Ausstellung Subtile Schlichtheit

Der Japaner Sutemi Kubo, fasziniert von den Holzschnitten der Brücke-Künstler, zeigt seine Arbeiten im Buchheim Museum

Von Sabine Reithmaier

Aus den traditionellen Holzschnitten seines Landes hat sich Sutemi Kubo nie etwas gemacht. Anders als die Künstler der "Brücke", die, wie andere Kollegen der europäischen Moderne, hingerissen auf die japanische Kunst und deren für europäische Augen unerhörte Bildsprache reagierten. Wie sie diese Technik für sich entdeckten und nutzten, faszinierte wiederum Sutemi Kubo. "Eine Begeisterung packte mich, als müsste ich vor Freude aufspringen", erinnert er sich an seine erste Begegnung mit den Holzschnitten Erich Heckels und Ernst-Ludwig Kirchners im Jahr 1984. Damals tourte die Sammlung Lothar-Günther Buchheims unter dem Titel "Der deutsche Expressionismus" durch vier japanische Museen, eines davon in Tsu, der Heimatstadt Kubos. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die erste Museumsausstellung des Künstlers in Deutschland jetzt im Bernrieder Buchheim-Museum stattfindet.

Von seinen mehr als 1600 Werken hängen 100 auf der Galerie und im Grafikkabinett, untergliedert in acht Kapitel. Die thematischen Schwerpunkte sind aber eigentlich gar nicht notwendig, denn in all seinen Bildern reflektiert Kubo über das Dasein des Menschen. Für ihn ist Kunst Selbstbefragung und Selbstbehauptung, was sich in zahlreichen Selbstbildnissen äußert. Ob als mit Fliegen übersäter Brillenträger, als struppiger "Regenesser" oder als gänzlich seine Konturen verlierendes "Phänomen genannt Ich", ob rauchend mit Schutzhelm oder kritisch blickender Intellektueller - Kubo betrachtet sich mit Selbstironie, Gelassenheit und Witz, wenn er auch die Arbeit als Künstler eher mühsam zu empfinden scheint. "Herauswürgen" nennt er eine drastische Arbeit, in der dem Porträtierten ein dicker schwarzer Strang aus dem Mund quillt.

Die inspirierenden Impulse, die er von den Brücke-Künstlern empfing, lassen sich in der Ausstellung übrigens gut nachvollziehen. 15 der Grafiken, die ihn seinerzeit so besonders beeindruckten, hängen zwischen seinen Arbeiten. "Die einfarbigen Holzdrucke, bei denen komplexe Szenen verdichtet und abstrahiert sind, haben sich unmittelbar in meine Augen gebrannt", erinnert sich Kubo in einem Interview im Katalog. Was aber nicht bedeutet, dass er seine Vorbilder nachahmt: Sein Werk, ausschließlich in Schwarz-Weiß, ist in seiner verdichteten, subtilen Schlichtheit völlig eigenständig. Und sehr poetisch.

Kubo, Jahrgang 1948, wurde gleich nach der Geburt als Ziehkind weggegeben, die Eltern waren zu beschäftigt, um sich um ihn zu kümmern, er durfte erst elf Jahre später wieder zu ihnen zurück. Weil er nicht in den städtischen Kindergarten gehen durfte, besuchte er einen christlichen. Auch sein Gymnasium war spanisch-katholisch. Das erklärt, warum er sich in einer Reihe von Holzschnitten mit dem Christentum auseinandersetzt. Eva ist bei ihm einfach eine "Frau, Früchte pflückend", während sich in der Verkündigungszene Maria und der Engel sehr nahekommen - Erotik pur. Und dazwischen immer wieder das Kreuz als Metapher für eine große Last, für ein Leben, das im Leid wächst.

Andere Bilder zeigen Familienszenen. Kubo mit Frau und drei Töchtern, ineinander verschlungen, geborgen, glücklich. Als er 1974 heiratete, war er bereits Maler, ausgebildet am Institut für Zeichnung und Malerei in Tōkyō. Erst konzentrierte er sich auf Ölgemälde, doch von 1975 an wandte er sich ausschließlich dem Holzschnitt zu, versuchte mit dieser Technik Antwort auf seine immerwährende Frage "Was ist der Mensch?" zu finden.

Kubo konnte trotz zahlreicher Ausstellungen nie von seiner Kunst leben. Vielleicht wollte er es auch nicht. Broterwerb und Kunst, für ihn "Ausdruckstätigkeit", hält er für ganz verschiedene Dinge. 24 Jahre arbeitete er als Möbelbauer, weitere zehn als Taxifahrer, besiegte zwischendurch eine Leukämieerkrankung. Jetzt ist er Rentner. Und fertigt noch immer seine anrührenden Holzschnitte.

Sutemi Kubo: Meine Brücke; bis 23. September, Buchheim Museum, Bernried