Ausstellung: "Tracey Emins - 20 years":Ich ist ein Gesamtkunstwerk

Mit 13 Jahren wurde sie vergewaltigt, oder "gebrochen", wie sie selbst es genannt hat. Sie studierte Anfang der achtziger Jahre Modedesign am Medway College und machte eine Druckerausbildung am Maidstone Art College.

Ab 1987 setzte sie diese am Royal College of Art fort. Die dort entstandenen Werke zerstörte sie nach ihrer ersten, katastrophal verlaufenen Abtreibung im Mai 1990. Die damals vernichteten Bilder tauchten später als Miniaturreproduktionen in ihrer ersten WhiteCube-Soloschau "My Major Retrospective 1982 - 92" wieder auf und sind auch in Edinburgh zu sehen. Diese einschneidenden Erlebnisse sowie eine ganze Reihe sexueller Episoden in einer Zeit, die sie als "emotionalen Selbstmord" bezeichnet hat, bilden die Grundlage von Tracey Emins Werk.

Je mehr man über die Künstlerin weiß, desto mehr Bedeutung gewinnen die Memorabilien, die einen Großteil ihrer Werke aus den neunziger Jahren ausmachen.

Rudimentär phallische oder vaginale Formen

So entfaltet das Bric-à-brac der in fünf Holzrahmen präsentierten Installation "My abortion" nur dann die intendierte verstörend intime Wirkung, wenn man weiß, in welchem unmittelbaren Zusammenhang das blutgetränkte Papiertuch, die Tabletten, das Krankenhaus-Plastikarmband mit der Abtreibung stehen, die Emin en détail in einem beigefügten Brief schildert.

Auch die hingehuschten Monoprints im selben Raum, auf denen eine Frau mit gespreizten Beinen auf einer Art Bahre zu sehen ist, behandeln dasselbe Thema. Diese Art kleinformatiger Graphiken, meist mit rudimentär phallischen oder vaginalen Formen, entstehen über die Jahre immer wieder.

Jedes Stück hier ist Biographie: Im Video "CV - Cunt Vernacular" erzählt Emin ihr Leben bis Ende 1997 nach, während die Kamera durch ihre unordentliche Wohnung schweift, bis sie schließlich bei der Künstlerin zum Stehen kommt, die nackt und zusammengekauert auf dem Boden liegt.

In "The Perfect Place to Grow" (2001) kann man durch ein Loch in der Wand einer alten Hütte einen kleinen Film-Loop von Emins Vater betrachten, der ihr eine Blume überreicht.

Als eigenständige Kunstwerke funktionieren die Stücke am besten, die ein wenig Abstand von der Schöpferin gewinnen: die annähernd abstrakte, zarte Aquarellserie "Berlin the Last Week in April" (1998) oder das seltsam rührende, Beuys-hafte "Self Portrait (Bath)" (2005): Bambusrohre, die wie Beine aus einer mit Stacheldraht gefüllten Zinkwanne ragen.

Und doch ist es zweifellos die mehr als einmal die Grenze zur unangenehmen Plattheit bewusst überschreitende, ungefilterte Selbstentblößung, die das Gros dieser Schau ausmacht.

Daher bleibt in Edinburgh letztlich eine Leerstelle - da, wo die Künstlerin sein müsste, der exhibitionistische Fixstern, um den die autobiographischen Bruchstücke kreisen. Und so fragt man sich schließlich, ob man nicht doch noch mehr über das künstlerische Vermächtnis Tracey Emins erführe, würde man regelmäßig ihre Stammkneipe The Golden Heart in Spitalfields aufsuchen. Dort kann man sie mit etwas Glück in Ruhe als Gesamtkunstwerk studieren.

"Tracey Emin - 20 Years" in der Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh, bis 9. November. Info: www.nationalgalleries.org, Katalog: 14,95 Pfund.

© SZ vom 2.9.2008
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