Ausstellung in Köln:"An den Oststädten sieht man die Dinge oft viel klarer"

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Ausstellung in Köln: Ein Abschiedsbild? Die schwarzen Balken auf Sven Johnes Collage "Nord Stream 1+2" (2022) sind die toten Leitungen.

Ein Abschiedsbild? Die schwarzen Balken auf Sven Johnes Collage "Nord Stream 1+2" (2022) sind die toten Leitungen.

(Foto: Courtesy Sven Johne & Nagel-Draxler / Berlin / Köln / München/VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Sven Johne macht Kunst zu "Nordstream 2" und Putin-Verstehern, die wie Kontrastmittel für die Wirklichkeit wirkt.

Von Kito Nedo

Im August 2020 produzierte Saßnitz, die kleine Ostsee-Hafenstadt auf der Insel Rügen, internationale Schlagzeilen. In einem Brief drohten drei US-Senatoren, den Hafen der Stadt mit US-Sanktionen zu belegen. So wollten sie die Fertigstellung der seit 2018 im Bau befindlichen russisch-deutschen Gazprom-Pipeline Nord Stream 2 verhindern. "Wir müssen der Welt beweisen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen", gab sich der Saßnitzer Bürgermeister damals kämpferisch. Die Aufregung legte sich. Die milliardenschwere deutsch-russische Pipeline wurde fertiggebaut. Aber ans Netz genommen wurde sie infolge der russischen Aggression gegen die Ukraine nicht. Nord Stream 2, die politische Investment-Ruine, ist jetzt das Symbol für die vielen schwerwiegenden Fehler deutscher Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Sie steht auch für die zerplatzten Hoffnungen, die sich in einer strukturschwachen Region mit solch einem Industrieprojekt fast automatisch verbinden.

Wie Trauerbalken wirken die schwarzen Klebestreifen, mit denen der Berliner Künstler Sven Johne die Verläufe der beiden Pipelines Nord Stream 1 und 2 auf der amtlichen Ostsee-Seekarte nachgezeichnet hat. Die Collage mit dem trockenen Titel "Nord Stream 1 +2" ist aus diesem Jahr und derzeit in Johnes Einzelausstellung in Köln zu sehen. Sie ist wohl auch so etwas wie ein Abschiedsbild. Wenn auch Nord Stream 1 in naher Zukunft stillgelegt wird, dann liegen am Grund der Ostsee "zwei tote Leitungen, 1200 Kilometer lang, 17 Milliarden Euro teuer", erklärt der Künstler, der 1976 in Bergen auf Rügen geboren wurde und in den späten Neunzigern und frühen 2000er-Jahren an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hat. Ein gigantisches Unterwasser-Denkmal für die Ära der deutsch-russischen Petropolitik, die jetzt schneller zu Ende gehen muss als geplant.

"Nabel der Welt" heißt eine andere neue Bild-Text-Arbeit von Johne. Es ist ein großformatiges Porträt der Stadt Saßnitz, wo sich Johne im vergangenen Herbst für vier Wochen gemeinsam mit dem Drehbuchautor Sebastian Orlac eingemietet hatte, um mit den Bürgern der Stadt ins Gespräch zu kommen. Am Ende der Recherche produzierte Johne eine knapp zweieinhalb Meter breite und fast anderthalb Meter hohe digitale Collage mit fünfzehn verschiedenen Stadt- und Hafenansichten aus der Vogelperspektive. Es ist ein modernes Historienbild, bei dessen Betrachtung man das paradoxe Gefühl hat, direkt auf die Gegenwart zu schauen. Die Schwarzweißbilder sind hochaufgelöst und gestochen scharf. Unwillkürlich vertieft man sich in die Details, die Ordnung etwa, mit der die Pipeline-Rohre gelagert wurden. Doch was kann man schon wissen von der Saßnitzer Wirklichkeit, wenn man wie ein Flugkörper in sicherer Entfernung über die Oberfläche schwebt?

Der "Osten" ist für Johne eine Art "Modellregion", wo sich Entwicklungen deutlicher abbilden

In die fotografierte Landschaft hat der Künstler mit dem Computer kurze Texte montiert, die sich wie Gedankenblasen von Gastronomen, Immobilienhändlern, Lokalpolitikern, Polizisten, Sozialhilfeempfängern, Corona-Spaziergängern, Fischern und Fischbrötchenverkäufern lesen. Zusammen ergeben sie so etwas wie die mentale Landschaft einer deutschen Kleinstadt. Johne selbst nennt die Text-Miniaturen, die im Laufe einer vierwöchigen Recherche vor Ort entstanden sind, "Hilferufe". Sie erzählen von Effekten des Klimawandels, vom Frust der Corona-Zeit oder den Sorgen um die steigenden Preise, wenn das Geld knapp ist. Die Hafenlandschaft sieht modellhaft aus, die Zitate sind fiktional verfremdet.

Ausstellung in Köln: Der Pegida-Demonstrant wendet sich mit seiner Videobotschaft direkt an Putin: Für "Dear Vladimir Putin" (film still, 2017), verpflichtete Sven Johne einen Schauspieler.

Der Pegida-Demonstrant wendet sich mit seiner Videobotschaft direkt an Putin: Für "Dear Vladimir Putin" (film still, 2017), verpflichtete Sven Johne einen Schauspieler.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Sven Johne Klemm's, Berlin and Nagel Draxler, Cologne)

So will sie der Künstler auch verstanden wissen, denn der "Osten" ist für Johne eine Art "Modellregion" wo sich allgemeine Entwicklungen und Phänomene wie "Strukturwandel", "Privatisierung", "Politikverdrossenheit", "Vereinzelung" oder "Rechtsruck" mitunter einfach nur deutlicher abbilden als anderswo. "An den Oststädten sieht man die Dinge oft viel klarer, die auch den Westen betreffen" sagt Johne am Telefon, wenn man ihn nach der Ost-Spezifik in seiner Kunst fragt.

Ein Schauspieler richtet als Pegida-Demonstrant eine Ergebenheits-Videobotschaft an Putin

Mit der Kombination von Recherche und Fiktion gelingen Johne oft spekulative Erzählungen, die wie Kontrastmittel für die Wirklichkeit wirken. Das ältere Video "Lieber Wladimir Putin" produziert im Jahr 2017, ist so ein Werk. Der Künstler ließ einen Schauspieler einen sächsischen Pegida-Demonstranten spielen, der eine Ergebenheits-Videobotschaft an Wladimir Putin richtet. Auf die Idee für den Film, den man im Netz findet, kam der Künstler, als bei Pegida-Demonstrationen in Dresden russische Fahnen auftauchten. Als spezifisch deutsches oder sächsisches Phänomen will er sie nicht verstanden wissen. Putin-Versteher gäbe es schließlich auch in Frankreich oder Italien, sagt Johne.

Im Moment arbeitet der Künstler an einem Recherche-Projekt mit dem Titel "Aus Sicht des Archivs", das Anfang Juli im Rahmen des Osten-Festivals im Bitterfelder Kulturpalast Premiere hat. Gemeinsam mit dem Künstler Falk Haberkorn durchforstete Johne kommunale Bildarchive in Sachsen-Anhalt auf der Suche nach Bildern, die dort in den frühen Neunzigern abgelegt wurden. Was die Künstler über die Zeit der De-Industrialisierung und Bevölkerungsabwanderung fanden, seien vor allem "Nicht-Bilder" gewesen, die sich zu einer regelrechten "Überlieferungslücke" verdichteten. Aber auch diese Form der Archiv-Fiktion bildet eine Art von Wirklichkeit ab, die das Material für die Kunst liefert.

Sven Johne: Nabel der Welt, noch bis 20.8.2022, Galerie Nagel Draxler Köln Osten, Festival in Bitterfeld-Wolfen, 1.-17. Juli, osten-festival.de

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