Ausstellung Tiger mit sanften Augen

Das Museum Rietberg in Zürich zeigt die sagenhaften Bilder des Japaners Nagasawa Rosetsu, die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden.

Von Charlotte Theile

Das Zürcher Museum Rietberg umgibt eine schöne Parkanlage. Einen sonnigen Tag im Schatten der uralten Bäume ausklingen lassen, das ist für viele Zürcher bereits ein geglücktes Abendprogramm. Und wenn man schon da ist, schaut man natürlich, was gerade im Museum ausgestellt wird. An dem Tiger mit den sanften Augen, der in diesen Wochen überall in der Stadt zu sehen ist, kommt man nicht vorbei. Das Raubtier wohnt hier im Keller. Wer ihn sehen will, sollte genau wissen, wonach er sucht - und Zeit mitbringen. Das Werk des japanischen Künstlers Nagasawa Rosetsu, das noch bis zum 4. November ausgestellt wird, ist so umfangreich wie vielfältig.

Dass Rosetsu in Zürich gezeigt wird, ist eine Sensation. Der japanische Künstler, er lebte von 1754 bis 1799, fertigte seine Zeichnungen vor mehr als 200 Jahren an. Es sind häufig Beobachtungen des japanischen Alltags, humorvolle Szenen, in denen Kinder, Tiere und wildromantische Landschaften ineinander verwoben werden, die er auf Papier oder Leinwand festgehalten hat. Kuratorin Khanh Trinh beschreibt die Funktion der damaligen Kunst in Japan als "funktional". Mit Bildern wurden Wände, Stellschirme und Hängerollen verziert.

Nagasawa Rosetsu: Jittoku und der Tiger um 1795, zweiteiliger Stellschirm, Tusche auf Papier, aus dem National Museum in Tokio

(Foto: Katalog)

Eindrücklich zeigt sich das an dem Tempel, den das Museum in der Mitte der Ausstellung nachgebaut hat. Die Originale finden sich im Zen-Tempel in Kushimoto, einer Küstenstadt im Westen Japans. Dass sich das japanische Kulturministerium bereit erklärte, die Werke nach Europa zu transportieren, ist beispiellos. Khanh Trinh, die neben Japan auch koreanische Kunst betreut, führte bei der Vernissage nicht nur schweizerische Journalisten, sondern auch einige japanische Würdenträger durch die Ausstellung. Die Gäste schwanken zwischen Stolz und unauffälligem Überprüfen der Vorsichtsmaßnahmen.

Auf Wunsch der Japaner werden einige der hier gezeigten Werke schon nach vier Wochen ausgetauscht. Darunter zum Beispiel "Kanzan und Jittoku", zwei ungezähmte Burschen, angeregt in ein Gespräch vertieft. Die Tusche-Zeichnung von 1787 zeigt ein wildes ursprüngliches Ideal des Zen-Buddhismus: Zwei Männer, die sich weder die Mühe machen, ihre Haare zu kämmen, noch offizielle Kutten anzulegen, sie sind einfach sie selbst und offensichtlich ganz bei sich. Wie sympathisch dieser Individualismus dem Künstler ist, wird aus jedem Pinselstrich deutlich.

Nagasawa Rosetsu: Gelehrte überqueren eine Brücke, um 1789, Detail einer Hängerolle, Tusche und leichte Farben auf Papier, aus dem "San Diego Museum of Art".

(Foto: Katalog)

Rosetsu stammt vermutlich aus einer Samurai-Familie, die bei Kyoto lebte. Er benötigte einige Jahre, bis er sich seinen großzügigen, eigenwilligen Stil erarbeitet hatte, mit dem er in Japan bekannt wird. Zu Beginn seiner Karriere malt Rosetsu noch in kleinen, detailverliebten Strichen, jedes Haar im Fell seiner Affen ist erkennbar. Im Tempel von Kushimoto ist von dieser Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Der Drache, den Nagasawa Rosetsu auf sechs Schiebetüren im Allerheiligsten des Tempels gezeichnet hat, erinnert an eine mystische Orgie.

Über sechs Meter erstreckt sich ein gewaltiges Ungetüm, geblähte Nüstern, Greifzähne, ein langer Schwanz, der aussieht, als stünde er in Flammen. In der unteren Tür verläuft die Tusche. Auch wenn es unmöglich zu beweisen ist: Die Geschichte, wonach Rosetsu den Drachen in einer einzigen Nacht gemalt haben soll, erscheint absolut plausibel. Berühmter als der Drache ist wohl nur das Tier, das ihm gegenübersteht - ebenso groß und ausschweifend, aber mit etwas mehr Ruhe und Liebe zum Detail gemalt: Der Tiger mit den sanften Augen.

Rosetsu: Fantastische Bilderwelten aus Japan. Museum Rietberg, Zürich. Bis 4. November, Katalog 59 Franken