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Autokultur:Der Panikraum auf Rädern

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Das Auto galt einmal als Objekt der Begierde. Das ist lange her. Heute ist die Frage: Abwrackprämie oder Boni für Automanager?

(Foto: mauritius images)

Das Auto wurde als Freiheitsversprechen geliebt und als Klimasünder gehasst. Jetzt erlebt es unter Corona-Bedingungen ein seltsames Comeback.

Unter dem Begriff der "Carantäne", der das höchst mobile Auto (car) und die - durch ein noch viel beweglicheres Virus bedingte - Immobilität der Quarantäne staunenswert kurzschließt, hat Tizian Ballweber kürzlich den Liveticker seiner Familienvan-Selbstisolation ins Netz gestellt. Ballweber, ein österreichischer "Autofreak" und Fotograf, erklärt die 24 Stunden in einem Opel Zafira Life als coronabedingt - "nachdem wir gerade keine unnötigen Wege zurücklegen sollen". Am Sonntag, dem 12. April, schreibt er um 19.45 Uhr: "Es hat geklappt! Die Pizza wurde mir direkt ans Auto geliefert (...) Drive-in mal anders!"

Die Aktion war eher als Gag gedacht, als Virus-Variante zum üblichen Autotest. Dabei steckt in der Carantäne eine darüber hinaus bemerkenswerte Zäsur. Denn nachdem das Automobil jahrzehntelang als individuelles Freiheitsversprechen sowie als Massenvehikel der Moderne verehrt, ja geliebt und sogar vergöttert wurde, erklärte man das Auto nach Dieselgate, Feinstaubdebatte und SUV-Bashing inmitten des Klimawandels zuletzt zum satanisch Bösen auf vier Rädern.

Aus der tapezierten Garage wurde der öffentliche Pranger. Aus der großen Liebe der Deutschen zu ihrem Hubraum, dem sich der öffentliche Raum allzu willig unterordnete mit all den verkehrsgerecht umgebauten, zugeparkten und zerdieselten Innenstädten (plus freie Fahrt für rasend freie Bürger auf der A 9), wurde in erstaunlich kurzer Zeit etwas, das von immer mehr Menschen infrage gestellt und bisweilen auch verachtet wird. Vermutlich ist aber das Verliebtsein genauso verhaltensauffällig wie die Verachtung.

Aus der "Spirit of Ecstasy" wurde ein Kater, aus Verzückung wurde Verachtung

Der "SUV SUCKS!"-Aufkleber, der in München-Schwabing verteilt wird, erzählt von dieser Bizarrerie genauso wie die Tuning-Schmiede im Bayerischen Wald, die aus einem Fiat Panda eine Mittelstreckenrakete macht. Klar ist aber auch: Die meisten SUVs sind in Wahrheit nur so groß wie Mittelklassewagen, und die wenigsten Pandas sind Waffen. Aber vielleicht ist es naiv, wenn man glaubt, man könne eine großartig ingeniöse und kulturgeschichtlich bedeutsame Erfindung emotionslos diskutieren. Die Irrationalität, die mit den Gefühlen einhergeht, ist jedoch genau das Problem.

"Spirit of Ecstasy" ist der Name der Kühlerfigur von Rolls-Royce. Aus dem Geist der Ekstase wurde auch abseits vom Luxussegment bald der gesamtgesellschaftliche Kater der Ernüchterung. Die Lust, ein Auto zu fahren, wurde mit der Klimawandeldebatte zur Last. Umso verblüffender ist das aktuelle Comeback des Autos unter pandemischen Bedingungen.

Es stehen ja nicht nur die Flugzeuge verwirrt in ihren Parkbuchten an Flughäfen, die nun alle so vereinsamt aussehen wie der bekannte Infrastrukturwitz in Berlin. Zuletzt stiegen auch bis zu 90 Prozent weniger Fahrgäste in die Züge der Bahn, die perfiderweise zu den größten Verlierern der Krise zählen dürfte. Aber auch der öffentliche Nahverkehr meldet weniger Fahrgäste. Focus titelt (und man weiß nicht, ob das bekümmert oder jubelnd klingen soll): "Wie das Auto in der Krise die Öffis schlägt". Wobei auch Taxiunternehmen existenzielle Sorgen haben. Mitunter chauffieren sie nur noch Medikamente.

Weil auch der Scooter-Trend sich unter Corona-Bedingungen vorerst so erledigt hat wie das Carsharing, rechnen einem ganz Schlaue nun vor, dass es in New York, also in der U-Bahn, mehr Infizierte gibt als in Kalifornien, also auf dem Highway. So heißt es: "Bus und Bahn pfui, Auto und Fahrrad hui." Beziehungsweise: "Seit Corona ist alles anders - und die 'Verkehrswende' wohl Geschichte" (Focus). Die Verkehrswende, also die Entwicklung weg vom individuellen Verkehr mit dem dominanten Auto hin zu komplex integrierter, smarter Mobilität, die übrigens auch das Auto klugerweise anerkennt, wird als irgendwie toxisch sicherheitshalber in Anführungszeichen gesetzt. Aber ihr frühes Ableben, so ist es zu hoffen, wird zu früh diagnostiziert. Zu früh und zu höhöhö-haft.

Der französische Essayist Roland Barthes verglich in seinen "Mythen des Alltags" bald nach dem Krieg die Ästhetik des damals futuristischen Citroën DS (gesprochen Déesse, also "Göttin") mit der Baukunst gotischer Kathedralen. So ein Auto, schrieb er, müsse schon seiner magischen Aura wegen als mythisches Wesen vom Himmel gefallen sein.

Andere meinten sogar, die bisherigen zivilisatorischen Großtaten der Menschheit, nämlich die Schrift und die Stadt, seien nun um das Auto zur heiligen Dreifaltigkeit zu ergänzen. In dieser leidenschaftlichen Fürsprache für eine jedenfalls bis vor Jahren - als noch die Gestalter und nicht nur die Marketingleute das Sagen im Design hatten - auch ungemein ästhetisch faszinierende, vielgestaltige und anregend suggestive Technologie, die zugleich ökonomisch bedeutsam und soziologisch relevant ist, liegt bereits die Wurzel für den späteren Hass auf das Auto, der so irrational ins Fanatische suppt wie die Liebe zuvor.

Die Verkehrswende lässt sich nicht in die Bikegarage verbannen

Autoliebhaber, die gern unter ihrem alten Porsche mit dem denkmalschützenden H-Kennzeichen liegen, bilden nun eine merkwürdige Fraktion mit Leuten, die das Pendeln im schiefergrauen Dienstdiesel zwar nicht für ein höheres Glück halten, es aber hinnehmen (müssen). Dieser Fraktion, vom Ästheten bis zum Pragmatiker, stehen die autoimmunisierten Biker und Fußgänger gegenüber wie einst die Illuminati der Kirche. Der Antagonismus ist unterdessen zur Ideologie verkümmert. Auf der Strecke bleibt im Wortsinn die Fortentwicklung einer menschenfreundlichen, naturangemessenen, Stadt-Land-tauglichen Mobilität, samt Auto, die ihre Lust am Unterwegssein weder exhibitionistisch ausstellt noch als irgendwie pervers leugnet.

Seltsam: Viele westlich-wohlhabende Menschen reisen mit der Bahn, fliegen auch mal, haben ein Fahrrad, ein Auto und vielleicht auch noch einen Hüpfsack. Diese Menschen treiben also mit Blick auf das Von-A-nach-B-Kommen nichts anderes als reinste Polyamorie. Und doch soll man sich die ganze Zeit bekennen, als wäre man entweder mit dem ADAC oder mit den Grünen unglücklich verheiratet. Das ist monogamischer Irrsinn, die Mobilität ereignet sich jenseits von Romantik und Ehekrise.

Jetzt, da das Autokino und der Drive-in-Gottesdienst reanimiert werden, während die Bahn der Maskierten zur Geisterbahn retardiert, ist es kaum sinnvoll, wollte man die Corona-Ära als Wiedergeburt des Autos ersehnen. Wobei es der Zufall will, dass zeitgenössische Autodesigner seit einiger Zeit mit militaristisch hochgezogenen Blechschürzen, argwöhnischen Sehschlitzen und grimmig auf Attacke gebürsteten Frontpartien aus Autos passgenau keimfreie Panzer im "Krieg" gegen das Virus zu formen scheinen.

Die Verkehrswende lässt sich dennoch nicht zitternd in die Bikegarage verbannen. Vier Räder, ein Lenkrad und Spurhalteassistent: Das ist weder eine Göttin noch der Satan, sondern ein oft wichtiges, manchmal auch schönes Puzzleteil.

© SZ vom 14.05.2020
Weihnachtseinkauf in München, 2019

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