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Auszeichnung:"Der Spaß ist weniger geworden"

Der Galerist Bernd Klüser erhält auf der Art Basel einen Preis, darf dort aber erstmals nicht ausstellen

Interview von Evelyn Vogel

Der Münchner Galerist Bernd Klüser wird in diesem Jahr mit dem FEAGA-Lifetime-Award ausgezeichnet. Damit würdigt der Verband Europäischer Galerien alljährlich Galeristen, die durch "beispielgebende und nachhaltig wirksame Kunstvermittlung herausragen". Der Preis wird an diesem Mittwoch auf der Art Basel verliehen, der weltweit wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst. Aber ausgerechnet in diesem Jahr ist die Galerie Klüser dort erstmals seit mehr als 40 Jahren nicht zugelassen.

SZ: Herzlichen Glückwunsch, Herr Klüser, zu dem Preis. Wenngleich die Freude darüber sicher dadurch getrübt wird, dass Sie ausgerechnet in diesem Jahr auf der Art Basel ausjuriert wurden. Wie sehr trifft Sie das?

Bernd Klüser: Das trifft mich nicht unbedingt materiell. Natürlich ist man froh, so ein großes internationales Schaufenster zu haben. Aber die Messe ist so teuer und hat sich in den vergangenen Jahren so auf die großen Blockbuster-Galerien konzentriert, dass mir ein Galerist aus Amerika gesagt hat: "Lucky you!" Andererseits: Solche Entscheidungen würde man natürlich lieber selbst treffen.

Gab es eine Begründung der Jury?

Nein, die gibt es nie. Das Komitee setzt sich aus Galerien zusammen, die ihre Nachfolger selber wählen, so dass dort eine Art Inzucht entsteht. Das wird nicht neutral bestimmt. Und wie sollen diese wenigen Personen beurteilen, was die einzelnen Galerien wirklich geleistet haben, wenn die nur die Einladungskarten sehen? Die sind natürlich auch maßlos überfordert. Eine Rolle spielen aber auch politische Gründe. Wir stellen seit Jahren fest, dass immer mehr Galerien aus Berlin eingeladen werden und immer weniger aus anderen Städten. Ich hab' mal nachgezählt: Da sind 36 Galerien aus Berlin auf der Messe und drei aus München. Das ist ein absurdes Missverhältnis.

Er hat die ganz Großen der bildenden Kunst kennengelernt: Bernd Klüser, hier zu sehen mit Joseph Beuys im Jahr 1984 in Basel.

(Foto: Kurt Wyss)

Nun hat Berlin aber auch deutlich mehr Galerien als München.

Berlin hat zwar viel mehr Galerien als München, aber die Frage ist doch: Hat Berlin auch so viel mehr Galerien auf einem gewissen Niveau?

Wie läuft das, wenn man ausjuriert wird? Bekommt man ein Schreiben, auf dem gestempelt steht: "Abgelehnt"?

Nicht einmal das. Seit einigen Jahren bekommen wir immer wieder Schreiben, dass wir auf der Warteliste sind. Das wird mit einem gewissen System betrieben. Denn wenn man auf der Warteliste ist, muss man innerhalb weniger Tage Statements einreichen von wichtigen Leuten aus dem Kunstbereich, die für die Galerie sprechen. Die hatten wir immer wieder: Galerien wie Gagosian oder Beyeler, Fürsprecher wie Ingvild Goetz, Udo Brandhorst, Lothar Schirmer, Roland Berger, Chris Dercon, Nicholas Serota und andere - hochkarätiger geht es eigentlich nicht. Aber das kann man ja nicht endlos wiederholen. Und dann merkt man, wie man Jahr für Jahr kleinere Stände bekommt, wie man immer mehr in die Randzonen gedrängt wird, näher zum Herren- oder Damenklo.

Da müssen aber alle mal vorbei.

Ja erst unter Spannung, dann vielleicht entspannt (lacht). Aber nein, man bewegt sich dann einfach im Außenviertel. Und dort wird man von Sammlern entweder gar nicht oder erst zu spät bemerkt, weil die einen da nicht vermuten.

Weil die Sammler wissen, im Herzen der Messe sind die "wichtigen" Galerien?

Weil sie wissen, dort sind die, mit denen die Messe sich profiliert. Generell hat sich das Publikum total verändert. Früher waren das seriöse Sammler, mit denen man auf Augenhöhe reden konnte. Jetzt sind da viele Hedgefonds-Manager oder deren Art-Advisors unterwegs, die oft nur noch die angebotenen Arbeiten fotografieren, um sie dann international anzubieten - ohne uns zu fragen, ob sie das dürfen, ob die Arbeiten überhaupt verfügbar sind. Da hat sich einiges in Grauzonen angesiedelt.

Wie kann das sein?

Das hängt auch damit zusammen, dass die zeitgenössische Kunst so abartig teuer geworden ist, dass sich auch Leute einmischen, die man da lieber nicht sehen würde. Es ist ja auch so, dass die Messe einem zum Teil vorschreibt, was man zeigen darf und was nicht. Wir - und auch andere - wurden deutlich gebeten, keine jungen Künstler zu zeigen, obwohl sich das am Anfang natürlich auch nicht rechnet, weil der Messestand oft viel teurer ist als die Arbeiten junger Künstler einbringen.

Bernd Klüser betreibt zwei Galerien in München. Er hat mit wichtigen Künstlern wie Joseph Beuys und Andy Warhol gearbeitet.

(Foto: Marco Funke)

Das heißt, erwünscht ist nur Arriviertes?

Ja, deshalb mussten wir auch immer wieder auf bekannte Namen zurückgreifen. Aber das sind Dinge, die wahre Galeriearbeit desavouieren. Eine Galerie lebt schließlich auch davon, dass sie sich ständig erneuert. So ist aktuell bei uns neben jüngeren Künstlern auch Anish Kapoor dazu gekommen.

Das alles klingt, als ob Sie nicht mehr allzu viel Spaß dabei hätten.

Der Spaß ist in der Tat deutlich weniger geworden. Früher gab es viele freundschaftliche Verbindungen, vieles wurde auf Handschlag-Ebene gemacht. Heute ist das alles durchorganisiert, es gibt wahnsinnige Konkurrenzkämpfe.

Werden Sie sich im kommenden Jahr wieder bei der Art Basel bewerben?

Das sehe ich noch nicht.

Werden Sie die Auszeichnung des europäischen Galeristenverbands auf der Art Basel denn persönlich entgegen nehmen?

Natürlich werde ich den Preis persönlich entgegen nehmen. Denn der Preis ist der Preis und über den habe ich mich sehr gefreut.

© SZ vom 15.06.2016
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