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Ausstellung zu Dora Maar in London:Doppelkopf

Hätte der Surrealismus doch nur mehr von ihrer Art gekannt: Die Londoner Tate Modern würdigt das Werk der visionären Fotografin und Malerin Dora Maar, von der auch Pablo Picasso vieles gelernt hat.

Das Mädchen hatte entschieden, seinen langen französischen Namen Henriette aufzugeben und den zweiten, Théodora, auf "Dora" zu verkürzen. Ihren Nachnamen Markovitch sollte die im Jahr 1907 in Paris geborene junge Frau dann ein paar Jahre später auch dreingeben. Als Dora, die eigentlich als Malerin ausgebildet war, Anfang der Dreißigerjahre nach einem Abstecher zur École technique de photographie et de cinématographie in Paris gemeinsam mit Pierre Kéfer ein Fotostudio eröffnete, nannte sie sich in der Ankündigung Dora Maar. Das klang internationaler und zeitgemäß knapp.

Wie andere Künstlerinnen der Avantgarde - beispielsweise die Fotografin Claude Cahun - wird auch Dora Maar von ihrer großbürgerlichen Familie unterstützt. Der Vater Joseph, ein gebürtiger Kroate, ist ein gefragter Architekt, der in Argentinien von lukrativen Aufträgen lebt, die Mutter Julie Voisin besitzt ein Ladenlokal in Paris. Schon Mitstudentinnen erinnern sich an die Ausstrahlung der eleganten Dora. Sie pendelt zwischen Europa und Südamerika und kann es sich leisten, neben ihrem Werk auch ein Image zu entwickeln.

Doch Dora Maar wird das nichts nutzen. Denn im Winter des Jahres 1935 lernt sie Pablo Picasso nennen. Und sie wird Kunstgeschichte, als Geliebte und Muse des Malers unsterblich, aber erst in zweiter Linie, immerhin, als Künstlerin, die Seite an Seite mit ihm arbeitete. Noch im Jahr 2001 feiert eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst "Dora Maar & Picasso" diese Begegnung. Aber ihr eigenes Werk ist kaum sichtbar. Erst jetzt wird es für das Publikum wirklich erschlossen.

Die Tate Modern in London gibt in der ihr gewidmeten Schau vor allem den Fotografien Raum und entfaltet das Werk chronologisch. Es setzt ein mit Modefotografien für Magazine, was inhaltlich sinnvoll ist in Bezug auf die Konstruktion des künstlerischen Selbst. Der Fotografin, die Porträts, Abendkleider und Kosmetik inszeniert, ist ganz offensichtlich schnell aufgefallen, dass das Phänomen der "modernen Frau" weniger ein Fakt denn eine Fiktion ist. Wenn Dora Maar im Atelier Badeanzüge fotografiert, wirken die Modelle wie Statuen in klassisch-stürzenden Posten und werden in der Modestrecke gekippt und mit dem Wellenmuster eines Pools überblendet gezeigt. Den nackten, glatten Körper der kulthaft verehrten Assia Granatouroff stilisiert Maar in Erotik-Magazinen wie Séduction, Beauteés und Secrets de Paris wie den einer Athletin, zu präsent, um sich einem Betrachter anzubieten.

Sie fotografiert Fleischerinnen in einer Markthalle, Arbeiterinnen in schmierigen Overalls, sie ist eine sensible Dokumentaristin

Gleichzeitig streift die Fotografin mit einer Rolleiflex durch Paris, wandelt zwischen fotografischen Techniken und Stilen, die damals noch nicht allzu streng abgegrenzt waren, und nimmt Schaufenster, Passanten oder Straßenpflaster auf. Bei Reisen nach Barcelona oder London beweist sie sich als feinfühlige Dokumentaristin, fotografiert Fleischerinnen in einer dunklen Markthalle, Arbeiterinnen in schmierigen Overalls und eine Alte am Eingang der Midland Bank im Zentrum von London. Die Abzüge sind sorgfältig durchgearbeitet und überraschend groß, wenn man bedenkt, dass es für Fotografie keinen Markt gab. Maar, die ausgebildete Malerin, behandelte sie als vollgültige Bilder.

Von der technischen Raffinesse und künstlerischen Unbekümmertheit profitieren dann auch ihre wohl beeindruckendsten Experimente, die surrealistischen Motive, meist Collagen. Karolina Ziebinska-Lewandowska schreibt im Katalog, dass Dora Maar schon von frühester Jugend an einen Sinn für das Absurde gehabt habe. Eine versehentliche Doppelbelichtung aus den frühen Zwanzigerjahren fesselte die Anfängerin so, dass sie dem geisterhaften Effekt einige Versuche hinterher schickte. Als sie auf die Gruppe der Surrealisten trifft, freundet sie sich nicht nur mit den theoretischen Prinzipien der Bewegung an, sondern ist sichtbar fasziniert von dem Versuch, allen Konventionen der visuellen Kunst zu entkommen.

Ein gewaltiger Korallenbaum bauscht sich über Wellen wie ein Unterrock: Was ist Wirklichkeit auf Fotografien?

Es entstehen Collagen, in die alles einfließt, was diese Künstlerin beherrscht, nicht zuletzt die perfekte Fotomontage. Sie komponiert sie aus fertigen Fotografien, die sie retuschiert und dann mit einer Großformats-Kamera noch einmal aufnimmt. Das Ergebnis sind gespenstisch glatte Illusionen, die sich von den zusammengepusselten Motiven der Mitstreiter abheben und die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt einer Fotografie überhöhen: Ein gewaltiger Korallenbaum bauscht sich über Meereswellen wie die Rüschen eines Unterrocks, am Strand schaut ein Ofenrohr in die Ferne. 1934, kurz bevor sie Picasso kennengelernt, montiert sie visionär die Köpfe von siamesischen Zwillingskälbchen als "Untitled (Strange fountain)" auf einen in Paris aufgenommenen Sockel.

Im Winter 1935 ist Pablo Picasso an einem toten Punkt seines Lebens angelangt; die Ehe mit Olga Ruiz hat sich erledigt. In seiner Heimat Spanien herrscht Bürgerkrieg, er sucht nach einem neuen Aufbruch. Dora Maar nimmt ihn mit in die Dunkelkammer. Zwar hat Picasso sich stets für Fotografie interessiert, bis dahin aber lieber Porträtisten in sein Atelier geladen, die ihn im Schaffensprozess heroisieren durften. Dass man mit Fotos malen kann, lichtempfindliche Platten mit Farbe zustreichen, diese abkratzen und den Rest belichten, das bringt ihm Dora Maar bei. Zeugnis dieser gemeinsamen Experimente ist das heftig überarbeitete Profilbild, das Picasso von Maar aufgenommen hat; ihr - eigentlich geschlossenes - Auge hat er mit leichten Strichen weit geöffnet.

Auch wenn Dora Maar rückblickend ihren Einfluss auf Picasso herunterspielen wird ("Ich habe ihm nur die Technik vermittelt"), werden die beiden gemeinsam arbeiten, erst in ihrer Dunkelkammer und dann in seinem Atelier, in dem Dora Maar wieder zu malen beginnt. Dort begleitet sie auch die Entstehung von "Guernica", einem Gemälde, dessen dramatisches Schwarzweiß direkt aus der Beschäftigung mit Fotografie zu resultieren scheint. Dieser Moment wird in wandfüllenden Fotografien in der Londoner Tate noch einmal akzentuiert. Doch sind die verspielten, brillanten kleinen Collagen die große Überraschung. Nein, man möchte dieser Künstlerin, die 1997 verstarb und ein halbes Leben lang über ihre Zeit mit Picasso befragt wurde, mehr einräumen als einen festen Platz im Kanon. Man wünscht sich, es hätte im Surrealismus mehr Künstler mit ihrer Sensibilität und dieser hellsichtigen Souveränität gegeben. Diese Bewegung von verklemmten Erotomanen und todernst Albernden hätte von ihrer Leichtigkeit und Souveränität profitiert.

Dora Maar. London, Tate Modern. Bis 15. März. Vom 21. April bis zum 26. Juli im J. Paul Getty Museum im Getty Center in Los Angeles. Der Katalog kostet 40 Euro.

© SZ vom 28.01.2020