Ausstellung Strom der Erinnerung

Die Installation von Peider A. Defilla zeigt, was früher unvorstellbar war und heute beinahe alltäglich ist: Eine Drohne fliegt über Hochhäuser.

(Foto: B.O.A. Videofilmkunst)

"Geschichte wird gemacht" in der Galerie der Künstler

Von Elena Berchermeier

Ursprünglich dienten Videos dazu, Augenblicke festzuhalten und konkrete, abrufbare Erinnerungen zu schaffen. Paradox daran ist, dass heute so viele neue Aufnahmen entstehen, dass die alten im digitalen Speicher weiter nach unten rutschen - aus den Augen, aus dem Sinn. Um den Blick zu schärfen und auf die Vergangenheit zu lenken, hat der Kurator Peider A. Defilla unterschiedliche Werke in die Hallen der Galerie der Künstler geholt. Unter dem Titel "Geschichte wird gemacht - es geht voran" werden in der Ausstellung sowohl Geschichte als auch Videokunst zum zentralen Thema. Auf Plakaten, Videotapes, Fotografien und in Installationen wird Kritik geübt am Verhalten und der Naivität der Gesellschaft; außerdem soll zum Nachdenken angeregt werden.

Was einst nur dem Militär diente, ist mittlerweile ein Gadget für die Freizeit geworden: Drohnen. Sie gehören ebenso wie Smartphones längst zur technischen Standard-Ausstattung und sorgen für mehr Überblick, für mehr Überwachung. Deutlich wird ihre Präsenz in der Installation "Hellfire" von Defilla selbst. Aus Kartons sind Hochhäuser mit Fenstern ausgeschnitten - Wohnraum, der sinnbildlich für den Alltag steht. Diese werden von zwei Beamern mit blinkendem Licht angestrahlt. Der Wechsel von Tag und Nacht? Ein Warnsignal? Über allem schwebt eine Drohne. Allgegenwärtig in dieser Pappkulisse ist ein Moment der Bedrohung.

In Relation zu den Häusern wirkt die Drohne klein, die Folgen ihrer Einsätze aber sind enorm. Das Modell RQ-4B, das bei der Deutschen Luftwaffe im Einsatz ist, hat eine Reichweite von 20 000 Kilometern. Manche Drohnen haben eine punktgenaue Treffsicherheit, andere filmen die Welt von oben und zeichnen jeden Schritt auf. Die Bedrohung aber wird gerne ausgeblendet. Denn technische Fortschritte werden bedingungslos und ohne Nachfrage angenommen, verwendet für grandiose Landschaftsaufnahmen. So gerät auch die Angst vor den fliegenden Objekten immer weiter in Vergessenheit.

In insgesamt sieben Räumen und dem Foyer sind Arbeiten von den Künstlern Peider A. Defilla, Monika Huber, Christian Schnurer, Gabi Blum & Anna McCarthy, Wolfram P. Kastner, dem Kollektiv Roh-theater, der Galerie B.O.A. und Plakate des Münchner Musikverlags Trikont zu sehen. Es geht um das Zusammenspiel von Geschichte und Erinnerung, von Bild und Ton. Die Themen reichen dabei von der Bücherverbrennung 1933 über den arabischen Frühling bis hin zur Auseinandersetzung mit der Untergangsangst.

Aus den hinteren Räumen dringen Geräusche nach vorn. Es sind aufgezeichnete Stimmen, die durcheinander sprechen, aber auch der schrille Klang einer hohen Klaviertaste. Kaum ein Raum, der so nicht mit dem anderen verbunden wäre. Beginnt man, sich auf einen Teil der Ausstellung zu konzentrieren, wird man aus den Gedanken gerissen. Dieses Konzept aber untergräbt das Vergessen. Neben neuen Eindrücken gibt es eben immer wieder die Erinnerung an die Momente davor. So scheint die Ausstellung als Gegenstück zur Realität zu funktionieren, und Erlebtes bleibt präsent, während es im Leben durch zu viele neue Eindrücke in Vergessenheit gerät.

Geschichte wird gemacht - es geht voran, bis 25. August, Mi.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-20 Uhr, Galerie der Künstler, Maximilianstr. 42, 22 04 63