revolution

"Beginnen wir also mit der Predigt" - es ist der letzte Satz des ersten Kapitels, Springsteen hat gerade die Grundmauern für seine Erzählung gezogen. Jetzt soll also eine Predigt folgen - aber es gibt ein kleines Problem. Im amerikanischen Original steht da: "Let the service begin." Das ist keine kulturjournalistische Haarspalterei, das ist ein echter Unterschied. Ein Gottesdienst ist keine Predigt. Bruce Springsteen ist ein Priester, kein Prediger. Und das wird deutlicher mit jedem Satz, den die Geschichte voranschreitet.

Ein Prediger steht isoliert auf der Kanzel und breitet sein Herrschaftswissen aus - für die verlorenen Schafe unter ihm. Springsteen steckt mittendrin im profanen Leben, auch wenn ihn die Bühne über seine Gefolgschaft erhebt. Als Zeremonienmeister feiert er Gottesdienste des unendlichen Spaßes, das ewige Versprechen des Pop. So politisch er in seiner Klassenkampf-Lyrik auch werden soll, er ist kein Aktivist. Er ist ein Entertainer - wie Elvis, der musikalische Urknall in Springsteens Universum. Sicher, Springsteen trägt eine Agenda in sich, eine Berufung, die er mit religiösem Eifer verfolgt: Er schafft in seinen Songs, "die Kluft zwischen dem American Dream und der amerikanischen Realität zu vermessen". Doch er tut dies nicht aus einem politischen Verlangen heraus. Es ist sein Versuch, der eigenen Geschichte Sinn zu geben.

Bruce Springsteen ist ein Meister des Herrenwitzes

"Born to Run" ist aber mitnichten die große und leidensschwere Abhandlung über das ewige Ringen mit dem amerikanischen Traum. Bruce Springsteen schreibt, wie er spricht. Und er spricht, wie er ist: zu gleichen Teilen Schattenseiten-Poet und kichernder kleiner Junge. In seiner Autobiografie konterkariert er Passagen überwältigender Schönheit mit Pimmelwitzchen. Er beschreibt den Schneefall in New Jersey: "Ein jungfräuliches Weiß legte sich über die dreckigen Straßen, so dass es sich anfühlte, als hätte Mutter Natur all deine Fehltritte ausgelöscht. [...] Wenn du deine Tür aufmachst, breitet sich vor dir eine Welt ganz ohne Spuren aus, in der dein alter Pfad und deine Geschichte fürs Erste unter einer Landschaft des Vergebens begraben werden." Daneben steht gleichwertig die Geschichte seines ersten Steifen auf der Tanzfläche.