Ausstellung:Weltenretter, was sonst

Es sexualisiert, kolonialisiert, manipuliert: Eine Schau in München untersucht die Machtstrukturen von Design.

Von Laura Weißmüller

FRIEDRICH VON BORRIES. POLITICS OF DESIGN, DESIGN OF POLITICS, Pinakotheken München

Friedrich von Borries, Manifest, 2018.

(Foto: Ingo Offermanns)

Dass diese Schau anders sein will, macht schon ihr Auftakt klar. Normalerweise wird der Besucher in der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne ja von einem strahlend weißen, turmhohen Setzkasten empfangen. Geradezu reliquienartig werden darin Designobjekte präsentiert. Stühle, Sessel, ein Motorrad. Alles hell erleuchtet, fast schon in den Himmel gehoben und damit fern jeder Kritik. Tritt ein und verehre, lautet die nicht gerade bescheidene Botschaft. Friedrich von Borries hält davon nichts und hat ein pechschwarzes, ebenso hohes Gerüst vor den Heiligenschrein geschoben. Große Versalien schmettern darauf Vorwürfe gegen das, was darin ausgestellt wird. Es: Sexualisiert! Kolonialisiert! Manipuliert! Um nur drei der zwölf Anklagepunkte zu nennen, die der Gastkurator von Borries gegen das Design in Stellung bringt.

Es dürfte kein Zufall sein, dass in Deutschland gerade zwei wichtige Designausstellungen exakt den gleichen Titel tragen und zwar "Politics of Design". Sowohl die Schau in München als auch die im Vitra Design Museum in Weil am Rhein über den Designer, Aktivisten und Visionär Victor Papanek (SZ vom 23.11) beschäftigen sich mit der Verantwortung von Design in einer globalen Welt. Auch wenn sie das höchst unterschiedlich tun, liegt der Schluss nahe: das Design sitzt offenbar nicht nur auf der Anklagebank, es steckt momentan auch in der Krise. Nicht endende Müllberge und der Klimawandel machen immer mehr Menschen klar, dass ein ungebremster Massenkonsum zumindest seinen Preis hat. Die Geschlechterdebatte hat die Welt der Gestalter erreicht, die in der Vergangenheit Frauen als Ausnahmeerscheinungen wahrnahm (oder noch lieber als Ehefrauen und Assistentinnen von), Männer dagegen als geniale Meister. Und wie tief das Design in einem kolonialistischen und rassistischen Weltbild verwurzelt ist, wird auch langsam deutlich. Was uns da also auf Instagram, in Hochglanzheften und Werbebannern so sanft umschmeichelt, hat das Zeug zum Sündenbock der ganzen Welt.

Nur wo fängt man an in einer Ausstellung, wenn die Vorwürfe so allumfassend sind? Friedrich von Borries' Antwort darauf ist ziemlich clever, was damit zu tun haben dürfte, dass er so vieles ist und noch mehr macht. Er ist studierter Architekt und lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, er schreibt Essays und Romane, auch ein Kinderbuch ist darunter, nicht zuletzt arbeitet er aber auch immer wieder als Künstler unter seinem Pseudonym Mikael Mikael. Elke Buhr vergleicht Borries' Art, sich seinen Themen zu nähern im Katalog denn auch mit den Strategien zeitgenössischer Konzeptkunst: "Kontexte recherchieren, mit ihnen arbeiten und sie dann abrupt wechseln; die Idee nach vorne stellen, nicht das Objekt; Dinge so lange auf den Kopf stellen, bis man sie nicht mehr wiedererkennt, dafür aber etwas Neues gelernt hat; gegen die Verhärtungen der Realität die Fiktion setzen."

FRIEDRICH VON BORRIES. POLITICS OF DESIGN, DESIGN OF POLITICS, Pinakotheken München

Elektroklon, München 2018, Twitterbot von Robert und Ilona Meisenecker.

(Foto: Ilona Meisenecker)

Wer sich so klug mit einer Sammlung beschäftigt, kann darin die Welt entdecken

Genau dies tut nun Borries mit der Sammlung in München, die ja eine der größten Designsammlungen überhaupt auf der Welt ist. Schlaglichtartig greift er sich jeweils einen Aspekt heraus, angefangen beim VW-Käfer bis zum Entwurf einer post-nationalen Demokratie, an deren Gestaltung in Workshops in den kommenden Monaten gearbeitet werden soll. Borries' zwölf Punkte bauen dabei weder chronologisch aufeinander auf, noch haben sie den Anspruch auf Vollständigkeit. Tatsächlich zeigen seine Eingriffe aber, wie man mit einer derart umfassenden Sammlung, die ja nicht nur ein Schatz ist, sondern auch einen ziemlich großen Platz in den Ausstellungsräumen beansprucht und deswegen Wechselausstellungen notorisch an den Rand bugsiert, so umgehen kann, dass daraus eine zeitgenössische, kritische und nicht zuletzt unterhaltsame Schau wird. (Etwa indem der Besucher anhand von agitpropartigen Sprechblasen durch die Räume gelotst wird.) Ein Lehrstück in Zeiten, in denen Ausstellungsbudgets knapp sind und es immer teurer wird, Exponate zu verschicken. Wer sich nur klug genug mit der jeweiligen Sammlung beschäftigt, kann darin die Welt entdecken.

In München wäre das etwa der Handelskrieg in Japan. Der Kurator hat dafür ein hölzernes Büfett aus dem 19. Jahrhundert gewählt, extrem reduziert in seiner Formensprache und damit scheinbar ein Beispiel für traditionelles japanisches Kunsthandwerk. Dabei war diese Art der Gestaltung nur die Reaktion auf die Marktöffnung, die damals die USA von Japan erzwungen haben. Das scheinbar authentische Objekt wird zum Zeichen des Kolonialismus. Auf dem Büfett wiederum sind so farben- wie formschöne Sony-Walkmans arrangiert. Wer Lust am Dechiffrieren hat: Die Walkmans stehen für den Siegeszug der japanischen Technik-Riesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Niedergang des Westens einläuteten. Man kann sich aber auch einfach an den hübschen Formen dieser Kästchen erfreuen und dem Design dieser heute schon nostalgischen Geräte.

So funktioniert das bei allen zwölf Stationen. Sie haben stets mehrere Ebenen, man muss sie als Betrachter aber nicht alle mitreflektieren, um Spaß an der Ausstellung zu haben. Wer will, kann etwa die sogenannte Le Corbusier-Liege in ihrer umwerfenden Form eines liegenden Menschen einfach nur bewundern. Wer auf die Beschriftung achtet, wird dabei erkennen, dass sich hier ein Machtverhältnis leicht verschoben hat. Obwohl nicht Le Corbusier allein die Liege 1928 entwickelt hat, sondern auch Pierre Jeanneret und vor allem Charlotte Perriand daran beteiligt waren, heißt sie nach wie vor "LC4". In München steht dagegen nun "CP4". Nicht mehr, nicht weniger.

FRIEDRICH VON BORRIES. POLITICS OF DESIGN, DESIGN OF POLITICS, Pinakotheken München

Gastkurator Friedrich von Borries will die Dinge so lange auf den Kopf stellen, bis man sie nicht mehr wiedererkennt, dafür etwas Neues gelernt hat.

(Foto: Thomas Schweigert)

Auch das ist Design: sich über die Gestaltung der Demokratie von heute Gedanken zu machen

Wer wird genannt, wer nicht - auch das ist ein Zeichen von Macht. Tatsächlich geht es in allen zwölf Punkten stets um sichtbare und unsichtbare Machtverhältnisse, gerade im Museum. Aufzudecken wie die Strukturen verlaufen, ist gerade hier wichtig, gilt das Museum doch immer noch als sakrosankter Raum. Dem Kurator - siehe Setzkasten - nicht. Deswegen veranstaltete Borries im Vorlauf der Ausstellung auch einen offenen Designwettbewerb, wo jeder mitmachen konnte und die Jury extern besetzt war, weshalb jetzt Schrottskulpturen und Vulva-Modelle zwischen Stahlrohrmöbeln und Jean Proust-Stühlen stehen. Im Paternoster ziehen derweilen in weißer Luftpolsterfolie verpackte Objekte von Mikael Mikael, also Borries' Künstler-Alter-Ego, ihre Kreise, um klar zu machen, dass eine Schenkung an ein Ausstellungshaus immer auch ein museumspolitischer Akt ist. Versucht sich der Schenker doch damit einen Platz in der Öffentlichkeit zu sichern und zwar zu seinen Konditionen.

Klingt intellektuell verkopft? Ist es auch und wer Friedrich von Borries' -Rutsche aus einem Thonet-Stuhl (um die Disziplinierungsmaßnahme, die jeder Stuhl an seinem "Besitzer" durchführt zu hinterfragen) vor seinem inneren Auge von einem Kleinkind ausprobieren und dadurch auch zerstören lässt, könnte leicht genervt reagieren angesichts dieses etwas arg dünnen Totalangriffs aus Papier und Leim. Doch die Ausstellung stellt die richtigen Fragen, und sie stellt sie so, dass sie weh tun. Denn warum etwa empfängt Deutschland seine politischen Gäste nach wie vor mit militärischem Tamtam so als gelte es, einem potenziellen Feind die eigene Stärke vorzuführen? Warum müssen Wähler ihre Stimmzettel sprichwörtlich in die Mülltonne werfen, als handle es sich hier um etwas Wertloses? Oder auch: Warum verleiht Deutschland ein Bundesverdienstkreuz, das in seiner Form an die des Eisernen Kreuzes erinnert, das nicht nur im Kaiserreich, sondern auch im nationalsozialistischen Deutschland vergeben wurde? Auch das ist Design: sich über die Gestaltung der Demokratie von heute Gedanken zu machen.

"Gutes Design befreit die Welt" lautet ein Satz aus Friedrich von Borries' Manifest. Man könnte ergänzen: Eine gute Ausstellung befreit eine Sammlung aus ihrem starren Korsett. Für die Designwelt ist das dringender denn je.

Politics of Design. Design of Politics: Die Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne, München. Bis 29. September 2019, der Katalog kostet 20 Euro. Infos unter www.die-neue-sammlung.de

© SZ vom 18.12.2018
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