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Ausstellung:Zeichenstifte und Weingummis

Chris Riddell

Chris Riddells Illustration zu Neil Gaimans Märchenroman "Der Fluch der Spindel".

(Foto: Chris Riddell)

Chris Riddells Figuren sind der charakterlichen Schrulligkeit verpflichtet. Eine Ausstellung in der Internationalen Jugendbibliothek präsentiert die Arbeit des Illustrators

Von Andrea Schlaier

Geht ja nicht anders an diesen gottverdammten Sonntagen auf den knochenharten Kirchenbänken. Als Kind bleibt einem nur mehr die Wahl zwischen Apathie und Action. Chris Riddell wählte letzteres. Das verkürzte dem Jungen auf durchaus heitere Art das Warten darauf, dass sein Vater, Pfarrer der Church of England, da vorne endlich mit seiner Predigt durch war. Was man dann halt so macht: dem Vordermann sachte mit gespitzten Lippen unter den Haaransatz blasen, herrenlose Gegenstände behutsam durch den Mittelgang rollen, Kurzweil für Christenkinder.

Etwas in ihrer Andacht beeinträchtigt fühlte sich allein Riddells Mum. Wie so oft in erzieherischen Fragen, half auch in diesem Fall Bestechung weiter: "Wenn du still bist, so lange Papa spricht, bekommst du Papier und Stift zum Malen", offerierte die Mutter dem zeichenhungrigen Sohn. Der schlug ein und delektierte sich fortan anderweitig. Von der kindlichen Kunst entzückt, steckte ihm eine betagte Banknachbarin gütig Weingummis aus ihrer Margaret-Thatcher- Handtasche zu. "Da wusste ich, das ist es, was ich machen will: Zeichnen und mit Weingummis gefüttert werden!" So sei er geworden, sagt Chris Riddell, was er heute ist: einer der bekanntesten Kinderbuchillustratoren Großbritanniens und politischer Karikaturist des Observer. In seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland zeigt der 53-jährige Brite einen Querschnitt der phantastisch skurrilen Kinder- und Jugendbuch-Arbeiten in der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg..

Dem Team um Kuratorin Claudia Söffner ist damit in vielerlei Hinsicht eine repräsentative Schau gelungen: Weil man den vielfach ausgezeichneten Künstler überhaupt verpflichten konnte, obwohl der vergangenen Sommer gerade zum britischen "Children's Laureate" ernannt worden war und damit für zwei Jahre im Dauereinsatz ist, Kinder auf der Insel zum kreativen Krickelkrakel zu animieren. Er ließ die Ausstellungsmacherin Söffer in sein Haus und gab ihr auf die Heimreise das mit: 100 schwarz-weiße und farbige Original-Illustrationen samt ausgewählter Skizzenbücher. Allesamt sind sie nun in München ausgestellt und eröffnen einen komischen Kosmos aus verschrobenen Kreaturen und eigensinnigen Helden. Schließlich lockten die Bücherfrauen den Mann aus Brighton noch zur Vernissage in die Blutenburg, wo dieser in Monthy-Python-tauglichem Parlando mit seinem deutschen Übersetzer Thomas Merk überquoll vor Anekdoten.

Vielschichtig sind die Darstellungen der Geschäfte in den weit mehr als 150 Kinder- und Jugendbüchern, die der Brite in den vergangenen 30 Jahren illustriert hat. Ob es das Antlitz eines Monsters, des Mädchens Ottoline oder das von Don Quichotte ist: Mit feinem Strich und detailreicher Ausgestaltung ist bei ihm ein Gesichtsausdruck in der Lage, die Zerrissenheit einer ganzen Existenz zu transportieren. Und natürlich auch - very british - deren Exzentrik und Skurrilität. Hier fühlt sich einer nicht der äußeren Schönheit, sondern der charakterlichen Schrulligkeit verpflichtet. Und doch bleibt ein Rest Zerbrechlichkeit.

Diese Fülle an Ausdruck, Ideenreichtum und technischer Virtuosität machen Riddells Illustrationen etwa bei Klassikern wie "Jonathan Swift's Gulliver" (der in der Jugendbibliothek lebensgroß als hinreißender Pappkamerad von der Decke baumelt) oder "Don Quichote", beide nacherzählt von Martin Jenkins, zu meisterhafter Kunst. Im Wehrgang der Blutenburg kann man sie abschreiten, die verschrobene Riddell-Familie: Ada von Goth ist dabei, Twig bei den Himmelpiraten aus der Fantasy-Jugendbuchreihe "Die Klippenland-Chronik", die er, wie vieles andere, zusammen mit Paul Stewart geschrieben hat. Und natürlich das herzanrührende "Irgendwie Anders" (im Original "Something Else") der Bilderbuchautorin Kathryn Caves. Für die Geschichte des haarigen Außenseiters gab's den Unesco-Preis für Kinder- und Jugendliteratur im Dienst der Toleranz. Nach dem Rundgang durchs eigene Ausstellungswerk macht Chris Riddell keinen unzufriedenen Eindruck, wie der passionierte Instagrammer wissen lässt (www.instagram.com/chris_riddell). Man sieht einen Menschen, die Arme hinterm durchgedrückten Rücken verschränkt. Stolz steht er da, wie ein Junge im Weingummi-Himmel, den Blick bewundernd auf die ihn umgebende Bildergalerie gerichtet: "At the International Youth Library in Munich - Shamelessly admiring my own work" steht in Großbuchstaben daneben.

Chris Riddell: Auf der Suche nach vollkommener Verschrobenheit, Monatg bis Freitag, 10-16 Uhr, Samstag und Sonntag, 14-17 Uhr, Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg, 891 21 10, bis 19. Juli

© SZ vom 23.02.2016

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