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Ausstellungen zur Zerstörung der Umwelt:Bereit zur Buße

Darwin oder Gaia? In diesem Sommer beschäftigen sich viele Ausstellungen mit der Zerstörung der Umwelt. "Down to Earth" in Berlin dreht sich selbst den Strom ab. Auch in Karlsruhe und Leipzig stellt man sich dem Thema.

Von Till Briegleb

Was ist eigentlich Gaia? In nahezu jeder Ausstellung zu Kunst und Klima diesen Sommer (und das sind sehr viele), taucht der Begriff auf, oft sogar an zentraler Stelle. Oder wenigstens seine Erfinder, die amerikanische Biologin Lynn Margulis und der britische Biophysiker James Lovelock. Sie haben in den Siebzigerjahren ein alternatives Denkmodell für die Naturwissenschaften entwickelt, nachdem der gesamte Planet ein einziger Organismus aus sich selbst regulierenden Einzelzellen ist. Das Revolutionäre an dieser Hypothese und der Grund, warum sie seither so heftig angefeindet wurde, sind die Folgerungen des Konzepts für die Gesellschaft.

Denn Gaia ist das Gegenteil von Darwins biologischem Konkurrenzmodell "Survival of the Fittest", das zur gedanklichen Grundlage unserer Wettbewerbs-Wirtschaft wurde, und dadurch den ökologischen Schlamassel unserer Zeit mitverursachte. Margulis' und Lovelocks Modell der Evolution in Natur und Gesellschaft basiert dagegen auf Kooperation und Kollaboration. Alle Einzelteile des Planeten arbeiten wie selbstverständlich zum Nutzen des Gesamtsystems Erde. Eine Spezies, die gegen dieses Grundgesetz verstößt, wird von anderen Teilen Gaias stark reduziert oder eliminiert. Corona sei Teil dieser Selbstregulierung, wie der gerade 101 gewordene James Lovelock kürzlich erklärte.

Der 101-jährige James Lovelock erklärte kürzlich, Corona sei Teil dieser Selbstregulierung

Dass dieses Konzept in Kunst und Geisteswissenschaft gerade auf breite Akzeptanz stößt, hat sicherlich mit der wachsenden Frustration über die Unfähigkeit der Wachstumswirtschaft zu tun, die globalen Probleme, die sie verursacht, auch selbst zu lösen. Sie ist aber auch einem neuen Interesse für Zusammenhänge geschuldet. Denn dass das Mettbrötchen am Morgen direkt etwas mit dem brennenden Amazonaswald zu tun hat, der Coffee-to-Go mit verendenden Walen und ein Museumsneubau in Berlin mit dem Untergang von Inselstaaten, das sind Verbindungen, die das planetare Beziehungsnetzwerk von Gaia einfach plastischer darstellt als die "natürliche Selektion" Darwins.

Teil dieser neu um sich greifenden Idee kooperativer Beziehungen ist die Selbstüberprüfung. Und deswegen besteht die große Ausstellung "Down to Earth" im Berliner Gropius Bau nicht nur inhaltlich aus starken Bezügen zum Gaia-Konzept, wie es der französische Soziologe und Stichwortgeber dieser Ausstellung Bruno Latour seit zehn Jahren adaptiert. Im Zuge der Vorbereitungen wurden erstmals alle klimarelevanten Daten des Museumsbetriebs erhoben, um auch den Schaden der Kunst für Gaia bemessen zu können. Und als Akt symbolischer Büßerbereitschaft sind die Bedingungen der Schau kategorisch verbrauchsarm.

Alle Beteiligten mussten mit dem Zug reisen, für die Schau wird kein Strom genutzt (für die WC-Beleuchtung Gott sei Dank doch), die Klimatisierung ist reduziert, und für den Aufbau hat man kräftig Altes recycelt. Tatsächlich ist diese Selbstverpflichtung zu institutioneller Verantwortung, die erst sehr langsam von der europäischen Museumslandschaft angenommen wird, ein extrem komplexer Akt, wie Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele und Kurator der Ausstellung, betont. Eingriffe in Funktionssysteme und auch deren ökologische Verbesserung berühren gaia-mäßig extrem viele andere Faktoren, vom Leihverkehr über Versicherungen bis zur Hausstatik, aber natürlich auch die Kunst selbst.

So konnte etwa Joulia Strauss ihren Film über Widerstandskämpfe indigener Völker gegen die aggressive Ressourcensuche großer Konzerne ohne Strom nicht zeigen. Deswegen hat sie einen Schlangenaltar aus Altkleidern hergestellt, an dem sie eindrücklich von den Protagonisten ihrer Dokumentation erzählt und dazu auf einer Lyra in Altgriechisch Lieder singt. Oder François Chaignaud trägt begleitet von Marie-Pierre Brébant die mittelalterlichen Kompositionen Hildegard von Bingens unter dem Titel "Fruchtbare Wurzeln" vor, wobei farbiges Licht nicht durch Scheinwerfer, sondern durch das Verschieben farbiger Vorhänge erzielt wird.

Zur Schau gehören Vorträge und Kurse zur Verbesserung des Weltkonsumverhaltens

Neben den vielen Werken, die von Öko-Kunst-Pionieren wie Helen Mayer Harrison und Newton Harrison oder Agnes Denes bis zu aktuellen Künstlerinnen und Künstlern wie Alicja Kwade, Tomás Saraceno, Vibha Galhotra oder dem Mitkurator Tino Sehgal reichen, umfasst "Down to Earth" ein umfangreiches Programm an Vorträgen, Performances und praktischen Kursen, wie man sein Weltkonsumverhalten verbessern kann.

Vier Wochen lang ist der Gropiusbau eine Art Labor des Gaiaismus, wo ein zersägter Porsche neben einer Humusproduktion aus Berliner Erde zu finden ist, eine Ausstellungszelle über die Veränderung der Ozeane neben der Protokollstation von Bruno Latour und Frédérique Aït-Touati, an der Besucher ihre Vorstellung von Gaia malen und erzählen können, woraus dann später ein Schauspiel wird.

Eines der Probleme mit dem Gaia-Begriff ist natürlich sein esoterischer Klang, hergeleitet von der chthonischen Muttergöttin der Griechen. Der macht es Menschen, die nur an Zahlen glauben, sehr leicht, ihn als Blödsinn zu verspotten - was seit den Siebzigern erfolgreich dazu geführt hat, dass die produktiven Ideen über komplexe Beziehungen, um die es bei Gaia eigentlich geht, als Wissenschafts-Egozentrik ausgegrenzt wurden.

Deswegen stellt das ZKM in Karlsruhe, wo ebenfalls eine Ausstellung zum Thema neues Weltverständnis läuft, Lynn Margulis und James Lovelock in einem großen Saal zunächst als stichhaltig vor. Denn im Unterschied zu "Down to Earth", wo Kunst die zentrale Rolle spielt, ist "Critical Zones", kuratiert von Bruno Latour und ZKM-Chef Peter Weibel, eine klassische Dialog-Ausstellung. Kunst und Wissenschaft werden mit über 60 Positionen zusammenführt, um das komplexe Thema komplex zu beleuchten. Von Alexander von Humboldts Kosmos-Begriff, der hier als Quelle der Gaia-Idee präsentiert wird, bis zu Forensic Architecture, die in ihren "Cloud Studies" Verbindungen ziehen zwischen Brandrodung in Indonesien und Tränengas-Einsätzen in Hongkong, reicht das Karlsruher Porträt der Zusammenhänge. Armin Linkes eindrucksvolle Video-Reportage über "Berg"-bau am Meeresgrund oder die kaum minder eindrückliche Dokumentation über die ökologische und soziale Bedrohung Grönlands durch den Abbau Seltener Erden von Lise Autogena und Joshua Portway stehen in ihrer Deutlichkeit neben vielen Ausstellungsstücken, die doch eher kryptisch bleiben. Man muss in diesem Füllhorn, das von romantischer Malerei bis zu Labordiagrammen und ausführlichsten Videos reicht, dann doch eher Darwins Auslese-Prinzip folgen, um nicht völlig überfordert zu sein.

"Zero Waste", die dritte große Ausstellung zum Thema im Museum der bildenden Künste in Leipzig, bezieht sich nicht direkt auf Gaia, tut aber im Kern auch nichts anderes, als globale Wirkungsketten künstlerisch zu interpretieren. Wobei im elektrisch hell erleuchteten Keller des Museums der ökonomische Aspekt der ökologischen Schäden eher charmant kritisiert wird. Um nicht zu sagen: humorvoll.

Michel de Broin hat einen alten Buick Regal von allem "Überflüssigen" befreit, also Motor, Elektronik, Getriebe, und verwendet das Auto als Fahrrad mit Karosserie. Mika Rottenberg demonstriert ihre surrealen Wirtschaftskreisläufe diesmal mit Kopfsalat-Ernte und unterirdischer Maniküre. "Staubfarbe Neckartorschwarz" von Erik Sturm ist eine Tube Pigmentfarbe, gewonnen an der Hauptverkehrskreuzung gleichen Namens in Stuttgart. Und Andreas Greiner untersucht, wie viele Bäume gepflanzt werden müssten, um den Verbrauch der Schau zu kompensieren. Der Verkauf des Katalogs finanziert dann eine Pflanzaktion.

Keine dieser vielen Positionen, die in Leipzig, Karlsruhe oder Berlin, in der Wanderausstellung "Critical Care" zu grüner Architektur, die gerade in Dresden zu sehen ist, aber auch in Kunsthäusern in Hamburg, Dresden oder Erlangen gezeigt werden, formuliert ultimative Konzepte, wie das Problem "Mensch" auf diesem Planeten zu lösen ist. Aber dass es Patentlösungen gäbe, ist ja auch mehr ein Denken, dem die Gaia-Hypothese immer widersprochen hat. Oder wie Lynn Margulis es ausdrückte: "Leben hat die Erde nicht durch Kampf übernommen, sondern durch Netzwerken."

Down to Earth, Gropius Bau Berlin, bis 13. September 2020

Critical Zones, ZKM Karlsruhe, bis 28. Februar 2021. Katalog: 49,90 Euro.

Zero Waste, Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 8. November. Katalog: 12 Euro.

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Quelle:
SZ vom 18.08.2020
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