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Auszeichnung für Swetlana Alexijwitsch:Zeugin einer menschenfeindlichen Gegenwart

Sie wird es kaum wissen: Aber solche Sätze werden gegenwärtig in Schweden - einem Land, das sich zurzeit von Russland so bedroht fühlt, dass es nach 200 Jahren Neutralität ernsthaft erwägt, der Nato beizutreten - mit besonderer Genugtuung gelesen.

Wissen wird sie hingegen, dass ihre Bücher in den westlichen Ländern während der vergangenen Jahre nicht nur an Bedeutung, sondern auch an politischer Durchschlagskraft gewannen, und zwar im selben Maße, wie sich die politischen Gegensätze zwischen Russland und dem Westen verhärteten.

Die Autorin selbst ist darüber zur Zeugin einer menschenfeindlichen Geschichte und Gegenwart geworden, und sie erfüllt diese Aufgabe mit Diskretion, Zurückhaltung und Bescheidenheit.

Zwei Motive verbinden sich jedoch in dieser Entscheidung: das Verlangen nach einer Preisträgerin und das Verlangen nach einer politischen Auszeichnung. "Sie wird eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden", sagt nun Michael Krüger, der bis Ende 2013 Chef des Hanser Verlags war, in dessen Berliner Dependance die Bücher von Swetlana Alexijewitsch in Deutschland erscheinen - und der selber Lyriker ist.

Konträre Auffassungen

Aber ist es Aufgabe eines Literaturpreises, Ikonen des Widerstands hervorzubringen? Und wie verhält sich ein Werk, das im Wesentlichen eine perfekt arrangierte Quellensammlung ist, zu den Werken entschiedener Schriftsteller, sagen wir: zu den Œuvres des Romanciers John M. Coetzee oder des Lyrikers Tomas Tranströmer, die beide vor einigen Jahren den Nobelpreis für Literatur erhielten? Oder zu den schmalen, poetischen Romanen Patrick Modianos, der im vergangenen Jahr ausgezeichnet wurde? Kann man sich aus der Affäre winden, indem man darauf verweist, dass die Grenzen zwischen Literatur und Sachbuch gegenwärtig ohnehin diffus werden?

Literaturnobelpreis Den Vergessenen eine Stimme geben
Porträt

Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch

Den Vergessenen eine Stimme geben

Ihr eigener Stil, Osteuropa in Büchern zu verewigen, beschert Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis. Damit ist die Weißrussin viel mehr in der Wirklichkeit verankert als andere Ausgezeichnete.   Von Sonja Zekri

So weit liegen die Urteile auseinander, dass sich die Schwedische Akademie bald wird entscheiden müssen, was ihr Preis vor allem sein soll: eine Auszeichnung für ein herausragendes literarisches Werk oder ein auf dem Feld der Kultur vergebener Friedenspreis.