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Australische Literatur:Jenseits des Horizonts

In der angelsächsischen Welt ist Gerald Murnane eine feste Größe, jetzt gibt es endlich eines seiner Bücher auch auf Deutsch: Der Roman "Die Ebenen" verwandelt Australien in eine imaginäre Landschaft.

Von Lothar Müller

Wenn im Dunkel des Kinosaals auf der Leinwand ein Horizont erscheint, der eine weite Ebene oder Meeresoberfläche begrenzt, dann bereitet der Film nicht nur dem Helden eines Westerns oder dem Piratenschiff die Bühne, das in den nächsten Sekunden auftauchen wird. Er feiert zugleich sich selbst als Medium, das seine Stärke aus dem Bündnis mit der Sichtbarkeit der Welt gewinnt.

In Australien lebt ein Schriftsteller, der angetreten ist, den Horizont mit den Mitteln seiner eigenen Kunst, der Literatur, zur Darstellung zu bringen. Es ist eine sehr besondere Art von Literatur. Denn sein Medium ist eine Prosa, die ihre Stärke aus dem Bündnis mit der Unsichtbarkeit gewinnt. Gerald Murnane, 1939 in einem Vorort von Melbourne geboren, hat zeitlebens Australien nicht verlassen. Nahezu sein gesamtes Leben hat er im Bundesstaat Victoria verbracht, zu diesem Leben gehört eine frühe Begeisterung für Pferderennen und die Anosmie, das Fehlen des Geruchssinnes. Er hat seit 1974 etwa ein Dutzend Bücher geschrieben, erzählende Prosa und Essays, denen man entnehmen kann, dass er strikt unterscheidet zwischen sich als physischem Lebewesen und dem "impliziten Autor", als der er ausschließlich in seinen Texten existiert.

Das physische Lebewesen Gerald Murnane ist in dem Videoporträt "Mental Places" von Ben Denham auf Youtube anwesend, es spricht dort über sein Schreiben, sein Archiv, sein Interesse an der ungarischen Sprache, steht im Provinznest Goroke in der Region Wimmera, wo es lebt, vor seiner künftigen Grabstätte, mitten in der weiten, flachen Landschaft. Zu den Bewunderern Gerald Murnanes in der angelsächsischen Welt zählen John M. Coetzee und die amerikanischen Autoren Teju Cole und Ben Lerner. In Deutschland hat nun der Suhrkamp Verlag erstmals eines seiner Bücher auf Deutsch veröffentlicht, den Roman "Die Ebenen", dessen Original ("The Plains") bereits 1982 erschienen ist.

Wimmera, Western Victoria: Die Landschaft Australiens, in der er lebt, erfindet Gerald Murnane in seinem Roman „Die Ebenen“ neu.

(Foto: Alamy/mauritius images)

In diesem schmalen Buch reist der namenlose Ich-Erzähler, ein junger Filmemacher, ins Innere Australiens, Karteikarten und eine Kladde mit der Aufschrift "Das Innere (Drehbuch)" hat er im Gepäck. Er steigt im größten Hotel einer Stadt in den Ebenen ab und versucht Zugang zu den Plainsleuten zu gewinnen, nicht zuletzt, um einen der Großgrundbesitzer für die Finanzierung seines Films zu gewinnen. Er hat nicht weniger vor, als darin ein Bild der Ebenen zu zeigen, das selbst ihren Bewohnern bis dahin unbekannt war.

Das ist, man ahnt es nach wenigen Seiten, ein ehrgeiziges Unterfangen, das scheitern wird. Rasch erweist sich, dass die Ebenen längst schon eingesponnen sind in die Geschichtsschreibung, in Mythologien, in die Gespinste ihrer Dichter, die Bilder ihrer Maler. Die Vorbereitung des Filmprojekts führt mitten hinein in dieses Dickicht, in die Paradoxien der Kunst der Ebenen. "Im Leben wie in der Kunst hatten die Plainsleute solche Helden wie den Mann, der dreißig Jahre lang jeden Nachmittag zu einem ganz unscheinbaren Haus mit tadellosem Rasen und kränkelnden Sträuchern heimkehrte und bis spät in die Nacht dasaß und über die Reiseroute befand, der er dreißig Jahre lang hätte gefolgt sein können, nur um dort anzukommen, wo er saß."

Gerald Murnane

Gerald Murnane, geboren 1939 in einem Vorort Melbournes, ist einer der großen Autoren Australiens.

(Foto: Ian Hill)

Wie sehr er solchen Helden ähnelt, weiß der Erzähler nicht, als er am Rand eines gelehrten Artikels über die Ebenen und ihre Bewohner die Notiz anbringt: "Als ein Filmemacher bin ich bestens ausgerüstet, um diese Landschaft zu erforschen und sie anderen zu enthüllen." Von Beginn an dementiert der Roman diese Selbstgewissheit seines Helden. Doch lässt er ihn nicht etwa an der schieren Größe seines Gegenstandes scheitern, sondern an der Ungreifbarkeit dieses Gegenstandes, der immer weiter zurückweicht, je näher ihm der Filmemacher zu kommen sucht.

Denn das Australien Gerald Murnanes teilt die Ebenen mit dem Kontinent gleichen Namens, aber es ist nicht von dieser Welt. Es existiert nur in dieser Prosa, als "landscape of the mind", wie der Autor das nennt. Sie ist auf der Grenze angesiedelt, die ein Horizont markiert, der Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, und es ist nicht ohne Komik, wie Murnane seinen Helden sich in diesem Grenzgebiet verirren lässt.

Er stößt auf ein bizarres nation building, in dem die Bewohner der Ebenen sich als Repräsentanten des wahren, inneren Australien gegen den Kosmopolitismus begreifen, auf Privatarmeen, die sich als Poloklubs tarnen, auf die Leidenschaft der Großgrundbesitzer für Archivare und Kunsthistoriker, die ihre Genealogien, Chroniken, Wappen und Embleme erfassen, die Geschichte ihrer Moden und ihres Interieurs. Zu den miteinander rivalisierenden Künstlergruppen der Ebenen gehören die "Horizontler", Dichter, die sich der dünnen Dunstzone verschrieben haben, "in der Land und Himmel in weitester Ferne ineinander verschmolzen". Ihnen stehen Maler gegenüber, die ihre minutiösen Detailstudien mit dem Titel "Aufstieg und Fall des Grasreichs" versehen, als handele es sich um Historienmalerei über das antike Rom.

Leseprobe

Murnanes Prosa lebt sowohl vom Blick in die dünne Dunstzone der Ferne als auch vom Detail. Wenn sein Buch einen Plot hat, dann handelt er von der Unerreichbarkeit des Horizonts. Es bildet sie im Zurückweichen des Ziels ab, das zu erreichen der Filmemacher ausgezogen ist. Mehr und mehr wird er von einem Mann mit der Kamera zu einem Mann aus Worten, der in der Bibliothek seines Gönners und in dessen Archiv verschwindet, in der patriarchalischen Welt der Gutsbesitzer, mit denen er trinkt, Frauenfiguren und Biografien entdeckt, die nie gelebt wurden.

Bis zum letzten Satz hält der Erzähler sich an seiner Kamera fest, aber längst hat die Prosa die Regie übernommen, die als asymptotische Sprachbewegung auf ein immer ferner rückendes Ziel zuführt. Darin entspricht das Zugleich von syntaktischer Klarheit und vollkommener Rätselhaftigkeit, das von ferne an Kafka oder Borges erinnert, dem Zugleich von Sichtbarkeit und Unerreichbarkeit des Horizonts. Die deutsche Fassung ist den Kaskaden des Aufschubs, den fantastischen Theorien und Eskapaden des Konjunktivs nicht immer gewachsen. Aber sie lässt erkennen, was hier gelungen ist: die Erschaffung einer Welt jenseits des realistischen Erzählens, einer Welt, die allein vor dem inneren Auge existiert.

Gerald Murnane: Die Ebenen. Roman. Mit einem Nachwort von Ben Lerner. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 154 Seiten, 16 Euro. E-Book 13,99 Euro.

© SZ vom 04.09.2017

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