bedeckt München 20°

Austellung:Die letzten ihres Stammes

Das Knauf-Museum in Iphofen zeigt Elefantendarstellungen von der Urzeit bis heute. Nicht nur die Breite der Motive beeindruckt dabei, sondern auch, wie sehr die Tiere mittlerweise bedroht sind.

Diese riesigen Ohren! In Tagen tropisch heißen Sommers könnte man sie gut gebrauchen, denn der Elefant, vor allem in seiner afrikanischen Art, nutzt sie neben dem Hören besonders auch zur Kühlung. Und das nicht nur für sich selbst. Die Herde stellt sich im Kreis auf, um einander Luft zuzufächeln. Dann das sanfte Auftreten des tonnenschweren Tieres, nie geschieht das militärisch zackig, sondern immer weich, geschmeidig, sensibel. Trotz seiner Größe, seines Rüssels, der Nase und Oberlippe in einzigartiger Weise vereint sowie Riech- und Greiforgan, Wasserspritze und Trompete zugleich sein kann, trotz seiner dicken grauen Lederhaut gilt der Elefant als Gigant aus Sanftmut, Sensibilität und Klugheit mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen.

Wer durch die von Markus Mergenthaler höchst anregend und assoziationsreich kuratierte Ausstellung im Knauf-Museum im fränkischen Iphofen schlendert, wird nicht nur über den Elefanten und seine biologischen Eigenschaften informiert, sondern er bekommt einen fesselnden Eindruck von diesem zu allen Zeiten als gewaltiges Lebewesen voller Kraft und Sanftheit bewunderten, als göttliches Kind Ganesha mit dem Elefantenkopf religiös verehrten und seit Urzeiten als Symbol für herrscherliche Macht und männliche Stärke angesehenen Tier.

Noch um 1900 gab es in Afrika geschätzte zehn Millionen Exemplare

Kein Zweifel aber, dass diese einzigartige Kreatur sowohl in ihrer asiatischen wie in ihrer afrikanischen Gestalt auf dem Weg der Auslöschung durch den Menschen ist. Noch um 1900 gab es in Afrika geschätzte zehn Millionen Exemplare, während heute nur noch etwa 100 000 übrig sind. In Asien waren es Ende des 19. Jahrhunderts noch rund 1,5 Millionen, von denen heute nur mehr 20 000 wild lebende geblieben sind. Da beim asiatischen Elefanten nur der Bulle Stoßzähne trägt, hat die Jagd zusätzlich den Genpool dieser Spezies bedrohlich eingeschränkt.

Dabei reicht der Stammbaum der Kolosse bis zu 50 Millionen Jahre zurück. Zu Hannibals Zeiten gab es auch in Nordafrika eine kleinere Waldelefantenart und die Ausbreitung asiatischer Elefanten reichte einst bis nach Kleinasien. Steht man vor den Karten der ehemaligen Ausdehnung der Elefantenpopulationen und sieht dann den Flickenteppich der heutigen Gebiete, kann man nur traurig werden. All die Pracht und Kunstfertigkeit, mit denen über viele Jahrhunderte dem Elefanten als heiligem und symbolkräftigem Tier in der Malerei, als Schachfigur, als Götterstatue aus Stein, Bronze oder Elfenbein gehuldigt wurde, schärft das Bewusstsein für die tödliche Gefahr der Ausrottung dieser unvergleichlichen Tiere nur um so schmerzhafter. So vermitteln die grandiosen Monumentalgestalten in ihrer mythischen Ausstrahlung von Kraft und achtungsgebietender Größe zugleich ein Gefühl ohnmächtigen Zorns über ihr anscheinend unabwendbares Schicksal durch Jagdgewalt und Geldgier.

Aber nicht nur die verbrecherischen Elfenbeinjäger und -händler dezimieren trotz vielfacher Gegenmaßnahmen, Appelle, polizeilicher Verfolgung und drakonischer Strafen weiterhin den Bestand des größten Landsäugetiers der Welt, sondern auch der Klimawandel und andere menschengemachte Faktoren setzen den grauen Riesen zu. So führten die jahrtausendealten Trampelpfade früher zu lebensnotwendigen Wasserlöchern. Doch oft sind die heute versiegt, der afrikanische Kontinent leidet unter Austrocknung, außerdem breitet sich die Weidewirtschaft aus, und dort wo Ackerbau getrieben wird, können Elefanten mächtigen Schaden anrichten, was ihnen die Feindschaft der Bauern einbringt. In Asien schrumpfen die Dschungel nahezu unaufhaltsam, und die neuen Baumerntemaschinen ersetzen immer häufiger die Arbeitselefanten, die schon seit der Antike gezähmt und eingesetzt wurden.

Eine ganze Reihe großformatiger, um 1910 entstandener Schwarz-Weiß-Abzüge, die bisher nur auf Glas vorhanden waren, illustriert eindrucksvoll, welche vielfältige Rolle der Elefant in Indien als heiliges Tempeltier, als herkulischer Waldarbeiter, als lebender Kriegspanzer und als fürstliches Reittier gespielt hat. Da sieht man auch, wie Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg in kolonialer Galauniform mit seiner Gattin auf der Hochzeitsreise im beschirmten Pavillon auf dem Rücken eines geschmückten Tieres Platz nimmt, schaut bei der enorm anstrengenden Paarung zweier Elefanten zu oder stellt fest, wie Elefanten zu untypischem Zweikampftraining angestachelt werden wegen der Wettbelustigung reicher Inder. Ähnlich krude Attraktionen boten bereits die Elefantenhetzjagden in römischen Arenen. Aber das damalige Publikum lehnte das Töten der mächtigen Tiere dort ab, immerhin.

Schon das älteste Exponat aus den Klausenhöhlen im Altmühltal löst daher Befangenheit aus: Zum einen ist die Feinheit und darstellerische Präzision, mit der der eiszeitliche Künstler vor rund 16 000 Jahren ein Mammut mit all seiner Behaarung an Rücken und Bauch in eine Scherbe einritzte, bewundernswert. Zum andern berührt einen das Material Mammutelfenbein seltsam, weil jegliche Naivität beim Umgang mit dem Stoff Elfenbein verloren scheint.

In Werbung und als Wappentier ist der Elefant nicht so dauerpräsent wie der Löwe

Daher ist auch der Blick auf die kunstvollen Objekte versehrt, die in den Wunderkammern der europäischen Könige und Fürsten aufgehoben wurden wie etwa der herrliche Elfenbeinprunkfächer, der im 15. Jahrhundert in Sri Lanka gefertigt wurde und in der Schatzkammer der Wittelsbacher landete. Die filigranen Wunderkugeln aus Elfenbein lassen in ihrer Gespinsthaftigkeit an Klöppelspitzen denken, und andere raffiniert ausgeschmückte elfenbeinerne Objekte, die im 18. Jahrhundert hochgeschätzte Kostbarkeiten waren, erregen wehmütiges Staunen.

Die breiten Elfenbeinarmbänder aus Ostafrika wirkten am Arm ihrer Trägerinnen bestimmt prächtig und vornehm. Das mit Verzierungsschnitzereien dekorierte Elfenbeinblashorn des 17. oder 18. Jahrhunderts aus Nigeria tönt in Richtung Alphorn. Ein hölzerner Schemel der Aschanti aus Ghana, dessen Sitzfläche von einem Elefanten getragen wird, war nur für seinen Besitzer, ob Mann oder Frau, bestimmt und heilig. Fremde durften sich nicht auf ihm niederlassen. Ein Großfoto um 1910 zeigt einen Stamm mit einem erlegten Elefanten. Es erinnert daran, dass die Tiere ähnlich den Bisons bei den Prärieindianern Nahrung für Wochen lieferte, und so gut wie alles von ihnen, ob Haut, Sehnen oder Knochen, vielfältig genutzt wurde.

"Der Beseitiger aller Hindernisse", der elefantenköpfige indische Hindugott Ganesha wiederum, strahlt in jeder Darstellungsversion zwischen dem 3. Jahrhundert und heute etwas von Wohlbefinden, Gewitztheit, Humor, Lebenskunst, Kraft und Liebenswürdigkeit aus. So steht er in einer rot-weiß marmorierten Sandsteinrelieffigur aus dem Indien des 3. Jahrhunderts rundbäuchig und entspannt in vergnügter Freundlichkeit da. In einer heutigen Billigform hat er natürlich Laptop und Handy in Händen, so zu sehen in der amüsanten Kitschvitrine, in der Elefanten als Seife dienen, als Nippes blinken und in allen möglichen Teakholzvarianten europäische Wohnzimmer "schmücken" mögen.

Steiff-Elefanten in allen Größen und auf Rädern, Disneys "Dumbo" und Flahertys "Elefantenboy" fehlen in der Kinderabteilung ebenso wenig wie die Plakate, die einst die Elefanten als attraktivsten Werbeträger für Zirkus, Zoo und Fernreisen aufboten. Doch so allüberall wie Löwen tauchen Elefanten in der Werbung und als Wappentier irgendwelcher Marken überraschenderweise gar nicht auf.

Das vielleicht tiefsinnigste, dabei ungemein lebensfrohe Exponat bietet eine Vase aus dem China von 1650/65 am Übergang von der Ming- zur Qing-Dynastie: Da wird der so mächtig sich wölbende Leib eines weißen Elefanten, wie die Vase sich ausbuchtet, an einem Teichufer geschrubbt und gewaschen von drei Dienern. Das Tier hält wohlig still, es besitzt geradezu menschenähnlich lange Zehen. Den weißen Elefanten zu waschen, "Sao Xiang", bedeutet aber nach buddhistischem Sinn noch viel mehr: denn "Xiang" heißt nicht nur Elefant sondern auch Abbild, Illusion. Den Elefanten waschen meint also auch die Säuberung von Illusionen, die innere Reinigung und Läuterung im Sinne Buddhas: der weiße Elefant als Sinnbild reiner Weisheit.

Elefant. Graue Riesen in Natur und Kultur. Knauf-Museum Iphofen. Bis 10. November . www.knauf-museum.de. Begleitbuch im Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz 2019. 144 Seiten, 25 Euro.