Ausstellung Wo Götter über Scherben wachen

"Primadonna Porzellan" - ein Besuch bei der Porzellankünstlerin Karen Müller in Elmau anlässlich ihrer grandiosen Ausstellung im Buchheim Museum in Bernried

Von Sabine Reithmaier

Am Schloss vorbei und an der Brücke links, hat der Mann gemutmaßt, der die Mautgebühr kassiert. Ganz sicher ist er sich nicht, wo genau im Elmauer Tal Karen Müller wohnt. Die Wolken hängen tief an diesem regnerischen Tag, die schmutzigbraunen Wiesen weisen noch keine Frühjahrsspuren auf. Wer es in dieser Abgeschiedenheit dauerhaft aushält, giert nicht nach schnellem Erfolg. Die Porzellankünstlerin Karen Müller lebt schon seit 1959 im Tal, formt und brennt hier ihre grandiosen Schalen und Figuren.

Stufen führen hinunter zu ihrem Wohn-Atelierhaus direkt am Kaltenbach. Gleich neben der Eingangstür wiegen sich große Porzellanschalen, Müllers Markenzeichen und technische Meisterwerke mit einem Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern. Die intensiv leuchtenden Farben entstehen durch Metalloxide, die sie der Porzellanmasse zusetzt. "Die hier gehört zum Zyklus ,Acht Tage'", sagt Karen Müller und klopft auf eine innen vergoldete Schale, in die sich ein strahlendes Blau ergießt. 2003/04 hat sie den Zyklus zum biblischen Schöpfungsbericht ein Jahr im Berliner Schloss Bellevue ausgestellt. Und der Textvorlage eine eigenwillige Ergänzung hinzugefügt: den achten Tag, an dem es erst richtig los geht mit der Menschheitsgeschichte. Schöpfung als offener Prozess.

Weiter in den Wohnraum mit großen Fenstern und zierlichen Thonetstühlen. Die hat sie in den Neunzigern in Pariser Trödelläden gesammelt, als sie dort ein zweites Atelier hatte. Karen Müller bringt Tee. Die weißen Schalen sind hauchzart, das Licht schimmert durch. "Die Glasur ist dichter als der Scherben", sagt Müller. Gebrauchsgeschirr stellt sie nur für private Zwecke her, weil die Schalen wahnsinnig teuer sein müssten angesichts der Zeit, die sie in die Herstellung investiert. Vielleicht gäbe es trotzdem Käufer. Karen Müller überlegt und schüttelt ihre roten Locken. "Kann ich mir fürs Alter überlegen, wenn ich keine großen Sachen mehr mache."

Im Moment denkt die 76-Jährige aber noch großformatig, wie die Ausstellung im Buchheim Museum beweist. Karen Müller hat für sich nicht nur das "Promenadendeck", den Flur zwischen Kasse und Steg, erobert, sondern auch das mittlere Turmgeschoss, das seit der Museumseröffnung die Figuren des Holzbildhauers Hans Schmitt besetzt hielten. Dort kommen ihre Skulpturen großartig zur Geltung.

All ihre Arbeiten erzählen Geschichten. "Vielleicht hat alles, was ich mache, damit zu tun, dass ich allein lebe." Manchmal ist es eine Sequenz, eine Verszeile, die plötzlich wieder auftaucht. "Vor jeden Neubeginn stellen die Götter die Wächter der Angst" - den Satz pflegte ihre Mutter zu zitieren. Müller schuf daraus dicht stehende Figuren, die auf den ersten Blick wie eine abweisende Wand wirken. Wer seine Angst bewältigt, kann durchschlüpfen, sich weiter entwickeln, Neues schaffen.

So wie Karen Müller es immer und immer wieder gemacht hat. Geboren ist sie in Hillgroven an der Nordsee, fast an der dänischen Grenze. Die Eltern, Großgutshofbesitzer, bestanden auf einer landwirtschaftlichen Lehre, obwohl die Tochter lieber Sport studiert hätte. Weil sie sich brav fügte, schenkten ihr die Eltern einen Urlaub in Schloss Elmau, damals kein Luxus-Resort, sondern ein Refugium zivilisationskritischer Geister, berühmt für seine Tanzabende. Dort lernte sie, 17 Jahre alt, ihren Mann kennen und beschloss zu bleiben. 1959 heiratete sie Frank Müller, Enkel des Schloss Elmau-Gründers Johannes Müller. Es folgten drei Kinder und die Versuche, als Fotografin künstlerisch zu arbeiten. 1972 zerbrach die Ehe, Karen Müller zog mit den Kindern ins "Waschhaus" am Bach. "So fing das Abenteuer an."

Es bedurfte zweier Keramikerinnen, bis es gelang, die junge Frau davon zu überzeugen, dass Porzellan ihr Medium war: erst Anna de Carmel, die Müller zu Lucie Rie, der Ikone der englischen Keramik, nach London mitnahm. Die zwei jüdischen Frauen hatten in Wien an der Kunstgewerbeschule studiert, bis sie 1938 emigrieren mussten. Obwohl sie während der Schoah fast alle Familienangehörigen verloren, "haben sie mich herausgepickt und gefördert". Kein Hass, keine Rachegefühle gegenüber Deutschen - das und die zarte Keramik Ries beeindruckten Müller tief.

37-jährig entschied sie sich, von vorn anzufangen. Machte in Unterammergau eine Lehre als Keramikerin, legte 1979 die Gesellenprüfung ab, richtete sich eine Werkstatt ein. An der Akademie zu studieren, kam nicht mehr in Frage, dafür war sie zu alt. Aber sie hospitierte in der Keramikklasse, gewann bald einen ersten Wettbewerb, einen Brunnen in Kloster Heggbach bei Ulm. Allerdings weigerte sie sich, ihren "bombastischen Entwurf" auszuführen, als sie den stillen Platz vor dem Kloster sah, folgte lieber den Spuren Franz von Assisis, setzte den Text der Vogelpredigt plastisch um. "Ein Jahr lang habe ich Blut und Wasser geschwitzt, aber durch die permanente Überforderung viel gelernt."

Mit 45 erhielt sie den Bayerischen Staatspreis, weitere hohe Auszeichnungen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Japan und den USA folgten. Die Jahre waren arbeitsreich, denn Karen Müller war darauf angewiesen, ihre Objekte zu verkaufen, um ihre Familie zu ernähren. Auszeiten gestattete sie sich nur gedanklich. Ein Sehnsuchtsort war eine Bank, die oberhalb des Ateliers auf einem Hügel steht. Während sie unten schuftete, beobachtete sie die Menschen, die dort saßen, über unendlich viel Zeit verfügten, kein Geld verdienen mussten, endlos plauderten. "Ich dachte mir, ach, einmal bloß so dasitzen und ratschen." Die Sehnsucht verpackte sie in den Achtzigerjahren in eine kleine Gruppe, fünf Menschen von hinten auf einer Bank. Für das Buchheim Museum hat sie die Gruppe "Auf der Bank" groß gemacht. "Obwohl ich nicht mehr dort sitzen möchte."

Hinter den fünf Banksitzern hängt eine "Skizze". So nennt Karen Müller die großen Bilder, die den Plastiken vorangehen. "Erst die Skizze, dann habe ich genügend Zeit, das Motiv in Porzellan umzusetzen." Das gelingt nicht immer. Der technische Aufwand ist gigantisch. Von zehn großen Schalen gehen acht oder neun während des Brennens kaputt. Der unbarmherzige Werkstoff zwingt sie ständig dazu, die Grenzen auszuloten - die eigenen, aber auch die des Materials. Niederlagen gehören zum Alltag. Und körperliche Schwerstarbeit auch. Egal ob sie den 50 Pfund schweren Kaolinbatzen 25 Mal über den Kopf schwingt und vor sich auf ein Brett knallt - eine stecknadelgroße Luftblase in der Masse kann alles kaputt machen - oder ob sie die Schalen auf der Scheibe dreht und deren große Spannung aushält oder ob sie die ungebrannten Teile in den Brennofen hievt.

Die erste Gruppe der "Banksitzer" ist übrigens zerbrochen. Trotz des physikalischen und chemischen Wissens, trotz der "Fehlerbücher", die Karen Müller seit Jahrzehnten führt. Trotzdem macht sie weiter ihre Gruppen und Paare, letztere ein lebenslanges Motiv. "Wahrscheinlich, weil ich lange Zeit den Wunsch hatte, als Paar zu existieren." Ihre Schalen kommunizieren wirklich miteinander. "Sie tanzen", sagt Karen Müller. Vermutlich so gut wie ihre Schöpferin, die auch hier nach Perfektion strebt: Die argentinische Tangolehrerausbildung hat sie zweimal absolviert.

Karen Müller. Primadonna Porzellan; Buchheim Museum Bernried, bis 17. Juli