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Auswärtige Kulturpolitik:Deutsche Nationalkultur?

Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel fordert in einem Gutachten einen Kurswechsel in der Kulturpolitik.

Wie könnte Deutschlands auswärtige Kulturpolitik aussehen in einer post-nationalstaatlichen, europäischen Ära? Sehr viel Zunder steckt auf den ersten Blick nicht in dieser Frage - es gibt packendere Themen. Doch liest man die 150-seitige Studie, die die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA) darüber geschrieben hat, reibt man sich die Augen. Ja, in dem Papier ("Transnationale Auswärtige Kulturpolitik: Jenseits der Nationalkultur"), das kürzlich mit monatelanger Verspätung auf der Website des IFA veröffentlicht wurde, schreibt sie auch über Goethe-Institute. Vor allem aber analysiert Sigrid Weigel schonungslos den Zustand der Bundesrepublik von 2019, samt aller Defizite, Brüche und Heucheleien.

Das IFA ist eine Art Forschungsarm des Auswärtigen Amts, und das Ministerium von Heiko Maas, das im nächsten Jahr die Auswärtige Kulturpolitik neu konzipieren will, ist auch der Adressat der Studie. Im Koalitionsvertrag von 2018 wurde die auswärtige Kulturpolitik schon aufgewertet. Sogar den Posten einer Staatsministerin gibt es jetzt dafür, auch wenn man von der Amtsinhaberin, Michelle Müntefering, zuletzt nicht viel gehört hat. Es gibt auch eine Reihe neuer Initiativen, wie die "Agentur für internationale Museumskooperation". Was aber bislang fehlte, war ein wirklich neues Grundsatzkonzept.

In den Nachkriegsjahrzehnten diente die auswärtige Kulturpolitik vor allem dazu, die Verbreitung der deutschen Sprache zu fördern und das Image des neuen, demokratischen Deutschlands zu verbreiten. Doch schon seit Längerem bieten die Goethe-Institute mehr als Sprachkurse, Wim-Wenders-Retrospektiven oder Lesungen mit Daniel Kehlmann. Sie spielen in den lokalen Kulturszenen mit, sie unterstützen einheimische Künstler, bieten sich für Themen an, die am jeweiligen Ort zu kurz kommen. "Deutsch" sind dann weniger die Künstler oder die Filme, sondern die Werte, die Haltung, die hinter dem Programm stehen: das Eintreten für Menschenrechte, Demokratie, Nachhaltigkeit, offene Gesellschaften. Ziemlich deutsch ist aber auch das zugrunde liegende Weltbild: Deutschland tritt als Aufklärer und sanfter Erzieher auf, als kultureller Entwicklungshelfer.

Die Werte, die wir uns im Ausland auf die Fahnen schreiben, werden daheim einfach missachtet

Mit der jüngsten Aufwertung wurde der auswärtigen Kulturarbeit noch eine weitere Funktion zugeschrieben: die der "Soft Power" im Ringen um geopolitischen Einfluss. Michelle Müntefering spricht auch gern vom globalen "Wettbewerb der Narrative", in dem Deutschland wieder Terrain gutmachen müsse. Wenn Länder wie China und Russland mit Auslandsinstituten, Auslandssendern, Troll-Farmen und anderen mehr oder weniger soften Methoden Kampagne machen für ihr Staatsverständnis und gegen das Modell der westlichen Demokratien, dann müsse Deutschland mit seinen Mitteln dagegenhalten.

Im ersten Teil ihrer Studie macht Sigrid Weigel mit all dem kurzen Prozess. Soft Power sei nur ein schöneres Wort für verdeckte Propaganda, ein Instrument aus dem Kalten Krieg. Der "Wettbewerb der Narrative" unterwerfe Kultur der Marktlogik.

Und was die "Cultural Diplomacy" angeht: Wer glaube, mit Kultur ließen sich Kriege vermeiden, sei naiv. Woran alle diese Konzepte kranken, so könnte man die Sigrid Weigel zusammenfassen, ist ihre Unaufrichtigkeit. Wer "Kultur" instrumentalisiere, der diskreditiere letztlich die kulturellen Werte, die er zu verbreiten hoffe, und riskiere die eigene Glaubwürdigkeit.

Doch das viel größere Glaubwürdigkeitsproblem entsteht, weil Deutschland die Werte, die es sich im Ausland auf die Fahnen schreibt, im Inland selbst missachtet. "Der Anspruch der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik, Demokratisierungsprozesse und Rechtsstaatlichkeit in anderen Ländern zu unterstützen und die Zivilgesellschaften vor Ort zu fördern, muss sich an der Realität in Deutschland und an der deutschen EU-Politik messen lassen."

Und genau da schneide Deutschland alles andere als gut ab, schreibt Sigrid Weigel, die eine renommierte Geisteswissenschaftlerin ist und bis 2015 das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) geleitet hat. Die europäische Flüchtlingspolitik, Deutschlands Abkehr von den einst ambitionierten Klimazielen oder die Ausbeutung und Umweltzerstörung, die es mit seiner Wirtschaftspolitik unterstützt, sind nur einige der vielen Punkte, die Weigel nennt. Nicht einmal an der deutschen "Erinnerungskultur", auf die die Deutschen paradoxerweise so stolz sind, lässt die Gutachterin ein gutes Haar. Sie erstarre "in inhaltsleeren Ritualen und Pathosgebärden". Deutschland predigt, so die Botschaft, nicht nur Wasser und trinkt selbst Wein; es versteht die auswärtige Kulturpolitik mitunter auch als eine Art Kompensation für das, was das Land an Schäden in der Welt anrichtet.

Deutschland müsse aufhören, so zu tun, als ließe sich Kulturpolitik als separate Veranstaltung betreiben, moniert Weigel. "Internationale Wirtschafts- und Handelspolitik ist im Effekt Außenkulturpolitik." Es müsse außerdem aufhören, als Lehrmeister und Therapeut aufzutreten und stattdessen eingestehen, dass es selbst ebenso viel zu lernen hat wie die anderen Länder. Und es müsse die Prinzipien, für die es sich im Ausland stark mache, selbst leben. "Auswärtige Kulturpolitik muss im eigenen Land beginnen", wie der frühere Präsident des Goethe-Instituts, Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld, schon 1965 sagte.

Der Wandel Deutschlands zur Einwanderungsgesellschaft müsse akzeptiert werden

Seit Kurzem ist das Goethe-Institut ganz buchstäblich auch im Inland aktiv. Doch wenn es Deutschland ernst sei mit dem "Kulturaustausch", dann dürfe der, so Weigel, nicht nur bei Symposien oder Festivals stattfinden, sondern müsse im Alltag verankert werden. "Vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Transformation zu einer kulturell vielfältigen Gesellschaft müssen wir alle zu Experten kultureller Mehrsprachigkeit werden."

Warum wir davon so weit entfernt sind, das analysiert Weigel, indem sie einen breiten Schwenk über die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme macht, mit tiefen Ausgriffen in die deutsche Geschichte und einem beeindruckenden Feuerwerk an Referenzen. Bevor sie fragt, wie die Politik die Vorstellungen einer Nationalkultur überwinden kann, rollt sie die Genese des Konzepts der "Kulturnation" auf. Und sie erklärt, wie es verkoppelt ist mit der Vorstellung einer deutschen "Identität". Derselben "Identität", die neben Rasse und Religion von den Rechten dazu missbraucht wird, die "Deutschen" von den "Fremden" zu unterscheiden. Eine deutsche Nationalkultur ist ebenso eine Fiktion wie die deutsche Identität, stellt Weigel fest. "Es gibt kein Zurück zu einer autochthonen 'deutschen Kultur', die ohnehin nie existierte."

Sigrid Weigel macht eine Reihe von Vorschlägen für europäische Kooperationen und Kulturnetzwerke. Doch viel wichtiger wäre es, Deutschlands Wandlung zu einer "kulturell diversen Einwanderungsgesellschaft" zu akzeptieren und zu unterstützen. Die Grundlage dafür wäre ein neues Einwanderungsrecht und ein neues Konzept für Integration jenseits der gescheiterten Modelle Assimilation und Multikulturalismus. Weigel schwebt eine Integration als "sozial und räumlich differenzierte kulturelle Praxis" vor, "die im Alltag und überall stattfindet" und deren Schlüssel eine "gesellschaftliche Kultur der Anerkennung" sei. Unter deren Fehlen litten übrigens nicht nur Migranten und Einwanderer bis in die jüngste Generation, sie sei auch der Grund für die Fremdheit zwischen Ost- und West und für das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Was das Auswärtige Amt nun wohl tun wird mit dem sperrigen Papier, dessen Abgabe Ende letzten Jahres dringend angemahnt wurde, das nun aber seit Monaten herumliegt?

Es sei ja nur eine von vielen Studien, hieß es dort. Und gelesen habe man sie auch noch nicht.

Wer das Gutachten "Transnationale Auswärtige Kulturpolitik - Jenseits der Nationalkultur" von Sigrid Weigel vollständig lesen will, kann das hier tun.