Süddeutsche Zeitung

Ausstellung zum Belgischen Symbolismus:Moderne in Moll

Das dunkle Diesseits der Kolonien: Berlin zeigt den ebenso betörenden wie verstörenden Symbolismus aus Belgien. Kunsthistorisch geht um die Debatte von Moderne und Anti-Moderne. Aber viele dieser Traumbilder könnten auch Plattencover aus den Siebzigern sein.

Von Peter Richter

Das Schmusen mit einer Sphinx wird in den Schriften des Altertums nicht unbedingt empfohlen; zu machtvoll sind die mörderischen Mischwesen. Aber die Malerei des Symbolismus kommt aus der Moderne und macht auch das Undenkbare möglich: In Fernand Khnopffs "Zärtlichkeit der Sphinx" reibt 1896 der Künstler selbst die Wange mit ihr. Wegen der Wuchtigkeit dieser Wangen weiß außerdem, wer mit Khnopffs Porträts auch nur ein wenig vertraut ist, dass hier seine oft von ihm dargestellte Schwester das anschmiegsame Fabeltier spielt. Denn um eine gewisse Vertrautheit mit diesem Maler kommt niemand herum, der je einen Fuß in das Kunstmuseum von Brüssel gesetzt hat. Wer wiederum auch nur flüchtig die Kultur der vorletzten Jahrhundertwende in den Blick nimmt, begegnet Sphingen so oft, als wären sie gewissermaßen die Hauskatzen in den Gemütsräumen des Fin de Siècle.

Viele dieser Traumbilder könnten Plattencover aus den Siebzigern sein

Aber gefährlich bleibt die Begegnung trotzdem, jedenfalls für den Betrachter: Zu betörend ist diese Malerei auf Dauer, zu trüffelduftig und narkotisch, um nach einem ersten Gang durch "Dekadenz und dunkle Träume - der belgische Symbolismus" ohne Weiteres wieder in den Berliner Alltag zurückzufinden. Wenn sie es in der Alten Nationalgalerie also jetzt mit Besuchern zu tun bekommen, die einfach nicht wieder herausfinden wollen aus dem Parcours, ist es ihre eigene Schuld, denn da drinnen ist ein totgesagter Park aufgebaut mit allem was dazugehört zum großen Sonntagabendgefühl der Epoche. Der Rundgang zwischen Khnopffs Elegien, den tanzenden Gerippen von James Ensor und den Erotomanien von Félicien Rops ersetzt ganze Jugendstil-Friedhöfe, Horror-Komödien und Burlesque-Varietés. Und das sind jetzt nur die bekannteren, die kunstgeschichtlich kanonisierten Namen. Die Ausstellung will aber den spezifisch belgischen Symbolismus als Teil einer internationalen Strömung vorstellen, die - um mal in den Ismen jener Zeit zu reden - gegen den Materialismus, Naturalismus und Positivismus des Industriezeitalters wütend einen spätromantischen Hardcore-Idealismus in Stellung brachte. Das Grenzüberschreitende dieses Sentiments zeigt sich dann immer da, wo zwischen den Belgiern in der klug kuratierten Hängung plötzlich Hodler, Stuck, Böcklin, sogar Munch auftauchen - oder die englischen Präraffaeliten, die wiederum Khnopff so liebte. Sehr speziell wird die Sache hingegen, wo man es mit Leuten aus der zweiten Reihe zu tun bekommt, mit einem Mann wie Jean Delville etwa, der, wie etliche in dieser Zeit, ein sprudelnder Okkultist war und einen so hinreißend furiosen Turbo-Kitsch geschaffen hat, wie er einem in dieser Intensität erst in den psychedelischen Sechzigern in Kalifornien wieder begegnen wird. Bei dem skurrilen Porträt, auf dem er die Gattin des Dichters Stuart Merrill als elektrisch durchglühtes Trance-Medium zeigt, ist auch bis heute umstritten, ob er es wie datiert 1892 oder nicht vielmehr erst 1944 gemalt hat.

Erwähnenswert ist das aber nicht zuletzt deshalb, weil bis heute ebenfalls umstritten ist, ob der Symbolismus wirklich schon zur Moderne zu zählen ist oder vielmehr eine Gegenbewegung war. Schließlich wird hier eher die idiosynkratische Spätlese der abendländischen Tradition gesucht als der Bruch, ist nicht ohne Grund hier von Dekadenz die Rede statt von Avantgarde. Aber das ist eben nur der eine Teil der Wahrheit. In der Alten Nationalgalerie haben sie nun ihren Bestand an französischem Impressionismus kurzerhand zum Teil der Symbolistenausstellung gemacht, um zu zeigen, dass beides so eng aufeinander bezogen ist wie Tag und Nacht oder Dur und Moll. In der Tat pflegte die Brüsseler Symbolisten-Vereinigung "Les XX" enge Beziehungen auch mit französischen und deutschen Impressionisten, mit Monet oder Liebermann, Rodin war sogar Mitglied. Und wenn man sich aus den Landschaftsbildern von Khnopff die Personen einmal wegdenkt, könnt man sie auch gut auf halbem Weg zwischen Courbet und Cézanne verorten. Aber mit seinen schattenlos wie Geister über die Wiesen schwebenden Figuren wird eben noch einmal etwas ganz anderes daraus: Wer den Film "The Others" mochte, dürfte diese Bilder lieben.

Am Ende sind es solche Vorschein-Effekte auf spätere Popularkultur, die den Symbolismus heute fast aktueller erscheinen lassen als die klassische Moderne. Vieles, was jetzt in Berlin zu sehen ist, hätte ab den Siebzigern auch als Schallplattenhülle Verwendung finden können. In bestimmten Bereichen des Metal gilt das sogar bis heute: Die schwelgerischen Grafiken, mit denen der Musiker John Dyer Baizly regelmäßigen die Alben seiner Band Baroness sowie die etlicher Kollegen verziert, sind praktisch belgischer Symbolismus ehrenhalber, und George Framptons gipserne "Mysteriarchin" würde jederzeit auf ein Cover der gleichnamigen Band aus North Carolina passen. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es auch kein Wunder, dass ausgerechnet Brüssel zur Wiege der "bandes dessinée" geworden ist. Das, was in unserem Sprachgebrauch trivialisierend Comic und Fantasy genannt wird, war ganz offensichtlich auch eine Art Exil für die Fantasie, die Virtuosität und auch die beträchtliche Komik aus dem Erbe der Symbolisten, selbst wenn Letztere manchmal einfach das Ergebnis des grotesk hohen Tons ist.

Man kommt um dialektische Denkfiguren nicht herum, wenn man die Jahrhundertwendekunst fassen will. Im Katalog zu der Berliner Ausstellung begegnen einem Zuschreibungen von Modernität und Modernitätskritik, Fortschrittsskepsis und Progressivität mitunter direkt nebeneinander. Der Kulturhistoriker Jost Hermand hatte einst einfach "fortschrittliche Reaktion" über seine Betrachtungen zum selben Thema geschrieben. Hermands leidenschaftlicher, aber distanzierter, oft regelrecht ideologiekritischer Blick auf solche Dinge scheint leider nicht mehr recht in eine Zeit zu passen, in der Kulturgüter vergangener Epochen zusehends nur noch nach den Maßstäben der eigenen entweder affirmiert oder abgeurteilt werden. Dabei wäre es gerade bei einem Phänomen wie dem Symbolismus umso gewinnbringender, ihn nicht nur nach seinen eigenen Regieanweisungen im wohligen Halbdunkel schwummeriger Seancen zu betrachten, sondern unter der kalten Lampe des Materialismus, vor dem diesen zarten Seelen so ekelt. Den Berliner Freunden der Nationalgalerie kann man nämlich rückhaltlos zu einem gelungenen Blockbuster gratulieren, dessen Aktualität sich schon daraus ergibt, dass sich Ausstellungen zu diesem Themenkreis seit geraumer Zeit auch in New York, Paris oder London auffällig häufen und Fortschritts- wie Rationalitätsskepsis auch heute wieder erstaunlich kulturprägend geworden sind.

Wirklich dunkel wird es, wenn man die Bilder der Gräuel im Kongo aus derselben Zeit hinzudenkt

Aber gerade der Ennui am Materiellen braucht traditionell eine massive materielle Basis. Und Ausstellung und Katalog erwähnen zwar durchaus, allerdings eher en passant, dass das junge Belgien damals wirtschaftlich und kulturell nicht zuletzt auf Kosten seiner Kolonien prosperieren konnte. So richtig dunkel und dekadent werden die Traumbilder jener Belgier aber erst dann, wenn man sie sich als Pendants zu den Fotos von abgehackten Kinderhänden aus dem Kongo denkt. Dabei ist gar nicht die Frage, ob und was genau diese Maler von den Grausamkeiten in der Privatkolonie ihres Königs wussten. Symbolistisch gesprochen: Ihre Bilder ahnen es für sie. Als eminent bürgerliche Künstler für eine eminent bürgerliche Kundschaft sind sie zwangsläufig verstrickt in exakt die Wirtschaftsordnung, vor deren brutaler Diesseitigkeit sie malend oder bildhauernd die Augenlider senkten, um in rauschhafter Begeisterung für die eigene Empfindsamkeit nach innen zu schauen. Das in dieser großartigen Ausstellung nicht mitsehen zu wollen, wäre leider genauso geschichtsvergessen wie der dumme, allerdings modische Reflex, solche Kunst deswegen womöglich gar nicht mehr vor Augen haben zu wollen.

Denn das wiederum würde einen nicht zuletzt um die Pointe bringen, wie nah ausgerechnet manche der belgischen Symbolisten formal an den heroischen Arbeiterfiguren ihres Landsmanns Constantin Meunier waren - den strahlenden Vorbildern aller sozialistischen Realisten.

Dekadenz und dunkle Träume: Der belgische Symbolismus. Alte Nationalgalerie Berlin. Bis 17. Januar. Katalog 32 Euro.

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Quelle:
SZ vom 26.09.2020
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