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Ausstellung "Springer und die Juden" in Frankfurt:Bild dir dein Volk

Arbeit im "seelischen Bezirk" der Deutschen: Die Versöhnung mit den Juden war eines der Leitthemen Axel Springers. Er sah sich in einem Endkampf zwischen den Mächten des Lichts und der Dunkelheit. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt thematisiert die Verschränkung von politischen und heilsgeschichtlichen Motiven des "Bild"-Verlegers.

Einsam und sinnend steht der Verleger Axel Springer auf dem biblischen Ölberg und lässt seinen Blick über die Altstadt von Jerusalem bis zum Horizont schweifen. Aus solcher Perspektive hatte auch schon der Maler Oskar Kokoschka die wehrhafte Stadt in ihren alten Mauern gemalt. Zur Einweihung der im Oktober 1966 von Hamburg nach Berlin verlegten Firmenzentrale ließ Springer Kokoschkas 1930 entstandene "View of Jerusalem" aus dem Detroit Museum of Art entleihen.

Ausstellung 'Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden'

"Für mich sind das Überleben des jüdischen Volkes und der Wiederaufbau des Staates Israel der Beweis, dass Gottes Versprechen in der Bibel sich erfüllen wird," sagte Axel Springer.

(Foto: dapd)

Zuvor hatte er den Maler selbst nach Berlin eingeladen und ihm auf der Dachterrasse des Verlags-Hochhauses ein Atelier einrichten lassen, mit Blick auf Mauer, Sperrgürtel und die Jerusalemstraße. Als Auftragswerk entstand so das Gemälde "Berlin, 13. August 1966", das bei der Einweihungsfeier am jüdischen Festtag Simchat Torah in Anwesenheit des Künstlers enthüllt und der "Ansicht von Jerusalem" zur Seite gestellt wurde. Ein Gelöbnis auf die Wiedervereinigung beider Städte und auf einen sich wechselseitig bespiegelnden Platz in der göttlichen Heilsgeschichte.

"Bild dir dein Volk" steht als anspielungsreiches Motto über der neuen Ausstellung, mit der Frankfurts Jüdisches Museum dem Thema nachgeht, was es mit dem Verhältnis Axel Springers zu den Juden und zum Staate Israel auf sich hatte - angefangen mit der vertraglichen Verpflichtung der Redakteure seines Hauses auf "das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen" und auf die "Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes". Die Schau produziert allerdings mehr neue Fragen, als sie Antworten gibt. Kuratiert von dem aus Osteuropa immigrierten Wissenschaftler Dimitrij Belkin, wagt sie einen unbequemen Blick auf deutsche Befindlichkeiten, wie er so erfrischend wohl nur von außen möglich ist.

Niemand berichtete mehr über den Auschwitz-Prozess

Wie in dem bespiegelten Korridor, in dem sich die Besucher plötzlich in der Umgebung Springers wiederfinden, der auf der gegenüberliegenden Fotowand im Juni 1967 über die Via Dolorosa von Jerusalem schreitet, brechen sich in dieser Ausstellung deutsche und jüdische Perspektiven auf die Nachkriegszeit und deren Fortsetzung in der Gegenwart. Das ist stets virulent zum Beispiel im Israelstoff, der seine unbewusste, beinahe mystisch-religiöse Aufladung immer dann erfährt, wenn der Name der Stadt Jerusalem fällt.

"Für mich", sagte Axel Springer, der erste Deutsche, dem der Ehrentitel "Bewahrer Jerusalems" verliehen wurde, in seiner Dankesrede, "für mich sind das Überleben des jüdischen Volkes und der Wiederaufbau des Staates Israel der Beweis, dass Gottes Versprechen in der Bibel sich erfüllen wird." Dass die Verschränkung von politisch-zeitgeschichtlichen und theologisch-heilsgeschichtlichen Motiven kein leeres Gerede war, macht die Ausstellung ebenso deutlich wie die im Kern durchaus unpolitischen Antriebe, mit denen die viel geschmähte Springer-Presse sich - mit einem Verlegerwort - dem "seelischen Bezirk" der Deutschen annahm. Mit eminent politischen Konsequenzen: Kein deutsches Medium hat dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess so viel tägliche Aufmerksamkeit gewidmet wie die BILD-Zeitung. Man muss sich in Umkehrung nur einmal vorstellen, wie anders es um die Bewusstseinsgeschichte der Deutschen heute bestellt wäre, hätte die Springer-Presse antisemitische Stimmungsmache bewusst gepflegt, statt gemieden und mitunter bekämpft.

Zwei große Irritationen, denen die Ausstellung breiten Raum gewährt, stellen sich dem Besucher in den Weg - die eine ist bekannt, die andere eröffnet Neuland. Bekannt ist, dass im Widerspruch zur offiziellen Politik des Hauses auch ehemals hochrangige Funktionäre und Propagandisten des NS-Regimes, darunter notorische Antisemiten, Schlüsselstellungen sogar im engsten Beraterkreis des Verlegers einnahmen.

Springer sah sich und seine Zeit als Armageddon

Weniger bekannt oder nie gebührend ernst genommen - vielleicht aber einen Schlüssel zu jenem Missverhältnis bietend -, wurden Springers religiöse Antriebe, in denen manichäisch-chiliastische Motive ein eigenartiges Synkret mit protestantischer Schuld- und Sühnetheologie eingingen. In den Büchern der Basilea Schlink, die nach einer Erweckung den Orden der Evangelischen Marienschwestern gründete, fand Axel Springer, wie er bekannte, "das Rätsel meiner Zuneigung zu den Juden und Israel ganz abseits (!) von der selbstverständlichen Wiedergutmachungspflicht erklärt", aus Stoff und Motiven der Apokalypse des Johannes.

"Apokalypsis" heißt "Enthüllung", was ja auch im journalistischen Zusammenhang ein Schlüsselwort ist. Springer sah sich und seine Zeit als Armageddon, als Epoche des Endkampfs zwischen den Mächten des Lichts und jenen der Finsternis. Letztere erblickten er und seine Getreuen im "Bolschewismus" verkörpert. Ihr "Antibolschewismus" lieferte die Plattform, auf der sich auch alte Nazis und erklärte Antisemiten anbinden, Zeitgeschichte sich in Heilsgeschichte umdeuten und Altes und Neues Jerusalem sich wiedervereinen und miteinander versöhnen ließen.

Und wenn unter Menschen ohnehin keiner ohne Schuld ist, dann gibt es auch nur ein einziges, auch Opfer und ehemalige Täter vereinigendes Ziel der Erlösung - den Gottesstaat. Für Axel Springer, den Verleger als Erlöser, hätte das Neue Jerusalem - in der Nachfolge des Alten - auch auf Berliner Boden entstehen können.

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